Revolte ohne Ende: Syriens Weg ins Desaster
Aktualisiert

Revolte ohne EndeSyriens Weg ins Desaster

Ein Jahr nach Beginn des Aufstands in Syrien ist die Opposition zerstritten, und das Assad-Regime steht gestärkt da. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum eskalierenden Konflikt.

von
Peter Blunschi

Die syrische Schriftstellerin und Aktivistin Samar Yazbek weilte kürzlich in Zürich. Während ihrer Lesung und der anschliessenden Diskussion bemühte sie sich um differenzierte Argumente zum Konflikt in ihrer Heimat. Doch am Schluss brach es aus ihr heraus: «Der Westen will nicht, dass Assad gestürzt wird», rief sie hörbar frustriert aus. Samar Yazbek, die letztes Jahr nach Paris geflüchtet ist, gehört wie der Assad-Clan der schiitischen Minderheit der Alawiten an, was sie zu einer besonders glaubwürdigen Stimme der Opposition macht.

Die Freunde von Baschar al-Assad sehen das natürlich anders. Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat seinem «Bruder» wiederholt den Rücken gestärkt: «Das Reich der Yankees und seine europäischen Verbündeten verstärken die Offensive gegen Syrien», sagte der Linkspopulist im letzten November. Die beiden Stimmen von entgegengesetzten Seiten des Spektrums zeigen: Die blutige Auseinandersetzung in Syrien, die vor einem Jahr ihren Anfang nahm, ist eine komplexe und schwer durchschaubare Angelegenheit.

Wie begann der Konflikt?

Schon kurz nach Beginn der Aufstände in Tunesien und Ägypten im Januar 2011 tauchten in sozialen Netzwerken erste Aufrufe zu Protesten in Syrien auf. Sie stiessen auf wenig Resonanz. Ende Februar malten Schulkinder in der südlichen Stadt Daraa Graffiti auf Wände, die zum Sturz des Regimes aufriefen. Sie wurden verhaftet, geschlagen und gefoltert. Als sich die Eltern beschwerten, wurden sie von den Behörden schikaniert und verspottet. Die Wut über diese Vorfälle führte am 18. März 2011 nach dem Freitagsgebet in Daraa zur ersten Grosskundgebung. Die Sicherheitskräfte schossen in die Menge und töteten mindestens vier Demonstranten – die ersten Toten des Aufstands. Die Proteste weiteten sich in der Folge auf weite Teile des Landes aus. In Damaskus und Aleppo, den beiden grössten Städten, blieb es bis heute aber weitgehend ruhig.

Wie viele Opfer forderte der Aufstand?

Nach Angaben der UNO wurden bislang mindestens 7500 Menschen getötet. Menschenrechtsorganisationen und lokale Gruppen schätzen die Zahl auf mehr als 8000, doch es ist auch die Rede von mehr als 10 000 Opfern. Amnesty International wirft dem Regime die systematische Folterung von Gefangenen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Gemäss der UNO-Flüchtlingsagentur sind seit Beginn der Proteste gegen Assad zudem rund 230 000 Syrer in die Nachbarländer geflohen.

Wie stark ist die Opposition?

Politisch ist sie schwach und zerstritten. Ihre prominenteste Vertretung ist der Syrische Nationalrat (SNC), eine Koalition von sieben Oppositionsgruppen, darunter die Muslimbrüder. Mehrere prominente Dissidenten haben dem SNC zuletzt den Rücken gekehrt und ihm autokratische Tendenzen vorgeworden. Die wichtigste militärische Gruppe ist die Freie Syrische Armee (FSA), die im letzten August in der Türkei von Deserteuren gegründet wurde. Ihr Kommandant ist Riad al-Asaad, ein ehemaliger Oberst der Luftwaffe. Ihre Stärke ist unklar, nach eigenen Angaben verfügt sie über bis zu 50 000 Kämpfer. Dies dürfte übertrieben sein. Die FSA gilt als nur lose organisiert und ungenügend bewaffnet. Für Berichte, wonach sie von westlichen Beratern ausgebildet wird, gibt es keine Bestätigung.

Wie gross ist der Rückhalt von Baschar al-Assad?

