15.09.2020 18:19

Grüne wollen AusfuhrverbotSyngenta exportiert Tausende Tonnen verbotener Pestizide

Neue Zahlen zeigen, wie viele Tonnen Pestizide aus der Schweiz und der EU exportiert werden, obwohl diese hier verboten sind. Marktführer in diesem Geschäft ist die Firma Syngenta mit Sitz in Basel.

von
Daniel Graf
1 / 9
Tausende Tonnen Pflanzenschutzmittel, die giftige Stoffe enthalten, wurden 2018 in der Schweiz oder der EU hergestellt und dann exportiert – auch in Schwellenländer. 

Tausende Tonnen Pflanzenschutzmittel, die giftige Stoffe enthalten, wurden 2018 in der Schweiz oder der EU hergestellt und dann exportiert – auch in Schwellenländer.

REUTERS
Sie alle enthielten Stoffe, welche in der Schweiz und der EU verboten sind. 

Sie alle enthielten Stoffe, welche in der Schweiz und der EU verboten sind.

Getty Images/iStockphoto
Grünen-Ständerätin Lisa Mazzone aus Genf will die Exporte aus der Schweiz unterbinden. 

Grünen-Ständerätin Lisa Mazzone aus Genf will die Exporte aus der Schweiz unterbinden.

KEYSTONE

Darum gehts

  • 81’000 Tonnen Pflanzenschutzmittel wurden 2018 aus der Schweiz und der EU exportiert, die Stoffe enthalten, die in diesen Ländern verboten sind.
  • Public Eye und Unearthed haben diese Zahlen nach monatelanger Recherche kürzlich veröffentlicht.
  • Die Grünen versuchen schon länger, ein Exportverbot zu erwirken: Was in der Schweiz nicht legal ist, soll hier auch nicht produziert und exportiert werden dürfen.
  • Marktführer Syngenta wehrt sich: Das Unternehmen achte bei der Produktion auf höchste Standards und halte sich an sämtliche Vorgaben und Gesetze.

2018 exportierten Unternehmen aus der Schweiz und der EU 81’000 Tonnen Pestizide, obwohl diese Stoffe beinhalten, deren Einsatz in den Ländern, in denen sie hergestellt werden, verboten ist. Für rund ein Drittel dieser Exporte ist die Firma Syngenta mit Sitz in Basel verantwortlich. Hauptabnehmer sind die USA, Brasilien und Japan, aber auch Schwellen- und Drittweltländer werden beliefert. Das schreiben Public Eye und Unearthed in einer kürzlich publizierten Recherche (siehe unten).

Ein kleiner Teil der Pestizide wird in der Schweiz hergestellt (siehe Infografik). Rechtlich ist das alles im grünen Bereich. Dass Firmen wie Syngenta in der Schweiz verbotene Pestizide herstellen und exportieren, sorgt auf politischer Ebene aber immer wieder für Diskussionen. Bereits 2017 reichte die grüne Ständerätin Lisa Mazzone eine Motion mit dem Titel «Ausfuhrstopp für in der Schweiz verbotene Pestizide» ein. Pestizide, die hierzulande aufgrund von schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen oder auf die Umwelt verboten sind, sollen auch nicht exportiert werden dürfen, forderte sie.

Bundesrat hält Ausfuhrverbot für nicht verhältnismässig

Der Bundesrat beantragte die Ablehnung der Motion. In seiner Antwort schrieb er, er halte ein generelles Pestizidverbot für «nicht verhältnismässig, soweit der Schutz der Gesundheit von Menschen und der Umwelt mit anderen Massnahmen erreicht werden kann, welche die Wirtschaftsfreiheit weniger stark beschränken». Da die Motion nicht innerhalb von zwei Jahren abschliessend im Rat behandelt wurde, wurde sie Ende 2019 abgeschrieben.

