Bürgerkrieg: Syrien zieht junge französische Muslime an
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BürgerkriegSyrien zieht junge französische Muslime an

Syrien entwickelt sich immer mehr zum Magneten für eine Randgruppe westlicher Muslime. Aus Frankreich etwa sind über 600 junge Männer ins Krisengebiet gezogen.

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Von Elaine Ganley
AP

Die Behörden in Frankreich sind besorgt über die Zahl einheimischer Muslime, die in den syrischen Bürgerkrieg ziehen. Besonders Jugendliche sind empfänglich für die Mischung aus innerer Überzeugung und romantischer Verklärung, die dem eigenen Ansehen nützt.

Anstatt in die Schule zu gehen, machen sich zwei junge französische Muslime eines Morgens Anfang Januar auf den Weg nach Syrien. Dort werden die beiden Klassenkameraden ausfindig gemacht und wieder nach Hause gebracht – einer von ihnen wird von seinem eigenen Vater abgeholt. Gegen die Jugendlichen im Alter von 15 und 16 Jahren wird nun im Zusammenhang mit Terrorvorwürfen ermittelt. Der Vorfall zeigt, wie sich das Krisengebiet Syrien immer mehr zum Magneten für eine Randgruppe junger Muslime im Westen entwickelt.

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Über 600 Franzosen in Syrien

Insgesamt sind nach Angaben der französischen Behörden seit Beginn des Konflikts vor drei Jahren mehr als 600 Franzosen nach Syrien gezogen, planen dies zu tun oder sind bereits wieder zurückgekehrt. Mehr als 20 Franzosen wurden bei Kämpfen getötet. Mitte Januar befand sich demnach ein Dutzend französischer Jugendlicher in Syrien oder auf der Reise von oder nach dort. Viele dieser potenziellen Kämpfer sind ganz offensichtlich Amateure.

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«Er ist ein Opfer. Er ist kein Terrorist», sagte der Vater des 15-jährigen Oberschülers aus dem Raum Toulouse, bevor am Freitag vorläufige Anklage gegen seinen Sohn erhoben wurde. «Er hat nie eine Waffe angerührt», erklärt der Vater und nennt die Reise seines Sohns «einen jugendlichen Fehler».

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Prozess gegen drei muslimische Franzosen

Langer Friedensprozess in Syrien erwartet

Zeitgleich nähert sich im Pariser Justizpalast ein Prozess gegen drei französische Muslime seinem Ende. Die Männer im Alter von 21 bis 26 Jahren wurden 2012 auf einem französischen Flughafen festgenommen, als sie nach Syrien fliegen wollten. Sie hatten Dinge wie Tarnhauben und -westen, Waffenhalfter und Nachtsichtgeräte eingekauft.

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Zwei der drei Männer wiesen im Prozess den Vorwurf zurück, ihr Ziel sei der Dschihad. Alle drei erklärten, sie hätten Kriegswitwen und Massaker an Kindern filmen wollen. Der älteste der Angeklagten versuchte das Gericht zu überzeugen, dass seine zahlreichen Urlaube in Ländern wie Mali und Syrien nicht dazu dienten, Kontakte zu Dschihadisten zu knüpfen, und dass der Name seiner zweieinhalb Jahre alten Tochter, Dschihad, nicht auf seine Absichten deute. Das Urteil wird Anfang März erwartet.

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Frankreich versucht, potenzielle Kämpfer zu erkennen

Der französische Geheimdienst arbeitet eng mit den Behörden in anderen westlichen Ländern zusammen, um potenzielle Kämpfer zu erkennen und jene aufzuspüren, die aus Syrien zurückkehren und eine mögliche Gefahr darstellen. Innenminister Manuel Valls will Präsident François Hollande in den kommenden Wochen eine Reihe von Massnahmen vorlegen, die den Zustrom französischer Muslime nach Syrien stoppen sollen.

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Frankreich fühlt sich besonders betroffen: Dort lebt die grösste muslimische Bevölkerungsgruppe in Westeuropa – schätzungsweise fünf Millionen Menschen – und manche Bürger kennen sich im einst unter französischer Herrschaft stehenden Syrien gut aus.

Alain Chouet, früherer Geheimdienstdirektor beim Auslandsnachrichtendienst DGSE, vermutet, für Jugendliche sei die Reise nach Syrien aufgrund von Kampfvideos im Internet oder Rekrutierungsforen, der Aufmerksamkeit der Medien und der leichten Einreise über die Türkei attraktiv.

Und die westliche Unterstützung für die syrische Opposition, die gegen Präsident Baschar al-Assad kämpft, diene möglicherweise als weitere Legitimation. «Es wird als gerechte Sache betrachtet, wegen der Haltung der Franzosen, Europäer und Amerikaner», sagt Chouet.

Romantische Verklärung

Nicht jeder verfolge die Einzelheiten des Konflikts, aber «was die Leute verstehen, ist, dass diese Revolution gerecht ist». Und auch eine gewisse romantische Verklärung spiele eine Rolle. Die Kombination aus innerer Überzeugung und Romantisierung sei dem Image der Jugendlichen förderlich.

Der Vater des aus Syrien zurückgeholten 15-Jährigen sagte einer Zeitung aus Toulouse, sein Sohn habe am 6. Januar morgens das Haus verlassen, um mit dem Bus zur Schule zu fahren. Am Abend habe er angerufen und erklärt, seine Eltern sollten sich keine Sorgen machen.

Er hatte mit der Bankkarte seines Vaters zwei Tickets in die Türkei gekauft, für sich und seinen Klassenkameraden. Der Vater reiste daraufhin zweimal ins Grenzgebiet zu Syrien und brachte seinen Sohn vergangene Woche wieder nach Hause. Tags zuvor war bereits der Freund des Sohnes zurückgekehrt.

Bei Verurteilung drohten bis 10 Jahre Gefängnis

Christian Etelin, einer der Anwälte des 15-Jährigen, sagt, der Jugendliche sei in humanitärer Mission von der Türkei nach Syrien eingereist, dann aber «in einem Lager von Terroristen» gelandet. Daraufhin sei er wieder abgereist.

Beiden Jugendlichen wird die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung in Verbindung mit einer Terrororganisation vorgeworfen. Sollte nach Ende der Ermittlungen offiziell Anklage erhoben werden, drohen ihnen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Bei einer Verurteilung bestehe das Risiko, «dass sie zu Märtyrern gemacht werden», sagt der frühere Geheimdienstchef Chouet. «Anstelle des Richters wäre mir nicht wohl in meiner Haut», sagt Chouet.

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