Grösser als man im Westen gemeinhin annimmt. In einer Umfrage vom letzten November sprachen sich 55 Prozent der Syrer gegen einen Rücktritt Assads aus. Das Ergebnis ist ernst zu nehmen, denn hinter der Organisation The Doha Debates, welche die Umfrage durchführen liess, steht die Qatar Foundation, die vom Emir des ölreichen Kleinstaats gegründet wurde. Dieser ist einer der schärfsten Kritiker von Baschar al-Assad. Allerdings ist das Ergebnis kaum Ausdruck von Assads persönlicher Popularität, sondern von einer weit verbreiteten Angst vor der Zukunft. Vor allem Christen und Alawiten, aber auch säkulare Sunniten und Angehörige der Mittelschicht fürchten, dass Syrien wie der Irak im Chaos ethnisch-religiöser Gewalt versinkt. Oder dass die Islamisten die Macht übernehmen.

Wieso bleibt die internationale Gemeinschaft tatenlos?

Im UNO-Sicherheitsrat sind mehrere Anläufe für eine Syrien-Resolution am Widerstand Chinas und Russlands gescheitert. Vor allem Moskau wehrt sich gegen eine Sturz Assads, es unterhält in Tartus seinen einzigen Flottenstützpunkt im Mittelmeer. Die westlichen Staaten wiederum zögern, auf eigene Faust zu handeln, denn die Situation in Syrien ist weit komplexer als in Libyen. So gibt es keinen klaren Frontverlauf, die Kämpfe finden über das ganze Land verstreut statt. Eine Flugverbotszone hätte nur wenig Wirkung, da vorwiegend am Boden und in den Städten gekämpft wird. Deshalb bergen auch Luftangriffe ein enormes Risiko. Der Einsatz von Bodentruppen wiederum ist ein noch grösseres Tabu als in Libyen. Und angesichts der Zerstrittenheit und unklaren Zusammensetzung der Opposition zögert der Westen mit der Lieferung von Waffen, obwohl dies immer öfter gefordert wird.

Welche Interessen verfolgen die arabischen Staaten?

Saudi-Arabien und Katar nehmen unter den Assad-Gegnern eine führende Rolle ein. Die beiden autoritär bis diktatorisch regierten Ölstaaten handeln allerdings kaum aus Sorge um die syrische Zivilbevölkerung, sondern aus Eigennutz. Sie sehen in einem Umsturz eine perfekte Gelegenheit, um den Erzfeind Iran zu schwächen. Syrien ist dessen wichtigster Verbündeter in der arabischen Welt, ein Ende des Assad-Regimes wäre ein empfindlicher Rückschlag für Teheran. Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden sollen die syrischen Streitkräfte denn auch aktiv bei der Niederschlagung des Aufstands unterstützen.

Wie lange kann sich Assad noch halten?

Der Präsident hat im Februar über eine neue Verfassung abstimmen lassen und für den 7. Mai Parlamentswahlen angekündigt. Bewirken wird dies wenig, denn kaum ein neutraler Beobachter geht davon aus, dass der Assad-Clan seine 40-jährige Herrschaft über das Land freiwillig preisgeben wird. Militärisch war das Regime zuletzt auf dem Vormarsch, es eroberte die von der Opposition beherrschten Stadtteile von Homs und die Stadt Idlib zurück. Der von den meisten Beobachtern erwartete Bürgerkrieg dürfte damit längst im Gang sein. Pessimisten erwarten eine jahrelange blutige Auseinandersetzung. Sie verweisen auf den Libanon, wo der Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 dauerte. Andere hoffen, dass Vertreter der Wirtschaft, bislang eine wichtige Stütze Assads, sich vom Präsidenten abwenden könnten. Die syrische Wirtschaft leidet unter den Unruhen und den westlichen Sanktionen.

Welche Rolle spielt die Armee?

Das «Fussvolk» der Streitkräfte besteht mehrheitlich aus Sunniten. Diese stellen aus Sicht des alawitischen Assad-Clans eine potenzielle Bedrohung dar. Wirklich verlassen kann sich das Regime nur auf zwei Eliteeinheiten, die Republikanische Garde und die 4. Division, die vom berüchtigten Präsidentenbruder Maher al-Assad kommandiert werden. Beobachter glauben, dass nur ein Militärputsch ein blutiges Chaos in Syrien verhindern könnte. Dieses Szenario scheint nicht unmöglich, kürzlich sollen erstmals zwei Generäle zur Opposition übergelaufen sein. Der BBC-Reporter Omar Abdel Razek schreibt, dass die Armee für viele Syrer «das einzige Bindeglied ist zwischen dem Überleben und dem Sturz des Regimes».

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