Aktualisiert 01.07.2019 13:27

Kristallhöhlenmord

Täter suchte Machtbestätigung

Profiler Axel Petermann (66) teilte am Donnerstagabend seine Analyse zum Kristallhöhlenmord. Er geht von einem Einzeltäter mit Macht- und Dominanzansprüchen und gleichzeitigem Selbstzweifel aus.

von
J. Büchel
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Das letzte Foto der Goldacher Mädchen, geschossen am 29. Juli 1982 mit der Fotokamera von Brigitte Meier in der Umgebung von Herisau.

Das letzte Foto der Goldacher Mädchen, geschossen am 29. Juli 1982 mit der Fotokamera von Brigitte Meier in der Umgebung von Herisau.

privat
Sie verschwanden am 31. Juli 1982: Karin Gattiker (links) und Brigitte Meier. Die beiden Mädchen ...

Sie verschwanden am 31. Juli 1982: Karin Gattiker (links) und Brigitte Meier. Die beiden Mädchen ...

... unternahmen eine Velotour durch die Ostschweiz (hier eine nachgestellte Szene aus der Sendung «Aktenzeichen XY»). Ihre Spur verlor sich ...

... unternahmen eine Velotour durch die Ostschweiz (hier eine nachgestellte Szene aus der Sendung «Aktenzeichen XY»). Ihre Spur verlor sich ...

Im ausverkauften Saal vor über 200 Personen in Oberriet SG referierte Tatortanalytiker Axel Petermann (66) über seine Arbeit als Profiler und zum Kristallhöhlenmord (siehe Box). Die fünf Tage vor dem Vortrag hat er zusammen mit der

IG Kristallhöhlenmord, bestehend aus Privatpersonen, genutzt um den Fundort der Leichen sowie die Umgebung zu besuchen. Zudem hat er mit diversen involvierten Personen gesprochen.

Zu Beginn des Referates bestimmte Petermann das Wesen der beiden Opfer. Brigitte (†17) beschreibt er als spontan, von mittelkräftiger Statur mit klar fraulichen Zügen, unternehmungslustig und offen gegenüber Fremden. Sie habe sich damals in einer Selbstfindungsphase befunden. Innerhalb der Beziehung mit Karin war sie die tonangebende Person, die sagte, wo es durch geht. Karin (†15) hingegen sei zurückhaltend, vorsichtig und scheu gewesen, ja sogar distanziert gegenüber Fremden. Zudem wird sie mit 145 Zentimeter Körpergrösse von Petermann als eher klein beschrieben. Dazu von knabenhafter Figur mit jungenhaftem Aussehen. Die beiden seien das Gegenteil vom anderen gewesen, hätten sich aber seit Kindesbeinen gekannt und gut verstanden.

Aktzenzeichen XY hat ein Jahr nach dem Mord in der Sendung berichtet und nach Zeugen geuscht. Der Fall ist bis heute ungeklärt.

Am 31. Juli 1982, als die beiden während einer mehrtägigen Velotour verschwanden, seien laut Profiler vermutlich nur wenige Stunden vergangen, bis die Mädchen nach dem Aufeinandertreffen mit dem Täter getötet wurden. Petermann geht davon aus, dass der Täter die Mädchen bei der Weggabelung zur Kristallhöhle angesprochen hatte, vielleicht eine Besichtigung der Höhle in Aussicht gestellt hatte und die spontane Brigitte sich dafür begeistern liess. «Vermutlich sind die Mädchen dann in das Auto des mutmasslichen Täters gestiegen und den Wald hoch in Richtung Kristallhöhle gefahren», sagt Petermann.

Oben angekommen sei es wohl bald zur Tötung gekommen. Diese wurde, so vermutet der Tatortanalytiker, mit einem stumpfen Gegenstand durchgeführt. Petermann erörtert am Vortrag gerichtsmedizinische Befunde. Daraus geht hervor, dass Brigitte (†17) einen Schädelbruch und ein schweres Schädelhirntraum erlitten haben könnte, ausgelöst von einem Schlag oder gegebenenfalls auch Sturz.

