Swissair-Prozess: Wohin verschwand das Geld?

Aktualisiert

Swissair-Prozess: Wohin verschwand das Geld?

Einen Tag nach dem Grounding der Swissair war offenbar noch Geld genug da, um Anwälten einen Vorschuss von 200 000 Franken zu zahlen. Die Chefjuristin der ehemaligen Airline will keine Gläubiger bevorzugt haben. Die Anklage sei «konstruiert».

Im Swissair-Prozess haben die einstige Chefjuristin der SAirGroup, Karin Anderegg, und ein externer Rechtsberater ihre Unschuld beteuert. Sie mussten sich am Donnerstag wegen Gläubigerbevorzugung vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten.

Die Zürcher Staatsanwaltschaft wirft Anderegg vor, im Wissen um die Zahlungsunfähigkeit der SAirGroup eine Anwaltskanzlei willentlich gegenüber den anderen Gläubigern bevorzugt zu haben.

Die damalige Leiterin des Rechtsdienstes der SAirGroup veranlasste am 3. Oktober 2001 - am Tag nach dem Grounding der Swissair - eine Überweisung von 200 000 Fr. an die Anwaltskanzlei Bär & Karrer. Ursprünglich hatte die Kanzlei eine Rechnung in der Höhe von 300 000 Fr. gestellt.

Weil der Rechtsberater der Anwaltskanzlei die SAirGroup zu dieser Honorarzahlung aufgefordert hatte, geht die Zürcher Staatsanwaltschaft von einer Anstiftung zur Gläubigerbevorzugung aus. Die Anklage vertritt die Ansicht, dass es bei dieser Zahlung um eine Sicherstellung von offenen Honoraren ging.

Konstruierter Vorwurf

Der Vorwurf der Gläubigerbevorzugung sei völlig konstruiert, entgegnete Anderegg vor den Richtern. «Das war ein Vorschuss für künftige Leistungen, die wir dringend brauchten.»

Dass die Nachlassstundung bevorstehe, sei ihr klar gewesen. Im Interesse der SAirGroup sei es aber nicht opportun gewesen, mit der Zahlung bis zur Einsetzung eines Sachwalters zuzuwarten.

Die SAirGroup habe in diesem Moment keine andere Wahl gehabt, als einen Vorschuss zu leisten, weil die Anwaltskanzlei ansonsten ihre Arbeit eingestellt hätte, erklärte Anderegg. Gleichzeitig habe sie der Anwaltskanzlei klar gemacht, dass die offenen Rechnungen «zurzeit nicht bezahlt werden können».

«Freie Erfindungen»

Wie Anderegg forderte auch der mitangeklagte Rechtsberater einen Freispruch. Er bestritt den Vorwurf, eine unrechtmässige Honorarzahlung erhalten zu haben. Dadurch sollen gemäss Anklage die anderen Gläubiger der SAirGroup benachteiligt worden sein.

Der Angeklagte bestätigte die Darstellung der SAirGroup- Chefjuristin, wonach man in einem Gespräch zum Schluss gekommen sei, dass weitere Arbeiten der Anwaltskanzlei nur noch auf der Basis von Vorschusshonoraren geleistet würden.

Den Vorwurf der Anklage, bei der Zahlung sei es um die Sicherstellung einer offenen Rechnung gegangen, wies der Rechtsberater zurück. Zahlreiche Punkte der Anklage bezeichnete er als «freie Erfindungen der Staatsanwaltschaft».

Das Ausmass der finanziellen Schwierigkeiten der SAirGroup sei ihm nicht bekannt gewesen. Und dass eine Nachlassstundung kommen würde, sei zunächst nur eine Spekulation gewesen. «Damals konnte niemand wissen, was kommen würde», sagte der Angeklagte.

Die Anwaltskanzlei Bär & Karrer hatte im Frühling 2001 von der SAirGroup das Mandat erhalten, unter anderem strategische Fragen der Verantwortlichkeiten sowie der Haftpflicht der einzelnen Gesellschaftsorgane abzuklären. (sda)

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