Auslandseinsätze: Swisscoy-Veteranen sind entrüstet
Aktualisiert

AuslandseinsätzeSwisscoy-Veteranen sind entrüstet

Eine «Frechheit» sei der Bericht über angebliche Disziplinlosigkeit, sagen ehemalige Auslandssoldaten. Andere bestätigen den «Weltwoche»-Bericht.

von
Joel Bedetti
«Reissen sich ein Bein aus»: Swisscoy-Soldaten.

«Reissen sich ein Bein aus»: Swisscoy-Soldaten.

Der gestrige Vorabbericht der «Weltwoche»-Enthüllungen über die angebliche Disziplinlosigkeit der Swisscoy-Soldaten im Kosovo löste einige Reaktionen aus.

«Das ist einfach so … unnötig, so eine Frechheit», dröhnt eine Offiziersstimme am Telefon, nur wenige Minuten nachdem 20 Minuten Online die Vorabmeldung der veröffentlicht hat. Der Artikel habe über Facebook innert Minuten sogar Veteranen des achten Kontingents erreicht, sagt der Mann, der nach eigenen Angaben vier Jahre Dienst im Kosovo absolviert hat. Es werde wie wild gepostet, man rege sich auf.

Den Bericht der Weltwoche will er nicht als Lüge sehen, aber als Verzerrung. So bringe man die ganze Swisscoy in Misskredit. «Ich und die meisten meiner Kameraden haben diesen Job geliebt und gut gemacht», sagt der Infanterist, der im 19. und 20. Kontingent diente, aber gute Kontakte zu Mitgliedern des 21. Kontingents hat.

Es sei zwar normal, dass ab und zu gebechert werde, wie es im Militärdienst in der Schweiz auch geschehe. «Und dass junge Männer im Urlaub und in ziviler Kleidung ins Puff gehen, ist ihr gutes Recht», ärgert sich der Soldat.

Aber: «Es kann sein, dass es dort aus dem Ruder gelaufen ist», sagt der Swisscoy-Veteran.

«Unfähige und unsichere Offiziere»

Schuld an allem sei der Kommandant. «Hannes Göldi ist ein unfähiger Offizier», sagt er, er habe es nie gewagt mal richtig auf den Tisch zu hauen. «Und er konnte sich nie beim Oberkommando durchsetzen, um den eigenen Leuten mal einen spannenden Auftrag zu besorgen.» Das sei nötig, weil es immer weniger polizeiliche Aufgaben für die Infanteristen gebe.

Neben dem erbosten Offizier haben sich weitere ehemalige Swisscoy-Veteranen bei 20 Minuten Online gemeldet. Manche bestätigen die Vorwürfe, andere relativieren sie. Der Tenor ist: Im Militär gehört Alkohol und Leerlauf dazu, das Kader ist nicht über alle Zweifel erhaben - aber die meisten Soldaten erfüllen im Kosovo eine wichtige Aufgabe und erfüllen sie gewissenhaft.

Manche blieben trocken

Ein Wachtmeister, Mitglied des kritisierten Kontingents 21 bestätigt die Langeweile und die Saufgelage in seiner Dienstzeit: «Viel Zeit und Geld, das Bier fast gratis…den Rest können Sie sich selber denken!» Auch er beschuldigt den Kommandanten Hannes Göldi: Wenn jemand verantwortlich dafür sei, wie die «Truppe» gelebt habe, dann sei er es. «Das war unser Problem: unfähige, ängstliche und unsichere Offiziere.»

Der Unteroffizier sträubt sich aber gegen die Verallgemeinerung in der «Weltwoche»: «Es gab Jungs die tranken keinen Schluck.» Auch könne man die Swisscoy nicht als Truppe von Sozialfällen bezeichnen, es habe auch gestandene Familienväter gegeben und solche, die für den Einsatz ihren Job aufgegeben hätten.

«Reissen sich ein Bein aus»

H. S., der im Sommer 2007 für die Swisscoy im Kosovo war, ist entrüstet: Diese Vorwürfe seien respektlos gegenüber allen Personen, welche bei der Swisscoy ihren Dienst geleistet hätten. «Wir waren oft tagelang auf Aussenposten, hatten 24 Stunden Präsenzzeit und über mehrere Wochen ein striktes Alkoholverbot. Da konnte es passieren, dass man an seinen freien Tagen Alkohol trank.»

Es sei kein einfaches Leben gewesen als Schweizer Soldat im Kosovo, lässt S. durchblicken. Man habe 14 Stunden am Tag gearbeitet und sei danach auf Abruf bereit gewesen. Nach 16 Tagen habe es zwei Freitage gegeben, dann sei das Ganze wieder von vorne losgegangen. «Und die Familie und Freunde sind kilometerweit weg.»

Oberwachtmeister Pascal M. ist zurzeit im Kosovo als Mitglied des 22. Swisscoy-Kontingents. Das Bild, das im Bericht von der Truppe gezeichnet werde, stimme keineswegs mit der Arbeit vor Ort überein, schreibt er. «Alle hier machen einen guten Job und reissen sich ein Bein aus, um ihre Mission erfolgreich zu erfüllen.» Niemand fahre 200 Kilometer weit, um dann in ein Puff zu gehen.

Der Einsatz im Kosovo. Sinnvolle Aufgaben...

oder «Krasse Ferien ohne Rechnung»?

Swisscoy

Zurzeit ist im Kosovo das 22. Swisscoy-Kontingent mit rund 220 Mann stationiert. In den vergangenen elf Jahren haben über 8000 Freiwillige, zu über 90 Prozent Milizangehörige, im Kosovo Dienst geleistet. Der Auslandseinsatz scheint beliebt zu sein. In der «NZZ» sagte Oberst Beat Eberle, Chef der Auslandseinsätze der Schweizer Armee, dass man pro Kontingent aus 600 bis 1000 Bewerbungen auswählen könne.

Die Natotruppen ziehen sich in diesen Monaten sukzessive aus dem mehr oder weniger befriedeten Kosovo ab. Die internationale Truppe soll auf 2500 Soldaten schmelzen. Die Spanier beispielsweise sind schon abgezogen, die in Afghanistan bedrängten Deutschend beschleunigen ihren Abzug. Die Aufgaben für Milizsoldaten, beispielsweise Infanterie-Patrouillen, werden laufend reduziert. Gefragt sind zunehmend Profis, Sprengstoff- und Minenspezialisten zum Beispiel.

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