Aktualisiert 28.04.2014 11:20

Expat-Wortschöpfung«Switzerlanded» – abgezockt in der Schweiz

Der Schweiz-Begriff wird unter englischsprachigen Expats im Internet zum Verb mit negativer Bedeutung: «To be Switzerlanded» beschreibt Hochpreis-Schock und Abzocke.

von
G. Brönnimann
Fünf Franken für eine Tasse Kaffee? «You've been Switzerlanded», sagen englischsprachige Expats dazu. Sie bezeichnen damit die hohen Schweizer Preise.

Fünf Franken für eine Tasse Kaffee? «You've been Switzerlanded», sagen englischsprachige Expats dazu. Sie bezeichnen damit die hohen Schweizer Preise.

Keystone/Martin Ruetschi

«Heilige Mutter Gottes», schreibt User Phil_MCR im English Forum, «ich habe soeben 117 Franken bezahlt fürs Entwickeln eines Films und für 36 Foto-Abzüge.» Ein unglaublicher Betrag. «Ich werde jetzt in Ohnmacht fallen. Kann mir jemand sagen, ob das normal ist, damit ich nachschauen kann, wenn ich wieder zu mir komme? Danke.» Die erste Antwort stammt von einem User namens economisto: «Hehehe, you got Switzerlanded.»

Das war im Oktober 2010. Seither ist «to get/to be Switzerlanded» auf dem gut besuchten Forum für englischsprachige Expats (über 33'000 registrierte User) zum geflügelten Wort geworden: In über 430 Posts findet man den Begriff.

Hochpreis, Abzocke und Kultur-Schock

«Geschweizt werden» – es bedeutet selten Gutes. Auch manchem Schweizer dürften einige der Klagen, die auf dem Forum zu finden sind, nicht gänzlich unbekannt vorkommen. Print-at-Home-Gebühren von 3.50 Franken für Konzerttickets? «Switzerlanded!» Eine Tasse Kaffee für über fünf Franken? «Switzerlanded!» Plombe beim Zahnarzt viermal so teuer wie im Nachbarland? «Switzerlanded!»

«Switzerlanded» kommt auch dann zum Einsatz, wenn Neuankömmlinge mit Schweizer Eigen- oder Unarten konfrontiert werden, die sie nicht verstehen. Der Hund einer Forumsbenutzerin ist krank und bellt ausnahmsweise, die Nachbarn beklagen sich gleich schriftlich beim Vermieter, dieser droht mit Kündigung – «Switzerlanded». Die sechsjährige Tochter eines anderen Nutzers drückt aus Versehen auf den falschen Klingelknopf, das kleine Mädchen kriegt deswegen vom Nachbarn ein grosses Donnerwetter zu hören – «Switzerlanded». Unfreundliche Bedienung? «Switzerlanded».

Ein User bietet folgende Definition des Verbs: «Switzerlanded! -v To be overcome with surprise and bewilderment by experiences that the Swiss consider to be totally normal; the culture shock that occurs on first encounters with day-to-day life in Switzerland: CHF 65 to have a dry-suit cleaned? You've been Switzerlanded!» Zu Deutsch: «Switzerlanded! Verb Von Überraschung und Fassungslosigkeit übermannt werden bei Erfahrungen, die Schweizer total normal finden; der Kulturschock, der vorkommt, wenn man neu mit dem Schweizer Alltag konfrontiert wird: 65 Franken für eine chemische Reinigung des Anzugs? You've been Switzerlanded!»

Schweizer Image-Pfleger schweigen

20 Minuten wollte von Schweiz Tourismus wissen, wie man diese negative Entwicklung in der Verwendung des Schweiz-Begriffes einschätze. Die nationale Marketing- und Verkaufsorganisation für das Reise-, Ferien- und Kongressland Schweiz wollte dazu keine Stellung nehmen und verwies auf Präsenz Schweiz des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA.

Präsenz Schweiz ist für die Wahrnehmung der Schweiz im Ausland zuständig. Die Antwort: «Zu der von Ihnen erwähnten Verwendung des Begriffs ‹Switzerlanded› geben wir keinen Kommentar ab.» Fast scheint es so, als ob auch die beiden grossen Organisationen der Schweizer Image-Pflege ebenfalls wissen, wie man gekonnt switzerlandet.

«Switzerlanded» hat auch eine positive Bedeutung

Auf dem English Forum gibt es auch Diskussionen darüber, ob es überhaupt in Ordnung sei, den Begriff «Switzerlanded» zu verwenden. Ist das Wort nicht beleidigend? Schliesslich, und darüber ist man sich einig, sei die Schweiz doch ein tolles Land. Eine Mehrheit scheint der Meinung, man dürfe seinem Ärger ruhig Luft verschaffen, das Wort werde ja selten ohne Augenzwinkern verwendet. Auch die Mehrheit der Schweizer User, die mitdiskutieren, äussern die Meinung, sie fänden den Begriff nicht weiter tragisch.

Zudem: So festgefahren ist dessen Bedeutung dann doch nicht. Zwar überwiegt das Negative – doch wer lange sucht, findet auch positive Verwendungen. Etwa, als eine Frau ihren Laptop verliert und ein Schweizer bringt ihn unbeschadet zurückbringt: «Gratuliere, you've been Switzerlanded, aber in der bestmöglichen Art und Weise!», schreibt ein User. Oder, als eine andere Userin überglücklich das SBB-Fundbüro lobt. Kommentar: «You've been Switzerlanded! Grossartig hier, oder?»

Wurden auch Sie schon geswitzerlandet? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen an feedback@20minuten.ch

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