Vergewaltigung in Basel – «Täter könnte sich wegen Hetzjagd zur Flucht gedrängt fühlen»
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Vergewaltigung in Basel«Täter könnte sich wegen Hetzjagd zur Flucht gedrängt fühlen»

In den sozialen Medien läuft die Suche nach dem Vergewaltiger. Die Leute rufen zur Suche nach einem Mann auf. Mit der Aktion leiste man dem Opfer keinen Gefallen, sagt eine Juristin. Im Falle einer Verurteilung könnte die Strafe für den Täter deswegen tiefer ausfallen.

von
Jeanne Dutoit
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Am frühen Freitagmorgen, kurz vor 04.00 Uhr, wurde in der Fussgängerunterführung beim Lohweg eine junge Frau Opfer eines Sexualdelikts.

Am frühen Freitagmorgen, kurz vor 04.00 Uhr, wurde in der Fussgängerunterführung beim Lohweg eine junge Frau Opfer eines Sexualdelikts.

20 Minuten
Laut Staatsanwaltschaft war die «jugendliche Frau» mit einer Freundin in einem nahen Nachtclub zum Tanzen.

Laut Staatsanwaltschaft war die «jugendliche Frau» mit einer Freundin in einem nahen Nachtclub zum Tanzen.

20 Minuten
Er bedrängte und vergewaltigte sie in der Unterführung trotz Gegenwehr.

Er bedrängte und vergewaltigte sie in der Unterführung trotz Gegenwehr.

20 Minuten

Darum gehts

  • Am frühen Freitagmorgen wurde in Basel eine junge Frau auf dem Nachhauseweg vergewaltigt.

  • Sie traf den Täter zuvor schon in einem Club an einer Studentenparty, wo sie ihn abgewiesen hatte.

  • Mit dem Contact-Tracing steht den Ermittlungsbehörden ein neues Ermittlungsinstrument zur Verfügung.

  • Auf Social Media verbreiten sich Suchaufrufe und Bilder eines Mannes. Es soll sich um den Täter handeln.

  • Eine Juristin warnt vor der Hetzjagd. Die Selbstjustiz sei überaus kontraproduktiv.

Am Freitag in der Früh vergewaltigte ein Mann eine junge Frau, die er zuvor auf einer Studentenparty getroffen hatte. Aufgrund der Covid-Bestimmungen hat der Club Namen und Telefonnummer des mutmasslichen Täters. Mit der Corona-Kontaktliste steht den Ermittlungsbehörden also ein völlig neues Fahndungsinstrument zur Verfügung, solange ein zuständiger Richter für die Einsicht seine Einwilligung gegeben hat.

Bei den aktuellen Ermittlungen könnte es sich um eine Premiere handeln. Florian Düblin, Generalsekretär der Schweizerischen Staatsanwälte-Konferenz ist bis anhin kein Fall bekannt, in dem Contact-Tracing-Daten der Strafverfolgung zur Verfügung gestellt wurden. Abschliessend könne er die Frage jedoch nicht beantworten, da keine Statistik darüber geführt werde.

Vereinfacht Contact-Tracing die Ermittlungen?

Die Basler Staatsanwaltschaft lässt unkommentiert, ob sie die Contact-Tracing-Daten des Clubs bereits eingesehen hat. Grundsätzlich dürfe die Staatsanwaltschaft nach einem Delikt nicht nur Spuren sichern, sondern auch bei Drittpersonen Datenmaterial anfordern und sicherstellen. Kriminalkommissär Martin Schütz führt aus: «Während des Strafverfahrens hat die Staatsanwaltschaft dann zu prüfen, ob sie diese Daten auswerten und als Beweise verwerten darf. Diese Prüfung hat im Einzelfall zu erfolgen, und die auf die jeweils einschlägigen Gesetzesartikel gestützte Antwort kann – je nach Schwere des Deliktes – unterschiedlich ausfallen.»

Auch ob der gesuchte Mann bereits gefasst wurde, kommuniziert die Untersuchungsbehörde nicht. Während die Staatsanwaltschaft schweigt, wird in den sozialen Medien ein Mann gesucht, bei dem es sich um den Täter handeln soll. Ein Insider, der regelmässig im Studenten-Club unterwegs ist, erzählt 20 Minuten, dass der besagte Mann den Club an der Tatnacht nicht zum ersten Mal besucht habe. Er habe einen aufdringlichen Eindruck hinterlassen. Nach dem Aufruf in den sozialen Medien habe er beinahe 1000 seiner Instagram-Follower und -Followerinnen verloren. Grösstenteils wurden auch seine Posts gelöscht.

«Gefährliche Selbstjustiz»

Tanja Schneeberger, Basler Rechtsanwältin und spezialisiert auf Strafrecht warnt vor der Veröffentlichung von Fotos des mutmasslichen Täters. Sie mahnt: «Es ist noch früh im Verfahren und es gilt die Unschuldsvermutung.» Das Teilen von Bildern einer beschuldigten Person, gepaart mit dem Aufruf den Mann zu jagen, sei gefährliche Selbstjustiz. «Zum einen gefährdet es die Ermittlungen. Ein Täter, der sich gesucht fühlt, könnte sich zur Flucht gedrängt fühlen», so Schneeberger.

Durch das Teilen des Aufrufs tun die Leute dem Opfer keinen Gefallen. Eine Vorverurteilung des Beschuldigten durch Presse und Öffentlichkeit kann am Ende sogar dazu führen, dass die Strafe tiefer ausfällt. «Würde ich eine Person verteidigen und im Vorfeld hat eine Hetzjagd stattgefunden, würde ich auf jeden Fall für Strafminderung plädieren», sagt Schneeberger.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

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