Diese giftigen Stoffe wurden am häufigsten exportiert

1. Paraquat

Das Pflanzenschutzmittel Paraquat machte laut Public Eye mehr als ein Drittel der gesamten Exportmenge an giftigen Pestiziden aus. 2018 meldete Syngenta 28’000 Tonnen davon zum Export an, rund die Hälfte war für die USA bestimmt. Ein weiteres wichtiges Importland war mit 9000 Tonnen Brasilien. Ende September soll dort ein Verbot in Kraft treten, weil zahlreiche Vergiftungsfälle festgestellt worden seien. Auch ein Zusammenhang zwischen Paraquat und Parkinson ist laut Public Eye wissenschaftlich erhärtet. Im indischen Bundesstaat Odisha traten letztes Jahr Ärztinnen und Ärzte in den Hungerstreik, um das Verbot des Stoffes zu fordern. Sie machten das Herbizid für über 170 Todesfälle innerhalb von zwei Jahren verantwortlich, in Vietnam soll es Berichten aus Krankenhäusern zufolge am Tod von mehr als 1000 Menschen pro Jahr beteiligt sein.

2. Dichlorpropen

Auf Platz zwei der meistverkauften giftigen Pestizide steht auf der Liste von Public Eye Dichlorpropen. Die EU hat den «wahrscheinlich krebserregenden» Stoff 2007 verboten, weil er sowohl für die Gesundheit des Menschen wie auch für Vögel, Säugetiere und Wasserorganismen eine Gefahr darstelle. Trotzdem wurden 2018 in der EU Exportanträge für insgesamt 15’000 Tonnen Dichlorpropen gestellt. In manchen Fällen wurde die Substanz mit Chlorpikrin gemischt, einem weiteren verbotenen Pestizid, das im Ersten Weltkrieg als chemische Waffe diente. Die Mehrheit dieser Exporte stammen von den US-Unternehmen Corteva und Inovyn, einer Tochtergesellschaft des britischen Konzerns Ineos.

3. Cyanamid

An dritter Stelle der Exporte steht laut Public Eye Cyanamid, ein Wachstumsregler, der im Wein- und Obstbau eingesetzt wird. Europäische Behörden stufen die Substanz als wahrscheinlich krebserregend und reproduktionstoxisch ein. Die EU hat Cyanamid 2008 verboten, weil die Risiken für Landwirtinnen und Landarbeiter selbst mit Schutzausrüstung zu hoch waren.

Doch Mazzone gab nicht auf und hat in der Frühlingssession eine weitere Interpellation eingereicht. «Jede Tonne Pestizid mit giftigen Inhaltsstoffen, die eine Schweizer Firma herstellt und exportiert, ist eine zu viel», ist Mazzone überzeugt. «Es kann doch nicht sein, dass wir etwas als hochgefährlich einstufen, es gleichzeitig aber in andere Länder exportieren. Die Schweiz muss hier endlich ihre Verantwortung wahrnehmen, insbesondere, da mit der Firma Syngenta der Weltmarktführer in diesem Bereich seinen Hauptsitz in der Schweiz hat», so die Grünen-Ständerätin.

Der Bundesrat hat die neue Interpellation Anfang September beantwortet. Er verweist darauf, dass er sich schon 2018 bereits erklärt habe, eine Verordnungsregelung auszuarbeiten. Der Vorschlag sah vor, dass gewisse dieser hierzulande verbotenen Stoffe nur dann exportiert werden dürfen, wenn das Einfuhrland vorgängig ausdrücklich seine Zustimmung für den Import gegeben habe. Dieser Vorschlag sei aber sowohl von betroffenen Wirtschaftskreisen als auch von Nichtregierungsorganisationen abgelehnt worden.

«Das endet im Imperialismus»

FDP-Ständerat Ruedi Noser hält nichts von einem Exportverbot: «Das Argument, dass etwas nicht exportiert werden darf, weil es hier verboten ist, greift zu kurz.» Noser gibt zu bedenken, dass viele Länder auf den Einsatz von Pestiziden angewiesen seien – und die Schweiz auf das Getreide, das sie aus diesen Ländern importiere.

«Wir können acht Milliarden Menschen nicht ohne Pestizide ernähren und wir können anderen Ländern nicht vorschreiben, welche Pestizide sie verwenden sollen», sagt Noser. Das würde letztlich im Imperialismus enden. «Man kann diese Stoffe und den Umgang damit durchaus diskutieren, aber einfach den Export zu verbieten, ist keine Lösung.»

