Stresstest Olympia: «T5» und der Fluch des Gepäcks
Aktualisiert

Stresstest Olympia«T5» und der Fluch des Gepäcks

London Heathrow war mal ein einziges Ärgernis. Jetzt stellt Olympia den Flughafen vor eine grosse Probe. Ein Blick hinter die Kulissen des grössten Airports in Europa.

von
S. Sturzenegger

Der Blick von Richard Goodfellow streift nervös über den gewaltigen Warte- und Shoppingbereich von Terminal 5. Goodfellow kommt gerade aus der Einsatzzentrale, wo alle Fäden für den Betrieb des Mega-Terminals «T5» zusammenlaufen. Eigentlich gibt es zurzeit keinen Grund zur Aufregung, alles scheint unter Kontrolle zu sein.

Der Sprecher von British Airways blickt auf das Menschengewimmel unter ihm. Auf fünf Etagen oder der Fläche von 50 Fussballfeldern wuseln tausende von Flugpassagieren durcheinander. Sie sind auf der Suche nach einer Toilette, einem Sitzplatz, ihrem Gate, einer Shoppinggelegenheit, einer Lounge oder dem Ausgang.

Druck in den Sommermonaten

Wir befinden uns im Herzstück von London Heathrow, dem grössten Flughafen Europas. Das Empfangs- und Abfluggebäude mit dem Namen Terminal 5 wurde im März 2008 in Betrieb genommen. Täglich wird es von 60 000 bis 75 000 Passagieren benutzt. Das sind ungefähr so viele, wie der ganze Flughafen Zürich mit all seinen vier Terminals an einem Tag bewältigen kann. Jetzt, zu Beginn der Sommerferien, gehen durch T5, Heimathafen von British Airways, täglich bis zu 80 000 Reisende.

Selbstverständlich können diese hier nicht nur ankommen und abfliegen. In den Hallen, die vom Londoner Architekturbüro Rogers Stirk Harbour & Partners entworfen wurden, gibt es fast alles, was das Herz sonst noch begehrt: Shopping bei Harrods, bei Paul Smith oder im Caviar House, Kaffee trinken bei Starbucks, Nudeln essen bei Wagamama.

Massage oder Gesichtsbehandlung

Für die zahlungskräftigere Kundschaft befinden sich in den höheren Sphären des Gebäudes sechs Lounges, wo Vielflieger und VIPs mit auserlesenen Weinen oder Champagner verwöhnt werden oder sich in einem der beiden Spas eine Gesichts-Behandlung für die vom Fliegen ausgetrocknete Haut bestellen können.

Für all diese Annehmlichkeiten und Oasen des Luxus sowie die hohe Pünktlichkeit im Flugverkehr hat Heathrows T5 kürzlich von der Beratungsfirma Skytrax die Auszeichnung «Best Airport Terminal» erhalten. Darauf sind die Betreiber zu recht stolz.

Nagelprobe steht bevor

Dennoch steht dem Flughafen im Westen Londons und seinem Vorzeige-Terminal in den kommenden Tagen die wirkliche Nagelprobe erst bevor: Der Beginn der Olympischen Spiele und das 17 Tage dauernde Grossereignis in der britischen Haupststadt werden zeigen, wie gut der Flughafen für den Ansturm gerüstet ist. Dafür hat Heathrow 20 Millionen Pfund investiert.

Das Olympische Komitee erwartet in den nächsten Wochen rund 600 000 Besucher. Hinzu kommen etwa 17 000 Athleten, Trainer und Funktionäre sowie 70 000 Helfer. Für einen grossen Teil von ihnen wird T5 Ankunfts- und Abflugort sein.

Terminal 5 hatte seine Krisen

Ganz umsonst ist Richard Goodfellow nicht nervös. Der Hüne durchquert das Terminal im Stechschritt, erklärt hier und dort die wichtigsten Fakten und hebt Besonderheiten hervor. Er will die Gäste von der Leistungsfähigkeit des Flughafens überzeugen.

Goodfellow ist ein gebranntes Kind und weiss, was passieren kann, wenn Terminal 5 zum öffentlichen Ärgernis wird. Als oberster PR-Mann von British Airways musste er sich am Eröffnungstag von T5 vor vier Jahren vor der Journalistenmeute hinter eine Toilettentür retten.

Vieles wiedergutmachen

Diese Aktion hatte ihm damals fast mehr Kritik eingebracht, als der Umstand, dass das modernste Terminal der Welt just bei seiner Eröffnung im Chaos versank. Das Gepäckabfertigungssystem war nicht genügend getestet worden. Dabei hätte T5 genau in dieser Hinsicht so Vieles wieder gutmachen sollen bei den verärgerten Fluggästen: Dem Flughafen Heathrow war jahrelang der Ruf als internationaler Chaos-Hub vorausgeeilt, mit schäbigen Terminals und einer Garantie für Gepäckverlust.

Das Gepäckproblem habe man schon länger komplett im Griff, versichert Goodfellow und ärgert sich ein bisschen darüber, dass man ihm immer wieder die alten Presseberichte unter die Nase reibt. Er steht jetzt, mit einer grellgelben Weste, die er sich über den dunkelblauen Anzug geworfen hat, in der lärmigen Gepäckabfertigungshalle, sozusagen im Bauch von T5.

Schnellste Gepäckablieferung

Hier werden die Gepäckcontainer computergesteuert umhergeschoben, ihr Inhalt schliesslich von Männern auf das Gepäckförderband geworfen. Die Koffer und Taschen sollen so den schnellstmöglichen Weg zu ihren Besitzern finden.

Das wird für die Zeit während der Olympischen Spiele und für die zahlreichen Sportler, die in diesen Tagen in London ankommen, von grösster Bedeutung sein. Sie treffen nicht selten in grossen Mannschaften ein und haben Sporttaschen mit wichtiger Ausrüstung bei sich. «Oft sehen alle Gepäckstücke einer Mannschaft gleich aus und alle müssen zur gleichen Zeit am richtigen Gepäckband abgeliefert werden», erklärt Goodfellow. Wenn das nicht funktioniert, wird die Hektik für das Personal unerträglich – und für die Kritiker zum gefundenen Fressen. Das will Heathrow dieses Mal unbedingt verhindern.

Chaos nicht erlaubt

Die Leute von British Airways setzen zur Zeit alles daran, dass es nicht wieder zum Chaos kommt. Ihre Nervosität vor dem Mega-Ereignis in London ist deutlich spürbar. In den nächsten paar Wochen, bis Anfang September auch die Paralympics vorbei sind, gilt bei der Fluggesellschaft ein Ferienverbot. Wenn dann alles gut gelaufen ist, werden die Verantwortlichen von Terminal 5 zurecht noch stolzer sein auf ihren Flughafen.

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