Aktualisiert 31.05.2019 12:21

Bürgerlicher Klimaschutz

SVP-Reimann pflanzt Bäume gegen Klimawandel

Ein Rechter wird grün: Nationalrat Lukas Reimann unterstützt Waldbesitzer bei der CO2-Kompensation. Gut gemeint, bringe aber wenig, so ein Experte.

von
P. Michel
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Oskar Seger (FDP), Beni Gautschi (CVP) und Lukas Reimann (SVP) haben den Verein «Allianz für eine CO2-neutrale Schweiz» gegründet. Das Ziel: Förster ermuntern, durch naturnahe Bewirtschaftung des Waldes CO2 zu kompensieren.

Oskar Seger (FDP), Beni Gautschi (CVP) und Lukas Reimann (SVP) haben den Verein «Allianz für eine CO2-neutrale Schweiz» gegründet. Das Ziel: Förster ermuntern, durch naturnahe Bewirtschaftung des Waldes CO2 zu kompensieren.

Lieberherr Reto
Naturnah bedeutet, dass der Förster nur einzelne Bäume schlägt, diverse Arten hält, tote Bäume stehen lässt und pro abgeholztem Baum zwei neue nachpflanzt.

Naturnah bedeutet, dass der Förster nur einzelne Bäume schlägt, diverse Arten hält, tote Bäume stehen lässt und pro abgeholztem Baum zwei neue nachpflanzt.

Lieberherr Reto
Die Allianz analysiert per Satellitenbilder den Baumbestand in den Reservaten und verkauft die kompensierte Menge als CO2-Zertifikate an Firmen, die so ihre eigenen Emissionen reduzieren können. Der Vertrag für ein Waldreservat läuft für zehn Jahre.

Die Allianz analysiert per Satellitenbilder den Baumbestand in den Reservaten und verkauft die kompensierte Menge als CO2-Zertifikate an Firmen, die so ihre eigenen Emissionen reduzieren können. Der Vertrag für ein Waldreservat läuft für zehn Jahre.

Die Freisinnigen und die SVP gelten nicht als Vorkämpfer gegen den Klimawandel: Sie versenkten im Nationalrat das CO2-Gesetz, auch weil ihnen Kompensationen im Inland zu weit gingen. SVP-Übervater Christoph Blocher erklärte danach, das «Modethema Klima» werde ohnehin vorbeiziehen.

Vor den Wahlen haben die beiden Parteipräsidenten reagiert und werben am kommenden Samstag für eine «liberale Klimapolitik». Knapp die Hälfte der SVP-Basis jedenfalls wünscht sich laut Tamedia-Wahlumfrage mehr Engagement der Volkspartei für den Klimaschutz. Die FDP hatte nach einer Mitgliederbefragung bereits umgeschwenkt.

Neuer Verein gegründet

Jetzt prescht SVP-Nationalrat Lukas Reimann mit einer eigenen Antwort auf die Klimastreiks und den Ruf der Basis nach bürgerlichen Lösungen vor. Zusammen mit einem FDP- und einem CVP-Lokalpolitiker hat er den Verein «Allianz für eine CO2-neutrale Schweiz» gegründet.

Der Verein bezahlt Waldbesitzer dafür, dass sie ihren Wald «naturnah» bewirtschaften. Das bedeutet, dass der Förster nur einzelne Bäume schlägt, diverse Arten hält, tote Bäume stehen lässt und pro abgeholztem Baum zwei neue nachpflanzt.

Durch die zusätzlichen Bäume wird CO2 gebunden – allein im Jahr 2019 sollen 100 Waldreservate 10'000 Tonnen absorbieren. Die Allianz analysiert per Satellitenbilder den Baumbestand in den Reservaten und verkauft die kompensierte Menge als CO2-Zertifikate an Firmen, die so ihre eigenen Emissionen reduzieren können. Der Vertrag für ein Waldreservat läuft für zehn Jahre.