Pestizide landen auch auf unseren Tellern

Brisant: Zumindest ein Teil der giftigen Stoffe, die Syngenta exportiert, landet letztlich auch wieder auf Schweizer Tellern. 2017 fand das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit (BLV) in mehr als zehn Prozent aller importierten Lebensmittel Rückstände von Pestiziden, die hier verboten sind. Public Eye schrieb schon im Juni dieses Jahres: «Die bittere Ironie der Geschichte: Zu den am häufigsten nachgewiesenen verbotenen Pestiziden gehören viele Wirkstoffe, die der Basler Agrochemie-Konzern Syngenta in anderen Ländern verkauft hat. Einige davon wurden in den letzten Jahren sogar aus der Schweiz exportiert. Via Lebensmittelimporte landen sie nun wieder auf unseren Tellern.»

Das BLV hat in den letzten Jahren die Kontrollen, insbesondere von eingeführtem Gemüse und Früchten aus Asien, verstärkt. Im Jahresbericht 2018 heisst es dazu: «Trotz der nun schon über längere Zeit intensivierten Kontrollen genügt ein wesentlicher Teil nach wie vor nicht den gesetzlichen Mindestanforderungen bezüglich Rückständen von Pflanzenbehandlungsmitteln.»

«Wir halten alle Vorgaben ein»

Syngenta selber verweist darauf, dass in den Produktionsländern «höchsten Standards in Bezug auf Qualität, Sicherheit und Umweltschutz» gelten würden. «Sowohl in den Ländern, in denen wir produzieren, als auch dort, wo unsere Produkte für den Verkauf registriert sind, halten wir alle regulatorischen Vorgaben und Sicherheitsstandards ein», sagt Regina Ammann, Leiterin Business Sustainability.

Ein Exportverbot ist aus Sicht von Syngenta zu vermeiden, weil dies mit einer Abwanderung der Produktion im Inland und damit mit einem Arbeitsplatz- und Know-how-Verlust einhergehen würde. « Es sei hier an die laufenden Diskussionen in Politik und Bevölkerung erinnert, dass Produktionen vermehrt wieder zurückgeholt werden sollten, um die Versorgung im Inland auch in Krisenzeiten besser sicherstellen zu können», sagt Ammann.

Public Eye spricht von Doppelmoral

Dass Firmen wie Syngenta in der Schweiz und in EU-Ländern Pestizide mit Stoffen herstellen, die in diesen Ländern verboten sind, ist schon lange bekannt. Erstmals zeigen nun Zahlen von Public Eye, um wie viel Pestizid es sich handelt. «Im Jahr 2018 haben EU-Länder den Export von 81’615 Tonnen Pestiziden genehmigt, in denen sich Inhaltsstoffe finden, die zum Schutz von Mensch oder Umwelt innerhalb der EU verboten sind», heisst es in der Publikation. Zu den zehn wichtigsten Importeuren zählten Brasilien, die Ukraine, Marokko, Mexiko und Südafrika. Die Recherchen zeigten ausserdem, dass die Schweiz von 2012 bis 2019 mehr als 180 Tonnen Pestizide exportiert habe, deren Verwendung auf Schweizer Boden wegen inakzeptabler Risiken verboten worden sei.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
256 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

BigBen

16.09.2020, 16:15

Die Zulassungsbehörden ist jedes Land selbst! Nach eurer Ansicht das Produkte von CH Firmen CH Gesetze erfüllen müssen wäre im Gegensatz Produkte von ausländischen Firmen nur die Gestze ihres Herkunftlandes erfüllen müssen um in der Schweiz verkauft werden zu dürfen!

Unser wahres Gesicht

16.09.2020, 13:12

Und es gibt immer noch Menschen die behaupten unsere Grosseltern hätten den Reichtum aufgebaut. Die Wahrheit ist halt wesentlich unschöner. Einzig wegen solchen Gaunereien sind wir so unendlich Wohlhabend und wir probieren sogar uns zu rechtfertigen.

kikumitsu

16.09.2020, 09:34

diese firma , hat wohl ihren sitz in basel . nur.... die klagenden - müssen sich in china "anmelden" .