Aktualisiert 01.10.2010 11:41

Totschlägerargument

Swiss-Piloten drohen mit Dienst nach Vorschrift

Kaum geht es der Swiss wieder gut, melden die Piloten Ansprüche an. Für die anstehenden GAV-Verhandlungen übt sich ihre Gewerkschaft in Kampfrhetorik.

von
Lukas Hässig
Swiss-Piloten sollen vermehrt am Boden bleiben

Swiss-Piloten sollen vermehrt am Boden bleiben

Wenn eine Gewerkschaft in der Schweiz heute wirklich noch Macht geniesst, dann ist es die Aeropers. Sie vertritt die Interessen der Piloten der Airline Swiss seit 65 Jahren mit grossem Erfolg – vor allem in Verhandlungen für Gesamtarbeitsverträge (GAV) mit ihrer Arbeitgeberin.

Solche stehen wieder vor der Tür. Zeit, auf die Pauke zu hauen, sagt sich der Verband. Die Piloten sollten sich nicht scheuen, die anhaltende Arbeitsüberlastung zu thematisieren, schreibt Aeropers-Präsident Rolf Odermatt in der neuesten Ausgabe der Mitglieder-Zeitschrift «Rundschau». Falls sich ein Pilot nicht fit fühlen würde, gehöre es zu seiner Verantwortung, sich flugunfähig zu erklären.

«Nehmen wir in der täglichen Operation die Verantwortung wahr und haben klare, überlegte und begründete Antworten!», ruft Odermatt die Aeropers-Piloten in einem Leitartikel auf. Gemeint ist, dass die Captains und Kopiloten auf die EU-Vorschriften verweisen sollten, die einen Einsatz von genügender Fitness abhängig machten.

«Safety First» wird zum Totschlägerargument

Odermatt weiss selbstverständlich, dass die Chef-Piloten renitenten Aeropers-Piloten drohen würden, sollten sich Absenzen mit Verweis auf das Gesetz häufen. Deshalb, so der Gewerkschafts-Präsident in seinem Artikel, sollten die Aeropers-Mitglieder die richtigen Antworten bereit halten.

Gemeint ist der Verweis auf die gefährdete Sicherheit. «Safety First» lautet die oberste Maxime in der Zivilfliegerei. Geschickt angewendet, wird der Slogan zum Totschlägerargument. Kein Airline-Management kann es sich erlauben, Piloten durch Drohungen zum Einsatz im Cockpit zu zwingen, wenn diese mit Verweis auf Arbeitsüberlastung die Flugsicherheit gefährdet sehen.

Erfahren durch viele Arbeitskämpfe und GAV-Verhandlungen, präpariert die Aeropers geschickt das Feld. In der gleichen Ausgabe des Mitglieder-Magazins begründet ein Airbus-A330-Captain, warum die Chancen auf einen Erfolg in den anstehenden Gesprächen mit den Swiss-Chefs gut stünden.

Swiss als «Cash Cow» des Lufthansa-Verbunds

Nach dem Grounding der Swissair vor neun Jahren, dem folgenden Krebsgang der isolierten Swiss und schliesslich dem Verkauf der Airline an die Lufthansa im Jahr 2005 hätten sich die Piloten rein imagemässig in keiner starken Verhandlungsposition befunden. Ein Pilotenstreik hätte damals den Skeptikern Recht gegeben und die Swiss in ihrer Existenz gefährdet.

Inzwischen habe sich die Swiss als «Cash Cow im Lufthansa-Konzern etabliert», schreibt der Pilot. Gleichzeitig würden die in den früheren GAVs akzeptierten Arbeitsbedingungen «die Grenzen des Zumutbaren klar überschreiten». Immer mehr Piloten würden sich nicht «fit to fly» melden, was die Belastung für die Kollegen erst recht erhöhen würde.

Der Autor führt die steigende Teilzeitarbeit unter den Swiss-Piloten ins Feld. Unter den Airbus-Piloten stieg diese in den letzten vier Jahren von 18 auf 35 Prozent, wird in der Aeropers-Postille ausgeführt. «Es muss wieder möglich sein, dass ein Pilot eine ganze Karriere lang bei einem 100-prozentigen Arbeitspensum gesund bleiben und dabei motiviert und effizient arbeiten kann», fordert der Airbus-Captain, und zählt höhere Löhne, bessere Einsatzplanung, mehr Ferien, tieferes Pensionierungsalter und anderes als Verhandlungsmasse auf.

Die Fluggesellschaft hält sich zurück

Man könnte meinen, die Piloten würden nicht bei einer modernen Airline fliegen, sondern für eine Ausbeuterfirma unter Tag Kohle schaufeln. Entsprechend folgt die stärkste Drohung. Ein Streik könne riskiert werden, meint der Autor, da die Swiss heute als «exzellente und zuverlässige Airline» gelte. Ein Streik der Piloten würde die Glaubwürdigkeit deshalb nicht unmittelbar gefährden.

Gegenüber dem Magazin «Bilanz» verzichtete die Swiss darauf, Öl ins Feuer zu giessen. «Wir reden mit, nicht über unseren Sozialpartner», zitierte das Magazin einen Sprecher.

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