Kritik aus den eigenen Reihen: «SVP spürt den Puls der Bevölkerung nicht mehr»
Aktualisiert

Kritik aus den eigenen Reihen«SVP spürt den Puls der Bevölkerung nicht mehr»

Eine SVP-Gemeindepräsidentin schiesst auf Facebook gegen die eigene Partei. Sie habe schon lange den Draht zur Bevölkerung verloren.

von
lz
1 / 8
Ursula Fehr (im Bild links), die Ehefrau des ehemaligen SVP-Nationalrates Hans Fehr (im Bild rechts)  und Gemeindepräsidentin von Eglisau (ZH), äusserte sich in einem Kommentar zu einem Watson-Artikel über den Zustand der SVP.

Ursula Fehr (im Bild links), die Ehefrau des ehemaligen SVP-Nationalrates Hans Fehr (im Bild rechts) und Gemeindepräsidentin von Eglisau (ZH), äusserte sich in einem Kommentar zu einem Watson-Artikel über den Zustand der SVP.

Keystone/Walter Bieri
Fehr schrieb: «Mich wundert, dass sich die SVP immer noch als Volkspartei bezeichnet, fühlt und ausgibt und versucht, sich von der Classe politique abzugrenzen. Das war vielleicht einmal, vor vielen, vielen Jahren. Jetzt regiert das Geld und die Macht weniger Exponenten.»

Fehr schrieb: «Mich wundert, dass sich die SVP immer noch als Volkspartei bezeichnet, fühlt und ausgibt und versucht, sich von der Classe politique abzugrenzen. Das war vielleicht einmal, vor vielen, vielen Jahren. Jetzt regiert das Geld und die Macht weniger Exponenten.»

Keystone/Peter Schneider
SVP-Quereinsteiger Roger Köppel begrüsst zwar, dass Ursula Fehr sich über die Distanz der SVP zum Volk sorgt. Aber: «Die Abgehobenheit ist für jede Partei ein Risiko, das aber wird verschlimmert, wenn man die Partei zu einem geschlossenen Zirkel macht.»

SVP-Quereinsteiger Roger Köppel begrüsst zwar, dass Ursula Fehr sich über die Distanz der SVP zum Volk sorgt. Aber: «Die Abgehobenheit ist für jede Partei ein Risiko, das aber wird verschlimmert, wenn man die Partei zu einem geschlossenen Zirkel macht.»

Keystone/Peter Schneider

Ursula Fehr macht sich Sorgen um ihre Partei. Die Ehefrau des ehemaligen SVP-Nationalrats Hans Fehr und Gemeindepräsidentin von Eglisau (ZH) äusserte sich in einem Kommentar zu einem Watson-Artikel wie folgt über den Zustand der SVP: «Mich wundert, dass sich die SVP immer noch als Volkspartei bezeichnet, fühlt und ausgibt und versucht, sich von der ‹Classe politique› abzugrenzen. Das war vielleicht einmal, vor vielen, vielen Jahren. Jetzt regiert das Geld und die Macht weniger Exponenten, wie mir immer mehr klar wird, und das bedaure ich sehr», zitierte der «Zürcher Unterländer».

Gegenüber der Lokalzeitung erläuterte Fehr ihren Facebook-Post: «Früher wurde eher von unten nach oben politisiert», erklärte sie. Die SVP-Politiker hätten den Puls der Bevölkerung gespürt. Heute sei dies anders.

Fehr hat gegenüber 20 Minuten zu Ihrem Facebook-Post ausführlich Stellung genommen, zog ihre Aussagen jedoch vor der Publikation zurück.

Köppel sieht sich nah am Volk

SVP-Quereinsteiger Roger Köppel begrüsst zwar, dass Ursula Fehr sich über die Distanz der SVP zum Volk sorgt. Aber: «Die Abgehobenheit ist für jede Partei ein Risiko, das aber wird verschlimmert, wenn man die Partei zu einem geschlossenen Zirkel macht.» Nicht nur Berufspolitiker, sondern auch Unternehmer oder Journalisten wie er seien täglich mit der Bevölkerung in Kontakt. Köppel plädiert aus diesem Grund für möglichst offene Parteistrukturen. «In der Politik geht es nicht darum, dass jeder sein Pöstli bekommt, sondern dass man sich für die Schweiz einsetzt.» Für ihn ist die SVP in dieser Hinsicht den anderen Parteien voraus.

Dass Kandidaten mit viel Geld und bereits gefestigten Machtpositionen in der SVP bevorzugt würden, weist Köppel zurück. «Ich wurde bei den Nationalratswahlen auf Platz 17 gesetzt.» Der Wähler ist gemäss Köppel auch nicht käuflich. «Schauen Sie Trump an. Der siegte, obwohl Hillary viel mehr Geld reinpumpte.Die Linken irren, wenn sie ihre Niederlagen mit der Finanzkraft der Gegner entschuldigen.»

Einfluss als Plus

SVP-Asylchef Andreas Glarner weist die Vorwürfe vehement zurück: «Die Parteispitze trifft sich regelmässig mit den lokalen Fraktionen, um herauszufinden, was die Bevölkerung bewegt.»

Die SVP sei nach wie vor eine Volkspartei. Das beweise nicht zuletzt auch er selber, der die klassische politische «Ochsentour» durchlaufen habe und dem der Sprung von der Lokalpolitik zum Nationalrat gelungen sei.

«In der SVP macht derjenige Karriere, der auch viel leistet. Wenn man dazu auch noch eine einflussreiche Position innehat, ist das natürlich ein Plus.» Ursula Fehrs Kritik sei wohl persönlicher Natur: «Sie hat wohl noch immer nicht verdaut, dass ihr Mann als Nationalrat abgewählt wurde.»

Die SVP erneuert sich

Politologe Simon Bornschier beobachtet eine «Erneuerung» der Partei: «Viele Mitglieder der alten Garde wurden bei den letzten Wahlen zu Gunsten von studierten urbanen Kandidaten auf die hinteren Listenplätze geschoben.» Bereits in den 90er-Jahren sei der ländliche Flügel langsam vom Zürcher Wirtschaftsflügel verdrängt worden. Um sich zu finanzieren, verlasse sich die SVP stärker auf die Ressourcen vermögender Amtsinhaber oder Parteimitglieder als andere Parteien, die sich vor allem über die lokale Basis (Mitgliederbeiträge) und die Entschädigungen ihrer Parlamentarier finanzierten.

Bornschier glaubt jedoch nicht, dass diese Veränderung die Distanz zur Wählerschaft vergrössern würde. Die neuen und die alten SVP-Wähler hätten in Bezug auf politische Sachfragen sehr ähnliche Positionen, zum Beispiel in Bezug zur Immigration, dem Verhältnis zur EU sowie generell die Opposition gegen die Neue Linke. Gemäss Bornschier hat diese ideologische Übereinstimmung es der SVP erlaubt, gegen Ende der 90er-Jahre neue Wählerschichten mit dem Thema Schweiz–Europa hinzuzugewinnen ohne die alten, ländlichen SVP-Wählerschaft zu verlieren.

Deine Meinung