Aktualisiert 02.08.2012 21:43

Einfluss anderer MächteSyrien-Konflikt wird zum Stellvertreter-Krieg

In Syrien kämpfen Rebellen gegen Regierungstruppen. Hinter den Konfliktparteien stehen aber Staaten, die ihren Einfluss je nach Glaubensrichtung geltend machen. Stürzt Assad, droht ein Machtvakuum.

Regionalmächte liefern Geld und Waffen nach Syrien. Gotteskrieger schliessen sich dem Aufstand gegen Staatschef Baschar al-Assad an. Dessen Armee schlägt gnadenlos zurück. Der eskalierende Konflikt könnte zur Aufsplitterung Syriens führen.

«Wir haben ziemlich sicher einen Stellvertreter-Krieg in Syrien», konstatiert Ayman Kamel von der Beratungsgesellschaft Eurasia Group angesichts der Einflussnahme von aussen. In diesem Krieg stehen sich Sunniten und Schiiten gegenüber.

Während der Iran Assad unterstützt, dessen herrschende Minderheit der Alawiten im schiitischen Glauben ihre Wurzeln hat, stärken das Königreich Saudi-Arabien und andere sunnitische Mächte den Rebellen den Rücken.

Der kalte Krieg zwischen Sunniten und Schiiten in der Region könnte sich, so die Befürchtung mancher Beobachter, ausweiten und die Länder Libanon, Irak, Jordanien sowie das Nato-Mitglied Türkei destabilisieren.

Zersplitterte Opposition

«An diesem Punkt ist die internationale Dimension des Syrien- Konflikts wichtiger als die hausgemachten Gründe», sagt Experte Kamel. Jetzt sei in Syrien alles möglich. Am Tag nach dem Sturz Assads würden die zersplitterten Oppositionsgruppen sich mit ihren Forderungen und Zielen gegenseitig blockieren und die Bildung einer neuen politisch kohärenten Führung verhindern.

Das Fehlen einer einheitlichen und geschlossenen Rebellen- Führung, die nach dem Sturz Assads ein Auseinanderbrechen Syriens verhindert, ist das grösste Problem. Kamel sieht das Land bereits fragmentieren.

Zudem ist die aktiv gegen Assad kämpfende Freie Syrische Armee (FSA) für ihn nur eine Franchisefirma der sunnitischen Gruppen. Es gebe keine Geschlossenheit unter den Rebellen. «Für eine FSA bedarf es eines Kommandos, dem alle gehorchen.»

Statt dessen bestünden unterschiedliche Gruppen, die von verschiedenen Staaten Geld und Waffen erhielten. «Die sind quasi unabhängig», so Kamel. Er hält es sogar für möglich, dass die unterschiedlichen Rebellenorganisationen einander an die Gurgel gehen könnten.

Staatsautorität schwindet

«Ich sehe niemanden, der die Staatsgewalt übernehmen könnte», warnt auch der Nahost-Experte George Joffe von der Universität Cambridge vor einem Machtvakuum. Die Opposition sei tief zerstritten, wie es denn nach dem Ende der Herrschaft Assads weitergehen solle. «Wie wollen Sie die zusammenbringen?»

Der für die Beiruter Zeitung «An-Nahar» schreibende Publizist und Assad-Gegner Sarkis Naum sieht angesichts der zerstrittenen syrischen Opposition ebenfalls schwarz. Nach mehr als 40 Jahren totalitärer Herrschaft des Assad-Clans sei es für dessen Gegner nicht einfach, Regierung im Wartestand zu sein.

Der im Ausland wirkende Syrische Nationalrat (SNC) ist Spiegelbild der Uneinigkeit unter Assads Gegnern. Im SNC haben sich Muslimbrüder, Demokraten und Linke zusammengeschlossen, die einander in ideologischen und religiösen Fragen spinnefeind sind. Rebellen- Kommandanten werfen dem Nationalrat zudem vor, wenig Kontakt nach Syrien zu haben.

Im Land haben die 17 Krisenmonate des Volksaufstandes gegen Assad tiefe Spuren hinterlassen. Die Staatsautorität schwindet, ganze Regionen sind der Kontrolle der Regierung entglitten, die Einheit des Landes gilt wenig und Rebellengruppen mit unterschiedlichen Zielen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Angesichts solcher Entwicklung sei in einem Syrien nach Assad ein reibungsloser Machtübergang nicht zu erwarten, warnt Kamel. (sda)

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