Aktualisiert 13.10.2016 12:37

Terrorverdächtiger AlbakrSyrische Facebook-Gruppen halfen der Polizei

Syrische Flüchtlinge tauschen sich in Deutschland über grosse Facebook-Gruppen aus. Auch dank ihnen wurde Bombenbauer Jaber Albakr gefasst.

von
Mareike Rehberg
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Blick auf den Innenhof der Leipziger Justizvollzugsanstalt, in der sich der syrische Terrorverdächtige seit der Festnahme befand.

Blick auf den Innenhof der Leipziger Justizvollzugsanstalt, in der sich der syrische Terrorverdächtige seit der Festnahme befand.

Reuters
Der deutsche Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof hatte die Ermittlungen in dem Fall übernommen.  Ein Kameramann filmt vor dem Gebäude des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. (10. Oktober 2016).

Der deutsche Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof hatte die Ermittlungen in dem Fall übernommen. Ein Kameramann filmt vor dem Gebäude des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. (10. Oktober 2016).

kein Anbieter/Epa/Uli Deck
Ermittler verlassen die Leipziger Wohnung, in der ein Sondereinsatzkommando der deutschen Polizei zuvor den mutmasslichen syrischen Islamisten verhaftet hatte. (10. Oktober 2016).

Ermittler verlassen die Leipziger Wohnung, in der ein Sondereinsatzkommando der deutschen Polizei zuvor den mutmasslichen syrischen Islamisten verhaftet hatte. (10. Oktober 2016).

kein Anbieter/Epa/Hendrik Schmidt

Dass der Terrorverdächtige Jaber Albakr am Montag in Leipzig festgenommen werden konnte, ist nicht nur den syrischen Landsmännern zu verdanken, die ihn fesselten und der Polizei übergaben. Zum Erfolg beigetragen haben vor allem auch Facebook-Gruppen junger Syrer in Deutschland, die den Fahndungsaufruf, den die Beamten auch auf Arabisch verfassten, teilten.

In den sozialen Netzwerken gibt es mehrere Communitys, in denen sich Flüchtlinge aus Syrien über das Leben in Deutschland austauschen, sich Tipps für Behördengänge, Wohnungssuche und Sprachkurse geben. Die grösste Gruppe ist das sogenannte «Syrische Haus», von der inzwischen mehrere regionale Untergruppen existieren. Insgesamt haben diese über 150'000 Follower. Rund 90 Prozent davon leben laut Monis Bukhari, dem Leiter der Site, in Deutschland. Auch er teilte den Aufruf der Polizei, mit der Bitte an seine Follower, den Verdächtigen zu suchen.

Dass durch diese Netzwerke die Verhaftung von Jaber Albakr ermöglicht wurde, sieht Terrorismus-Experte Stephan Humer als spontane Reaktion aus der Situation heraus, «die beim nächsten Mal auch ausbleiben kann». Er sieht zudem auch keinen Grund, warum diese Communitys und die Polizei sich enger vernetzen sollten. «Die Entscheidung, ob man der Polizei hilft, hängt immer von der einzelnen Person ab», sagt er. Zudem gebe es auch keine Regeln, Rollen oder Strukturen, die eine solche Zusammenarbeit möglich machen würden.

Netzwerke als Hauptinformationsquelle

Dass es Syrer waren, die Jaber Albakr festgenommen haben, bedeute seiner Community sehr viel, sagte Bukhari im Gespräch mit «Spiegel online». «Wir haben das Gefühl, dass wir so beweisen können, dass wir nicht so sind wie er – er ist die Ausnahme, wir sind die Mehrheit», betonte der 38-Jährige.

Die Netzwerke auf Facebook sind laut «Kurier» für viele Syrer, die aus ihrem Land geflohen sind, eine Hauptinformationsquelle, über deutsche Medien sind die Menschen kaum zu erreichen. Die Community in Deutschland umfasst rund 400'000 Syrer, neben dem «Syrischen Haus» wird auch in Gruppen wie der «Syrischen Gemeinde in Deutschland» oder «German Lifestyle GLS» rege diskutiert und geteilt.

Auch Humer sieht in diesen Communitys einen «wichtigen Anker» für Flüchtlinge. Facebook und andere soziale Netzwerke seien innerhalb Deutschlands wichtig, aber auch als Verbindung in die Heimat, wo oft noch Verwandte und Freunde lebten. Zwar könne es durchaus sein, dass gerade Menschen, die nicht oder wenig Deutsch sprechen, eher einseitig Informationen aus den Communitys ziehen, «insgesamt gibt es aber sicher mehr Vor- als Nachteile».

«Dieses Land hat so viel für uns getan»

Letztere wird von den beiden syrischen Bloggern Allaa Faham und Abdul Abbasi betrieben. Der 19- und der 22-Jährige posteten den Fahndungsaufruf der Polizei ebenfalls auf ihrer Site, die fast 90'000 Mitglieder hat. Normalerweise versucht die Site mit Videos auf Arabisch und Deutsch Vorurteile zwischen den Kulturen abzubauen. Der Polizei zu helfen, sieht Faham jedoch als Pflicht an: «Es ist unsere Aufgabe, so einen Aufruf zu teilen, wir erreichen viele Flüchtlinge in unserer Gruppe. Dieses Land hat so viel für uns getan», sagte der Blogger der «Süddeutschen Zeitung». «Wir selbst sind vor Terror geflohen und werden alles tun, damit Terror hier keinen Platz hat.»

Ob die Behörden in Deutschland diese syrischen Netzwerke überwachen, will Humer nicht konkret einschätzen. «Man kann freilich davon ausgehen, dass die Amerikaner als Erste ein Auge auf solche Communitys werfen. Facebook ist schliesslich ihr ureigenes Revier.»

In den Netzwerken werden die Syrer, die Jaber Albakr festsetzten, als Helden gefeiert. Mehrere deutsche Politiker forderten gar, ihnen das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. Einer dieser Männer ist laut «Kurier» inzwischen untergetaucht. Ali habe Angst und traue sich nicht mehr in seine Wohnung in einem Leipziger Plattenbau, berichtete sein Nachbar Ammer der Nachrichtenagentur DPA. Der Grund: Ali habe noch Familie in Syrien, und die lebe in einem vom «Islamischen Staat» kontrollierten Gebiet.

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