«Sehe den Sinn in einigen grünen Anliegen»

Ist aus SVPler Lukas Reimann damit ein Grüner geworden? «Umweltbewusste Anliegen müssen ja nicht immer von den Grünen kommen», sagt er dazu zu 20 Minuten. Er sehe den Sinn in einigen grünen Anliegen, und er habe auch gelegentlich dafür gestimmt. «Ich fordere einfach nicht so viel wie die Grünen, sondern mache lieber.» Dass das Klima auch bei der SVP-Basis immer mehr ein Anliegen ist, sei ihm bewusst. Zum CO2-Projekt sagt er: «Es ist wichtig, dass freiwillig kompensiert werden kann und wenn möglich in der Schweiz.»

Mit an Bord ist auch der Wittenbacher Gemeinderat und Revierförster Beni Gautschi (CVP). Das Potential des Waldes für den Klimaschutz sei gross, sagt er. Heute sei es für Waldbesitzer aber nicht attraktiv, ihn so zu bewirtschaften, dass möglichst viel CO2 gebunden werde. Mit dem finanziellen Anreiz von 50 Franken pro Tonne steige das Interesse. Die Lösung unterscheide sich von links-grünen Konzepten, indem CO2 unbürokratisch und ohne Mahnfinger und Belehrungen erfolge.

Auch die Biodiversität könnte profitieren

Gautschi betont einen weiteren Vorteil der Waldreservate: Sie steigerten die Biodiversität. Diese profitiere, indem beispielsweise tote stehende Bäume Pilzen, Vögeln und Insekten Lebensraum böten. Auch werde das CO2 im Inland kompensiert, wodurch das Geld in der Schweiz bleibe. Angst, dass die Waldbesitzer nach Ablauf des Vertrages den Wald wieder auf maximalen Ertrag trimmen, hat Gautschi nicht: «Ein naturnaher Wald ist beständiger gegen Stürme oder Borkenkäfer, weshalb es keinen Sinn macht, auf maximale Ernte zurückzugehen.»

Ein Experte hat indes Zweifel am Ansatz des Vereins. Das Potential des Schweizer Waldes, noch mehr CO2 zu speichern, sei gering, sagt Jürgen Blaser, Dozent für Internationale Waldwissenschaft und Klimawandel an der Berner Fachhochschule (siehe Interview). Auch wenn ihr Projekt den Schweizer Ausstoss von 47,2 Millionen Tonnen Co2 kaum schmälert, sagt Gautschi, man wolle stetig wachsen. «Wir tun im Wald, was wir können und hoffen, dass weitere Initiativen folgen.»

Herr Blaser, was halten Sie vom Konzept?

Es tönt auf den ersten Blick gut, ist aber langfristig nicht durchdacht. Mir scheint es eine Polit-Werbeaktion.

Warum?

Die Schweizer Waldfläche nimmt bereits zu, etwa im Tessin und in Graubünden. Wir haben keine Flächen in der Schweiz, die wir noch aufforsten könnten, und die bestehenden Wälder sind bereits sehr dicht. Zudem werden Schweizer Wälder bereits per Gesetz naturnah bewirtschaftet. Die vorgeschlagenen Reservate bieten also nicht viel Neues.

Sie sind auch Förster. Was ist gegen mehr Geld für den Wald einzuwenden?

Natürlich nichts. Aber die Reservate werden für die Klimaziele keinen relevanten Beitrag leisten. Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein.

Wie wäre das Geld denn besser investiert?

Im Bereich Wald könnte das Geld im Ausland mehr bewirken. Viele Länder des Südens verlieren grosse Waldflächen und damit CO2-Speicher. Dort ist die Walderhaltung und die Aufforstung wichtig und leistet einen viel grösseren Beitrag zum Klimaschutz.

Kann CO2-Kompensation das Klima überhaupt retten?

Nein, wir kommen nicht nicht darum herum, den Ausstoss zu senken. Durch Kompensation gewinnen wir etwas mehr Zeit, sie ist ein Zwischenschritt. Der Wald leistet aber auch bei der Anpassung an den Klimawandel einen wichtigen Beitrag: Zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, im Erosionsschutz und der Trinkwasserspeicherung. Für solche Waldleistungen sollten die schweizerischen Waldbesitzer eher entschädigt werden als für kurzfristige CO2-Leistungen.

*Jürgen Blaser ist Dozent für Internationale Waldwissenschaft und Klimawandel an der Berner Fachhochschule.

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