27.06.2020 17:39

Nachtzuschlag nicht lösbar

Swisscom sperrt 0900-Nummern für alle Geschäftskunden

Inhaber eines Swisscom-Handy-Abos, das übers Geschäft läuft, können ab dem 29. Juni keine 0900-Nummern mehr nutzen. Auch der Nachtzuschlag für den Zug kann dann nicht mehr per SMS gelöst werden.

von
Barbara Scherer
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Die Swisscom sperrt Mehrwertdienste für Geschäftskunden. Wer sein Handy-Abo über den Arbeitgeber bezieht, ist betroffen.

Die Swisscom sperrt Mehrwertdienste für Geschäftskunden. Wer sein Handy-Abo über den Arbeitgeber bezieht, ist betroffen.

20 Minuten
So hat die Swisscom die Kunden per Brief auf die Änderung aufmerksam gemacht.

So hat die Swisscom die Kunden per Brief auf die Änderung aufmerksam gemacht.

Screenshot
Damit sind alle 0900-Nummern blockiert.

Damit sind alle 0900-Nummern blockiert.

Keystone

Darum gehts

  • Swisscom-Kunden, die ihr Handy-Abo über ihr Geschäft laufen lassen, können keine Mehrwertdienste mehr nutzen.
  • Betroffen sind 0900-Nummern und Dienste wie der Nachtzuschlag.
  • Grund für die Sperrung ist ein Bundesgerichtsurteil, das ab dem 29. Juni in Kraft tritt.
  • Privatkunden können für bis 5000 Franken jährlich Mehrwertdienste nutzen.

Tickets reservieren, den Nachtzuschlag lösen oder beim Beratungstelefon des Kinderspitals Zürich anrufen – damit ist ab dem 29. Juni Schluss: Dann sperrt die Swisscom alle Mehrwertdienste für Geschäftskunden. Läuft das Handy-Abo über den Arbeitgeber, können 0900-Nummern also nicht mehr genutzt werden.

Grund für die Sperrung ist ein Bundesgerichtsurteil. Dieses unterstellt Mehrwertdienste dem Geldwäschegesetz. Denn wer Schwarzgeld besitzt, könnte sich mit dem Anbieter einer 0900-Nummer zusammentun. «Über die Swisscom könnte das Geld dann weissgewaschen werden», erklärt Anwalt und IT-Experte Martin Steiger auf Anfrage.

So lohnt sich Geld waschen nicht

Um Geldwäscherei zu erschweren, führt die Swisscom deshalb eine Limite für Mehrwertdienste ein: Vertragspartner können ab dem 1. Juli nur noch 5000 Franken investieren, dann ist fertig. «Man könnte bis zu diesem Betrag Geld waschen, aber das lohnt sich eigentlich nicht», erklärt Steiger. Diese Limite gilt aber nur für Privatkunden.

Läuft das Swisscom-Handy-Abo über den Arbeitgeber, werden die Dienste komplett gesperrt. Denn aus systemtechnischen Gründen kann nicht sichergestellt werden, dass die Limite von 5000 Franken nicht überschritten wird, wie die Swisscom auf Anfrage erklärt. Darum werden die Dienste für Geschäftskunden von Anfang an blockiert.

Geschäfts-Abos könnten noch günstiger werden

Damit wird der Gebrauch des Geschäftshandys für Mitarbeiter eingeschränkt. Das sei ein grosses Problem, findet Comparis-Telecomexperte Jean-Claude Frick: «Schliesslich beziehen viele Schweizer ihr Handy-Abo über den Arbeitgeber. Wichtige Nummern sind für sie alle nicht mehr erreichbar.» Für die Betroffenen stelle das eine grosse Einschränkung dar.

«Ich hoffe, die Swisscom überlegt sich eine Lösung für dieses Problem», so Frick. Angestellten, die ihr Swisscom-Handy-Abo über den Arbeitgeber laufen lassen, bleibe sonst nichts anderes übrig, als ihr Abo aus dem Firmenverbund zu lösen.

