Aktualisiert 16.06.2011 17:40

UnruhenSyrische Armee weitet Offensive im Norden aus

Schwer bewaffnete syrische Einheiten sind auf mehrere Ortschaften um die Widerstandshochburg Maarat al-Numan vorgerückt. Tausende Menschen sind geflohen.

Die syrische Armee hat nach Angaben von Augenzeugen im Norden des Landes ihre Offensive gegen die Protestbewegung ausgeweitet.

Schwer bewaffnete Einheiten rückten rund um die Widerstandshochburg Maarat al-Numan in der Nacht zum Donnerstag auf mehrere Ortschaften vor.

Tausende Menschen flüchteten wie schon seit Tagen vor den Soldaten. Teilweise zogen sie Richtung Aleppo, der zweitgrössten syrischen Stadt. Viele Männer, Frauen und Kinder versuchten aber auch, sich über die Grenze in die benachbarte Türkei durchzuschlagen, wo nach offiziellen Angaben bereits mehr als 8900 Menschen in vier Flüchtlingslagern untergekommen sind.

Der türkische Aussenminister Ahmet Davutoglu besprach am Donnerstagmorgen Medienberichten zufolge die Lage mit einem Gesandten des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Am Mittwoch war der syrische Vertreter bereits für drei Stunden mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zusammengekommen. Über den Inhalt der Gespräche wurde nichts bekannt. Erdogan, der bis vor kurzem enge Beziehungen zur syrischen Führung pflegte, hatte zuletzt allerdings das Vorgehen Assads scharf kritisiert.

Türkei nicht vor Militäreinsatz

Allerdings: Für Ankara sei ein Militäreinsatz in dem Nachbarland «kein Thema», sagte Nabi Avci, aussenpolitischer Berater von Erdogan, in Istanbul vor ausländischen Journalisten.

Erdogan habe das Assad-Regime mehrfach aufgefordert, Gräueltaten und das unmenschliche Vorgehen der Truppen zu beenden. Auch unterbreite die türkische Seite in den vertraulichen Gesprächen praktische Vorschläge zu den nötigen Reformen. «Die Reaktion des syrischen Regimes bisher war leider enttäuschend und wenig hilfreich», bedauerte Avci.

Ausgangspunkt der Offensive im Norden waren gewaltsame Zusammenstösse in Dschisr al-Schughur in der Provinz Idlib.

Damaskus: Rückkehr von Flüchtlingen

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA meldete, 5000 Bewohner seien seit am Mittwoch in ihre Häuser zurückgekehrt. Die Armee habe die 45 000-Einwohner-Stadt zuvor von «bewaffneten terroristischen Elementen gesäubert». Einem Augenzeugenbericht zufolge gleicht der Ort einer Geisterstadt.

Öffentliche Gebäude wie ein Spital und Polizeistellen seien von Kämpfen gezeichnet oder weitgehend zerstört, berichtete am Donnerstag ein Korrespondent der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu, der von Damaskus aus in die Provinz Idlib reisen durfte.

Oppositionelle berichteten auf ihren Webseiten, Soldaten mit Panzern und Angehörige der regimetreuen Schabiha-Miliz seien am Donnerstag auch ins Zentrum von Chan Scheichun unweit von Dschisr al- Shughur eingedrungen.

Auch an Grenze zum Irak

Nach Angaben von Augenzeugen rückte die Armee am Mittwoch ausserdem auf Orte im ölreichen Osten an der Grenze zum Irak vor, wo ebenfalls Zehntausende Menschen gegen Assad auf die Strassen gegangen waren.

In Syrien fordern seit drei Monaten Zehntausende demokratische Reformen und den Rücktritt Assads, dessen Familie das Land seit vier Jahrzehnten autokratisch regiert. Nach Angaben von syrischen Menschenrechtsgruppen wurden bislang 1300 Zivilisten und mehr als 300 Soldaten und Polizisten getötet.

Die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navi Pillay, hatte am Mittwoch einen auf Angaben von Aktivisten, Medien, Menschenrechtsgruppen, Opfern und Augenzeugen beruhenden Bericht vorgelegt, in dem den syrischen Sicherheitskräften «die exzessive Anwendung von Gewalt», sowie willkürliche Festnahmen, standrechtliche Hinrichtungen und Folter zur Unterdrückung von Demonstranten vorgeworfen wird. (sda)

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