Aktualisiert 16.10.2018 12:03

Ausraster auf Funk

«Swiss-Piloten motzen täglich herum»

Ein Swiss-Pilot, der seinem Ärger Luft verschaffte, ging viral. Wer den Funk mithöre, könne solche Ausfälle täglich erleben, sagt ein Aviatik-Blogger.

von
anp

Der fluchende Swiss-Pilot bewegte die Schweiz: «Es ist heute wieder mal zum Kotzen hier in Zürich, ich habe die Schnauze voll von diesem Drecksplatz», liess der Pilot über Funk verlauten – und erntete dafür Applaus der Leser. «Cooler Pilot, von denen sollte es mehr geben», schrieb einer (20 Minuten berichtete).

Aviatik-Blogger Colin Voide sagt nun zu 20 Minuten, solche Ausraster über Funk seien kein Einzelfall. «Wer den Funk mithört, kann regelmässig solche Sprüche von Swiss-Piloten hören.» Zwar sei die Reaktion des besagten Piloten besonders heftig gewesen, aber neben solchen Ausrastern kämen kleinere bis grössere Motzereien täglich vor. Voide verweist auf einen Fall vor zwei Jahren, als die Swiss für die Präsentation ihres neuen Flugzeugtyps C-Series eine Rollbahn für Foto und Video-Aufnahmen sperrte. Ein Swiss-Pilot reagierte über Funk: «Wir warten hier schon 50 Minuten, und jetzt darf man noch Föteli machen? Das ist doch en huere Seich» (siehe Video).

«Piloten sind unter Druck»

Aviatik-Fan Voide hat Verständnis für die Reaktionen der Piloten: «Sie regen sich zu Recht auf.» Wie die Swiss sieht er die Gründe hauptsächlich bei der mangelnden Infrastruktur des Flughafens Zürich, Streiks im Ausland oder Personalmangel bei den Flugsicherungen. «Es gehört zum Berufsstolz des Piloten, die Pünktlichkeit zu garantieren – und wenn man dann stundenlang im engen Cockpit warten muss, würde ich wohl auch mal laut werden.»

Obwohl solche Reaktionen zum Schmunzeln anregten, seien sie ein Zeichen für die Überlastung des gesamten Flugverkehrs», sagt Pilot D. K. «Piloten sitzen an der Front und müssen die Verspätungen bei den Passagieren ausbaden. Wir sind damit unter Druck, pünktlich abfliegen und landen zu können.» Da komme ein Ausrufer schon mal vor. «Meistens machen wir das aber ‹off the record›», so K.

«Ein Flugzeug verdient nur in der Luft»

Tobias Mattle, Mediensprecher von Aeropers, dem Pilotenverband von Swiss und Edelweiss, kann den Frust nachvollziehen. «Piloten und auch das Kabinenpersonal müssen kurze Bodenzeiten einhalten und unterstehen einem eng getakteten Flugplan. Ein Flugzeug bringt nur Geld, wenn es in der Luft ist.»

Verspätungen haben unterschiedliche Gründe. Grosse Flugplätze wie Frankfurt oder Zürich erreichten heute aber eine Kapazitätsgrenze. «Die Infrastruktur ist überlastet. Kleine Abnormalitäten können somit viel Verspätung verursachen», erklärt Mattle. «Spezifische Windsituationen können etwa die ideale Nutzung der Pisten verhindern, wodurch Verspätungen entstehen.»

Internes Reporting System

Der Pilot hätte aber den Fall besser über das interne Reporting System kommuniziert, das gut funktioniere, sagt Mattle. «Die Swiss prüft bei einem Rapport den Vorfall und geht auf die entsprechenden Partner zu. So können Fehler erkannt und zukünftig vermieden werden.»

«Sich derart darüber aufzuregen, kann passieren, sollte es aber nicht», sagt der Mediensprecher von Skyguide, Vladi Barrosa. «Ein so vehementes Ausrufen eines Piloten erleben wir im Tower selten.» Die Fluglotsen und auch die Piloten würden für die entsprechenden Funksprache geschult, sagt Barrosa. So sei es etwa normal, die Sätze des anderen zu wiederholen. «Damit gibt man zu erkennen, dass die Aussage richtig verstanden wurde», erklärt Barrosa. Auch würden unverständliche oder verwechselbare Wörter für den Funk verständlich gemacht: Anstatt «nine» sage ein Pilot «niner». «Das Fluchen gehört jedoch nicht zum angemessenen Sprachgebrauch.»

Auch die Swiss betont die gute Zusammenarbeit zwischen Piloten und Fluglotsen. «Der Kanal und die Wortwahl für seine Beschwerde waren nicht angebracht», so Swiss-Sprecherin Karin Müller. Der Vorfall werde auch nochmals intern mit dem betroffenen Piloten besprochen. Trotzdem sei die Verärgerung des Piloten über die Verspätungssituation nachvollziehbar, «und dass er sie zum Ausdruck gebracht hat, menschlich», sagt Müller.

Aviatik-Blogger Colin Voide. (Bild: Privat)

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