«Doch dann kostet das Abo viel mehr», sagt Frick. Denn Firmen erhalten grosse Rabatte bei den Telecomanbietern und können ihren Mitarbeitern deshalb günstigere Handy-Abos anbieten. Laut Frick könnten Unternehmen nun theoretisch noch günstigere Tarife aushandeln: «Schiesslich fällt eine Funktion weg, das macht das Abo weniger wertvoll.»

Swisscom muss Kunden eine Lösung bieten

Auch Sara Stalder, Geschäftsleiterin des Konsumentenschutzes, nervt sich über den Entschluss der Swisscom: «Wer ein Handy vom Arbeitgeber erhält und es auch privat nutzen darf, sollte es uneingeschränkt brauchen können.»

Es liege nun in der Verantwortung der Swisscom, den betroffenen Geschäftskunden eine Lösung zu bieten, damit die Mitarbeiter 0900-Nummern wieder nutzen können. Weil die Sperrung in einer so kurzen Frist erfolge, müsse die Swisscom flexibel sein. «Jetzt ist eine unkomplizierte Lösung gefragt», so Stalder.

Hier bleiben 0900-Nummern erreichbar

Tatsächlich gibt es eine Möglichkeit, dass auch Geschäftskunden weiterhin 0900-Nummern anrufen können. Digitec bietet ein solches Firmenabo an: «Mitarbeiter eines Unternehmens erhalten einen Code von ihrem Arbeitgeber. Damit wird das Abo günstiger», erklärt Digitec-Sprecher Alex Hämmerli. Das Handy-Abo läuft aber weiterhin auf die Privatperson.

Somit gilt die sogenannte Geringfügigkeitsschwelle von 5000 Franken nicht für die ganze Firma, sondern für jeden einzelnen Mitarbeitenden, weshalb die 0900-Nummern nicht gesperrt werden müssen. «Wir hatten uns für diese Lösung entschieden, weil so bei einem Austritt aus dem Unternehmen kein Halterwechsel nötig ist», erklärt Hämmerli. Zudem muss eine Firma nicht für Rechnungen der Mitarbeiter bürgen.

Sunrise und Salt noch nicht betroffen

Der Entscheid des Bundesgerichts richtet sich explizit gegen das Mehrwertdienstsystem der Swisscom. Darum muss auch nur die Swisscom bis Ende Juni die Dienste sperren. Doch auch Sunrise und Salt bieten Mehrwertdienste für Geschäftskunde an. Beide Telecomanbieter stehen deshalb in Verbindung mit der Finanzmarktaufsicht, wie SRF schreibt. Sunrise werde die Kunden informieren, wie es weitergeht, Salt analysiert das Thema noch.

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26 Kommentare
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Peter

28.06.2020, 18:28

Das ist echt doof von der Schweiz, dass Dienstleistungen nicht mehr über das Telefon abgerechnet werden können.Eigentlich sollte man alle Dienstleistungen, die mehr als 5000 Fr kosten, verbieten. Es gibt auch Support-Hotlines von Computersoftware. Auch der Kauf von Erstklass-GA sollte verboten werden, und Flugreisen, die über 5000 Franken kosten, und Spitalaufenthalte, und Krankenkassenprämien von über 5000 pro Jahr!!

Notfall-Nummern

28.06.2020, 15:24

Ich finde das Ganze schon nachvollziehbar, man folgt nur der Politik, ABER Was ist mit Notfall-Rufnummern? Hier in SG sind Hausarzt-Notfall und der Tierarzt-Notdienst nur über 0900 erreichbar. Wer also kein Festnetz mehr hat und nur Firmen-Mobil braucht also nun noch ein Prepaid oder ähnliches. Kein Untergang, aber nicht optimal.

Elfenbeinturm

28.06.2020, 15:19

Dass Juristerei nicht immer etwas mit gesundem Menschenverstand zu tun hat, ist man sich mittlerweile ja gewohnt. Dieses Bundesgerichtsurteil ist aber derart weltfremd und an den Haaren herbeigezogen, dass mir dafür die Worte fehlen!