Hack-Attacke: Swisscom wird erpresst - und beugt sich

Aktualisiert

Hack-AttackeSwisscom wird erpresst - und beugt sich

Ein Hacker-Krieg im Sex-Milieu bringt die Swisscom derart in die Bredouille, dass sie dem Druck von Erpressern nachgibt und einen Kunden aus dem Internet wirft.

von
Manuel Bühlmann

Im Schweizer Sex-Milieu tobt ein Hacker-Krieg. Ein Unbekannter bombt mit sogenannten DDOS-Attacken seit Monaten gezielt Schweizer Sex-Portale zu. Dabei werden mit Trojanern verseuchte Computer aus der Ferne gesteuert, ohne dass der eigentliche Besitzer etwas davon mitbekommt. Bei einer DDOS-Attacke greifen Tausende von PCs gleichzeitig auf eine bestimmte Webseite zu, die unter der enormen Last zum Erliegen kommt und nicht mehr aufgerufen werden kann.

«Alle wissen es»

Auch das von Pietro Attardo betriebene Sex-Anzeiger-Portal happysex.ch stand im Visier des Hackers. Die Website, auf welcher Prostituierte mittels Inseraten Freier suchen, war wegen DDOS-Attacken während Monaten nicht mehr aufrufbar. «Monatlich gehen mir dadurch hohe fünfstellige Beträge flöten», erklärt der Sex-Unternehmer,

der im vergangenen April mit einem geschickt eingefädelten PR-Coup auf einen angeblichen Pornofilm mit Melanie Winiger auf sich aufmerksam gemacht hatte, frustriert. «Für mich ist es sonnenklar, in wessen Auftrag die Attacken auf happysex.ch koordiniert werden. Alle wissen es, die Strafverfolgungsbehörden sind dran, aber das dauert.»

Doch der umtriebige Geschäftsmann hat eine – zumindest vorübergehende – Lösung gefunden. Er beteiligte sich an der Firma «InTheNet», die Sicherheitslösungen für Webseiten-Betreiber bietet: «Um Schutz vor DDOS-Attacken zu gewährleisten, haben unsere Programmierer eine äusserst effektive und zugleich simple Methode entwickelt. Webseiten können damit nur noch von Rechnern mit einer Schweizer IP-Adresse aufgerufen werden und sind somit ausreichend vor DDOS-Attacken geschützt, da diese in der Regel aus dem Ausland kommen.» Dadurch fand auch happysex.ch den Weg zurück ins Internet. Gegen ausländische DDOS-Attacken ist die Site nun immun, doch Attardos Probleme sind damit nicht gelöst - im Gegenteil.

Erpresserschreiben an Swisscom

Seine Widersacher haben schnell bemerkt, dass sie mit ihren permanenten Angriffen keinen Schaden mehr anrichten konnten. Doch im Sex-Milieu ist man bekanntlich nicht zimperlich, wenn es um das Durchsetzen eigener Interessen geht: «Sie haben der Swisscom, Sunrise und anderen Internet Service Providern anonyme Mails geschrieben und unter Androhung von DDOS-Attacken auf Grosskunden unmissverständlich ans Herz gelegt, happysex.ch vom Netz zu nehmen», erklärt Attardo das Vorgehen der Konkurrenz. Als darauf nicht reagiert wurde, haben die Erpresser ihre Drohungen wahr gemacht und Swisscom-Kunden mit DDOS-Attacken angegriffen. «Die Verantwortlichen bei der Swisscom liessen sich davon einschüchtern und haben alle von InTheNet betreuten Webseiten aus dem Netz geworfen, obwohl wir selbst ja von dieser Attacke gar nicht betroffen waren», echauffiert sich Attardo.

Dass ihm die Swisscom deswegen bestehende Verträge fristlos gekündigt hat, stösst ihm sauer auf. Er fordert Genugtuung: «Die Swisscom hat Vertragsbruch begangen, wir werden Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe stellen», so Attardo. Damit beauftragte er eine Zürcher Anwaltskanzlei. Attardos Webseite ist zurzeit wieder erreichbar. Sie wird nun via Deutschland gehostet.

20 Swisscom-Kunden angegriffen

Offensichtlich können Hacker mit DDOS-Attacken die Swisscom zwingen, Dienste von Kunden auszuschalten und Webseiten vom Netz zu nehmen. Gegenüber 20 Minuten Online bestätigt die Swisscom die Angriffe: «Es war ein Internet-Anbieter betroffen, der unter anderem auf die Erotikbranche spezialisiert ist. Durch den enorm ansteigenden Datenverkehr - der gesamtschweizerisch auch andere Provider betraf - waren rund 20 weitere Swisscom-Geschäftskunden von einer Beeinträchtigung im Datenverkehr betroffen. Zum Schutz dieser Kunden und der Infrastruktur sowie um eine Beeinträchtigung der Service-Qualität zu verhindern, sah sich Swisscom veranlasst, die Seite vom Netz zu nehmen», rechtfertigt Pressesprecherin Myriam Ziesack das Vorgehen.

Welche Webseiten vom Angriff betroffen waren, wollte die Swisscom nicht sagen. Auch zum Epresserschreiben wurden keine Angaben gemacht. Wer hinter den Angriffen steckt, konnte noch nicht geklärt werden: «Die Urheber der DDOS-Attacken sind kaum zu eruieren», so Ziesack. Die Hintermänner der DDOS-Attacke sitzen also am längeren Hebel - noch.

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