Aktualisiert 05.01.2011 14:50

Anschlag in Solothurn

Täter ist bekennender Kirchengegner

Der 61-jährige Feuerleger Andres Z.* ist ein überzeugter Kirchengegner, der als Kind in einer Sekte war. Weshalb er in der St. Ursenkathedrale ein Feuer entfachte, ist noch unklar.

von
Ronny Nicolussi
Andres Z. im Führerstand einer Lokomotive im Dezember 2003.

Andres Z. im Führerstand einer Lokomotive im Dezember 2003.

Andres Z. ist ein arbeitsloser Elektriker aus Olten. Was ihn gestern geritten hat, als er bewaffnet mit zwei Benzinkanistern die St. Ursenkathedrale in Solothurn betrat und Feuer legte, ist noch unklar. Der zuständige Staatsanwalt Martin Schneider konnte den geständigen 61-Jährigen noch nicht vernehmen, wie er auf Anfrage von 20 Minuten Online sagte: «Zum Motiv des Mannes kann ich nichts sagen, die Befragung ist erst heute Nachmittag geplant.»

Klar ist bereits: Andres Z. ist kein Freund von Kirchen. Der Oltner hat sich auf der Internetseite www.konfessionsfrei.ch in einer Liste eingetragen, auf der sich konfessionslose Menschen selbst outen. Als Begründung schrieb er: «Denken ist mein Hobby.» Seine Abneigung gegen Kirchen wurde bereits im vergangenen Herbst deutlich, als er dem «Blick» einen Leserbrief schrieb, der am 26. Oktober publiziert wurde. Darin heisst es: «Jedes Kruzifix ist Werbeträger jener Organisation, welche für unzählige gigantische Verbrechen verantwortlich ist.» Im vergangenen August sagte der 61-Jährige, der laut eigenen Angaben seine Kindheit in einer Sekte verbringen musste, dem «Oltner Tagblatt», die Religionen seien massgeblich für Ungerechtigkeiten verantwortlich, die die Welt und das Zusammenleben der Menschen vergifteten.

Aber nicht nur mit der Kirche, auch mit den Behörden steht der 61-Jährige auf Kriegsfuss. Am frühen Morgen des 12. März 2009 schweisste er in Olten-Hammer eine Metallkonstruktion auf ein SBB-Gleis, wie Staatsanwalt Schneider Informationen des «Blick» bestätigt. Der Anschlag war jedoch so stümperhaft verübt worden, dass ein Regionalzug die Vorrichtung einfach wegfegte. Andres Z. musste dafür einen Monat in Untersuchungshaft. Nachdem in einem Gutachten keine psychische Störung festgestellt worden war, wurde er wieder freigelassen. Ein weiteres psychiatrisches Gutachten ist allerdings noch in Arbeit. Der 61-Jährige hatte im vergangenen Sommer den SBB einen Drohbrief geschrieben. Die Bahn erstattete daraufhin eine Anzeige.

«Nie negativ aufgefallen»

Ehemalige Weggefährten von Andres Z. können sich seine gestrige Tat nicht erklären. Hansueli Brodbeck ist Vizepräsident des Vereins Seetalkrokodil 15301, der in einer langjährigen Restaurierung eine OeBB-Lokomotive wieder flottgemacht hat. Er beschreibt Andres Z. auf Anfrage von 20 Minuten Online als einen willigen Typen, der immer bereit gewesen sei, mitanzupacken. Der arbeitslose Elektriker war 2003 vom RAV der OeBB zugeteilt worden, wo er jeweils am Dienstagnachmittag auch bei der Sanierung der Lokomotive half. «Ich hatte den Eindruck, man müsse ihn ein bisschen führen, aber negativ aufgefallen ist er nie», erzählt Brodbeck. Ein anderer damaliger Weggefährte sagt: «Wir hatten es oft sehr lustig zusammen.»

Manchmal sei er abends auch auf eine Wurst und ein Brot mitgegangen. «Dabei erzählte er von seinen Erfindungen», erinnert sich Brodbeck. Mit gewissen Prototypen hatte Andres Z. durchaus Erfolg, etwa mit einer Schneemaschine, die heute in der Filmindustrie verwendet wird, wie das «Oltner Tagblatt» im vergangenen August berichtete. Für andere Erfindungen wurde er in einschlägigen Kreisen als «Spinner» bezeichnet. Sein letzter Wurf, für den ihn die Zeitung damals porträtierte, ist der «Tolerant». Das ist eine Art Holzwürfel, der verschiedene Formen annehmen kann. Der «Tolerant» ist die Antwort des 61-Jährigen auf den «unbedingten Wahrheitsanspruch von Religionen und Ideologien».

Haftentscheid am Freitag

Ob Andres Z. mit dem «Tolerant» gewürfelt hat, bevor er sich gestern dazu aufmachte, die Solothurner Kathedrale in Brand zu stecken, ist nicht bekannt. Seine chinesische Frau Jing sagte dem «Blick»: «Er war ganz normal am Montagabend. Sonst ist er immer nervös, bevor er wieder etwas anstellt.» Ob er schon bald wieder etwas anstellen kann, entscheidet sich am kommenden Freitag. Dann müssen die Behörden beschliessen, ob Andres Z. in Untersuchungshaft bleiben muss.

* Name der Redaktion bekannt.

Preisgekrönte Erfindung von Andres Z.

Laut eigenen Angaben wurde dieses «anza-Aggregat» von Andres Z. an der MUBA 1984 als beste Erfindung ausgezeichnet. Beim Aggregat handelt es sich um eine Drehkammermaschine, die aus alternierend rotierenden Kreiskolben-Kränzen besteht. (Quelle: youtube.com)

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