Aktualisiert 28.03.2014 15:30

Hirnschlag-Prozess

SVP-Politiker half nicht – freigesprochen

Wegen Unterlassung der Nothilfe stand am Freitagvormittag ein 48-jähriges SVP-Mitglied vor dem Baselbieter Strafgericht. Der Richter hat ihn jetzt freigesprochen.

von
aj

Der Angeklagte André Rudolph wurde um 12.45 Uhr vom Vorwurf der Unterlassenen Nothilfe freigesprochen. Begründung: «Nicht alles, was man im Nachhinein anders gemacht hätte, ist strafbar», sagte der Richter. Der Angeklagte hat die Situation komplett falsch eingeschätzt, fahrlässiges Handeln kann ihm aber nicht angelastet werden.

Das Schicksal des Angeklagten gehe allen zu Herzen. «Das ist eine Tragödie. Das Mitgefühl geht auch vom Gericht an die Familie. Aber nicht jede moralische Pflicht steht unter Strafe», so der Richter. Das Gericht könne aber nur eine juristische Sicht vornehmen – dabei könne es sich nur an diese Grundsätze halten, die das Gesetz vorschreibe. In diesem Sinn wurde der Angeklagte freigesprochen. Die Genugtuungsforderungen in der Höhe von 40'000 Franken werden auf den Zivilweg verwiesen.

Es bestand Lebensgefahr

Der Staatsanwalt Arnold Büeler sagte beim Verlesen des Plädoyers: «Die Hölle ist, wenn man niemanden hat, der einem hilft: Das Opfer hat das sprichwörtlich erfahren, als es an den Folgen eines Hirnschlages zusammenbrach.» Denn der Abend des 17. Juli 2011 änderte das Leben des heute 18-jährigen Martin* schlagartig – und die Geschichte dahinter ist sehr tragisch.

Martin brach vor einem Bancomaten zusammen und erlitt einen Hirnschlag. Der Schüler ist halbseitig gelähmt, kann nicht reden und nicht sprechen. Dies bestätigte am Freitag Vormittag vor dem Strafgericht Dr. Holger Wittig, der als Experte geladen war. Demnach bestand für Martin, der an einer Blutgerinnungsstörung leidet, unmittelbare Lebensgefahr – «was man hätte erkennen können, dass diese Person hilfsbedürftig ist», sagt der Experte auf die Frage, ob man die Lebensgefahr hätte erkennen können.

Video gezeigt

André Rudolph fuhr um 20.40 Uhr mit seinem gelben Cabriolet beim Bancomaten vor, wie das Überwachungsvideo dokumentiert. Laut eigenen Aussagen war das SVP-Mitglied emotional aufgewühlt, da es am Vorabend in Frankreich ausgeraubt worden war.

Nachdem sich Rudolph vom Bancomaten entfernt hatte, sieht man im Video, wie sich Martin zuerst am Geländer festhält und dann zu Boden geht. Er greift sich immer wieder an den Kopf, einmal an die Brust, hat ein Bein angewinkelt und ist in seitlicher Lage. Martin schleift sich dann weiter und kommt unterhalb der Treppe zu liegen, was auf dem Video aber nicht zu sehen war.

«Es tut mir mega leid»

Nach dem Abspielen des Videos sagte Rudolph, es sei für ihn nicht ersichtlich gewesen, dass Martin ein medizinisches Problem gehabt habe. «Es tut mir mega leid, was passiert ist. Aber ich konnte nicht klar denken und ich hatte null Bewusstsein, dass er ein medizinisches Problem hatte.» Für den Freigesprochenen sah die Szenerie gestellt und künstlich aus. Er fühlte sich bedroht. «Ich fragte den Jungen, ob er Hilfe brauche. Er lächelte mich nur an und gab mir keine Antwort. Es war für mich Showtime.»

Rudolph fuhr ins Büro, holte das Ersatztelefon und kehrte zurück, weil er nach eigenen Aussagen verunsichert war. 17 Minuten später lag der Junge nicht mehr dort. Rudolph sah sich bestätigt und fuhr wieder zurück in die Ferien nach Frankreich. Dort erfuhr er eine Woche später von einer seiner drei Töchter, dass Martin einen Hirnschlag erlitten hatte. Brisant: Eine der Töchter ging mit Martin zur Schule. Vor Gericht sagte der Freigesprochene, den Jungen und dessen Eltern nicht gekannt zu haben.

Emotionaler Brief

Vor Gericht sagte die Mutter, dass Martin noch immer halbseitig gelähmt ist. «Er lernte wieder zu gehen. Sein rechtes Bein zieht er nach. Er kann weder lesen noch schreiben – und spricht nur gebrochen», so die Mutter. Martin werde psychiatrisch und psychologisch betreut. «Er musste die Schule abbrechen und nimmt Antidepressiva», so die Mutter weiter.

Sie schrieb Rudolph und dem Richter einen Brief und las diesen in der Verhandlung vor. Unter anderem sagte sie: «Dass sie für den Schlaganfall nichts können, das weiss ich. Aber ich trage ein Bild in mir – von einem Mann, der sich den Zusammenbruch anschaute und wegging. Sie haben auch Kinder. Was sind Sie für ein Vorbild? Sie haben sehr egoistisch gehandelt.»

Rudolph entgegnete: «Ich verstehe Ihren Schmerz» – sagte aber, dass einzelne Details unter der Gürtenlinie seien. Er betonte, dass er durchaus jemand mit Zivilcourage sei. «Ich habe in zwei Fällen von epileptischen Fällen auch schon geholfen», sagte er. Sein Verteidiger Stefan Suter betonte, dass sein Mandant auch unter den Vorwürfen leide, und betonte, dass er der Einzige gewesen sei, der Verantwortung gezeigt habe, und verlangte darum einen Freispruch.

Um 12.45 Uhr folgte ihm der Richter. Der Opferanwalt und die Familie wollen das Urteil analysieren und dann entscheiden, wie es weitergehen soll, wie der Anwalt gegenüber 20 Minuten verkündete.

*Name geändert

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