Opfer könnte gewürgt worden sein

Bei Karin (†15) geht Petermann ebenfalls von einem Schlag oder einem Sturz aus, zusätzlich könnte sie, wie auch Brigitte (†17), gewürgt worden sein. Hinweise auf sexuellen Missbrauch gab es bei Karin keine. Der Profiler vermutet, dass es sich bei der Tötung der damals 15-Jährigen um einen Verdeckungsmord handeln dürfte. Karin sei wohl Zeugin des Mordes an ihrer Freundin geworden sein und musste deshalb aus dem Weg geschafft werden.

Wortwörtlich aus dem Weg geschafft wurden die Leichen. Denn die Fundorte der Getöteten entsprechen laut Petermann nicht dem Tatort. «Karin (†15) wurde in einer Höhle elf Meter unterhalb des Eingangs der Kristallhöhle gefunden, Brigitte (†17) lag in der Nähe unter einer Felsplatte versteckt.» Gefunden wurden die beiden neun Wochen nach deren Verschinden von einem Wanderer, der Verwesungsgeruch wahrgenommen hatte. Durch die lange Zeit bis zum Auffinden der Körper waren diese teilweise verwest. «Brigitte wurde mit nacktem Unterkörper gefunden, Karin war gänzlich bekleidet, trug drei T-Shirts unter dem Anorak», führte Petermann am Vortrag aus.

Mit einer Puppe versuchen Mitglieder der IG Kristallhöhlenmord zusammen mit Profiler Axel Petermann nachzustellen, ob eine Einzelperson einen Körper zum Fundort der Leiche hätte transportieren können.

Täter kannte sich vor Ort aus

Die Mädchen wurden aufwendig versteckt. Für Petermann ist klar: «Die Opfer sollten nicht am Ort der Tötung gefunden werden, da sonst der Verdacht auf den Täter hätte fallen können», so der Tatortanalytiker. «Der Täter muss sich in der Gegend gut ausgekannt haben und kommt aus der Gegend», ist Petermann überzeugt. «Er konnte das Risiko, entdeckt zu werden, gut einschätzen.» Denn das sei ihm wichtig gewesen. Andere Täter lassen ihre Opfer am Tatort liegen.

Den Täter beschreibt der Profiler als einen Mann mit dominierenden Macht- und Dominanzansprüchen, jedoch mit Zweifeln an seiner Macht. «Zudem vermutlich sexuell eher inkompetent und nicht in der Lage, eine Beziehung zu einem passenden Sexualpartner zu unterhalten», so der Profiler. Mehr noch: Petermann traut dem Täter auch zu, sich sexuell an bewusstlosen oder widerstandunfähigen Opfer zu vergehen.

Gab es einen Helfer?

Einen konkreten Tatverdächtigen will Petermann nicht nennen. Den Fall zu lösen, ohne alle Akten zu kennen, sei schwierig. Der Profiler bekam keine Akteneinsicht. Zur Klärung bleibe die Hoffnung, dass der Täter sein Gewissen erleichtern wolle und reinen Tisch mache. Oder ein möglicher Helfer des Täters. Denn unklar bleibt, wie schwer die Felsplatte war, mit welcher das Grab von Brigitte zugedeckt war. Petermann vermutet, dass die Platte ohne Hilfsmittel oder helfende Hände nicht zum Grabplatz hätte gebracht werden können. Es wäre denkbar, dass es einen Helfer oder gar Mittäter gibt.

Der Täter und allenfalls Helfer müssen rechtlich keine Konsequenzen fürchten, wenn sie sich zu erkennen geben. Mord verjährt in der Schweiz nach 30 Jahren. Der Kristallhöhlenmord liegt bald 37 Jahre zurück.

Profiler Axel Petermann im Interview. Video: mwa

Kristallhöhlenmord von 1982

Karin Gattiker (15) und Brigitte Meier (17) verschwanden am 31. Juli 1982 auf einer Velotour durch die Ostschweiz. Ihre Spur verlor sich an einer Wegkreuzung in Oberriet, wo ihre Velos zurückblieben. Ihre Leichen wurden neun Wochen später bei der Kristallhöhle entdeckt. Der oder die Täter wurden nie gefasst.

Es ist ein Fall, der europaweit für Aufsehen sorgte und noch heute weit über die Region die Menschen bewegt. Für Polizei und Staatsanwaltschaft ist der Fall abgeschlossen und verjährt. Im Zuge dessen hat die Justiz alle Asservate vernichtet.

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