«Auf Spenden angewiesen» - SVP-Nationalrat kritisiert Spendenaufruf von Tamara Funiciello
Publiziert

«Auf Spenden angewiesen» SVP-Nationalrat kritisiert Spendenaufruf von Tamara Funiciello

Auf ihrer Homepage sammelt SP-Nationalrätin Funiciello Geld für ihre politische Arbeit. Für SVP-Nationalrat Andreas Glarner unverständlich – obwohl sein Parteikollege dasselbe tut.

von
Leo Hurni
1 / 8
SVP-Nationalrat Andreas Glarner regt sich über einen Spendenaufruf von SP-Nationalrätin Tamara Funiciello auf. «Für meine politische Arbeit bin ich auf viele kleine Spenden angewiesen», schreibt diese auf ihrer Website.

SVP-Nationalrat Andreas Glarner regt sich über einen Spendenaufruf von SP-Nationalrätin Tamara Funiciello auf. «Für meine politische Arbeit bin ich auf viele kleine Spenden angewiesen», schreibt diese auf ihrer Website.

Tamedia AG
«Dass man mit einem Parlamentarier-Lohn von rund 130’000 Franken noch auf Spenden angewiesen ist, finde ich ganz übel», so Glarner gegenüber 20 Minuten.

«Dass man mit einem Parlamentarier-Lohn von rund 130’000 Franken noch auf Spenden angewiesen ist, finde ich ganz übel», so Glarner gegenüber 20 Minuten.

PARLAMENTSDIENSTE
SP-Nationalrätin Tamara Funiciello will dazu nichts sagen. «Ich nehme keine Stellung zur Provokation von Andreas Glarner», sagt sie gegenüber 20 Minuten. 

SP-Nationalrätin Tamara Funiciello will dazu nichts sagen. «Ich nehme keine Stellung zur Provokation von Andreas Glarner», sagt sie gegenüber 20 Minuten.

Franziska Rothenbuehler

Darum gehts

  • SVP-Nationalrat Andreas Glarner kritisiert einen Spendenaufruf von SP-Nationalrätin Tamara Funiciello.

  • Funiciello will dazu keine Stellung nehmen, doch die SP verteidigt die Nationalrätin.

  • Ein Kommunikationsexperte und eine Politologin ordnen ein, wie berechtigt Glarners Kritik ist.

«Für meine politische Arbeit bin ich auf viele kleine Spenden angewiesen.» Dieser Satz auf der Website von SP-Nationalrätin Tamara Funiciello verärgert SVP-Nationalrat Andreas Glarner so, dass er seiner Wut auf Twitter freien Lauf lässt. «Das ist wirklich dreist», schreibt er.

«Ich war zufälligerweise auf der Homepage, als ich den Spendenaufruf fand. Dass man mit einem Parlamentarier-Lohn von rund 130’000 Franken noch auf Spenden angewiesen ist, finde ich ganz übel», sagt Glarner gegenüber 20 Minuten. Man verspotte damit alle, die nicht so viel verdienten wie sie. «Was sollen die von Funiciello angeblich vertretenen Büezer, Kassiererinnen oder Coiffeusen denken? Funiciello bekommt den Hals nicht genug.» Zudem sei man mit dem Mandat noch nicht voll ausgelastet. «Wenn man den Nationalrats-Job als 50 Prozent Stelle sieht, verdient man rund eine Viertelmillion pro Jahr. Da braucht man doch keine Spenden mehr.»

Köppel sammelt ebenfalls

Auf Twitter sorgte Glarners Post für viel Diskussion und Kritik. Etwa, dass Parteikollege Roger Köppel auf seiner Website ebenfalls Spenden sammle. «Das begrüsse ich zwar nicht, doch er spricht immerhin nicht davon, dass er auf die Spenden angewiesen sei», so Glarner. Köppels Wortlaut: «Ich brauche Ihre Unterstützung.»

SP-Nationalrätin Tamara Funiciello will dazu nichts sagen. «Ich nehme keine Stellung zur Provokation von Andreas Glarner», sagt sie gegenüber 20 Minuten. Die SP Schweiz sagt auf Anfrage, es sei ein ganz normaler Teil der politischen Arbeit aller Parlamentsmitglieder, auf nationaler Ebene – von rechts bis links, Fundraising für politische Projekte zu machen.

«Bescheiden und transparent»

Für Kommunikationsexperte Mark Balsiger ist Funiciellos Aufruf transparent. «Spenden ist bekanntlich freiwillig. Nationalrätin Funiciello macht auf ihrer Website einen öffentlichen Aufruf. Die Beträge, die sie vorschlägt, sind bescheiden.» Der Aufruf für Spenden sei bei Politikerinnen und Politikern verbreitet. «Das ist nichts Anrüchiges», so Balsiger.

Für Glarners Vorwürfe hat Balsiger wenig Verständnis: Die Mitglieder im Schweizer Parlament verdienten zudem im europäischen Vergleich sehr wenig. «Tamara Funiciello wuchs zum Teil in Italien und in bescheidenen Verhältnissen auf. Sie weiss aufgrund ihrer Biografie, wie es hier den Büezern und Coiffeusen geht. Nach meiner Beobachtung hat sie die Bodenhaftung nicht verloren. Aber man kann natürlich mit falschen Zahlen auf Twitter jederzeit eine Polemik anzetteln», so Balsiger.

Fast eine Vollzeitbeschäftigung

Denn die von Glarner genannten 130’000 Franken täuschen. Laut Politologin Stefanie Bailer von der Universität Basel liege das Jahresgehalt der Parlamentarierinnen und Parlamentarier nicht so hoch. «Es beläuft sich auf ungefähr 70’000 Franken Entschädigung. Dazu kommen natürlich noch Spesen, doch es ist nicht korrekt, diese zur Entlöhnung dazuzählen, da die Nationalräte und Nationalrätinnen das ja tatsächlich etwa zum Übernachten verwenden.»

Dazu kommt, dass bei vielen Parteien die Parlamentarier einen Teil ihres Lohnes abgeben. Bei der SP leisten auf nationaler Ebene alle Mitglieder der Bundeshausfraktion eine Abgabe von vier Prozent ihres Nettoeinkommens an die SP-Fraktion. «Tamara Funiciello weist alle ihre Einkommen auf ihrer Website transparent aus – im Gegensatz zu manchen bürgerlichen Politikerinnen und Politiker, die oft intransparent Gelder von Lobbys und Grosskonzernen erhalten», so SP-Mediensprecher Nicolas Haesler.

Das verdienen die Mitglieder des Nationalrates

Das Gesetz sieht für die Parlamentarierinnen und Parlamentarier folgende Entschädigungen vor:

  • Jahreseinkommen für die Vorbereitung der Ratsarbeit: 26 000 Franken

  • Taggeld im Rat und in den Kommissionen: 440 Franken

  • Jahresentschädigung für Personal- und Sachausgaben: 33 000 Franken

Dazu kommen verschiedenste Entschädigungen, etwa für Essen, Reisen und Übernachten, Pensionskasse sowie zusätzliche Entschädigungen für Rats- und Kommissionspräsidien. Ein Teil der Entschädigungen ist steuerfrei. Damit betragen je nach Anzahl Sitzungstage und Funktionen Honorar und Spesen rund 130’000 bis 150’000 Franken pro Jahr und Person. Gleichzeitig ist das Schweizer Parlament ein Milizparlament. Die meisten Ratsmitglieder sind nicht Berufspolitikerinnen und Berufspolitiker und verdienen mit zusätzlicher Arbeit noch dazu.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

142 Kommentare