Fall Anthamatten: «Täter versuchen immer, Gutachter zu täuschen»
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Fall Anthamatten«Täter versuchen immer, Gutachter zu täuschen»

Die Bilanz der Verwahrungsinitiative sei nicht beeindruckend, sagt Psychiater Thomas Knecht. Trotzdem habe sie sich gelohnt.

von
Stefan Ehrbar
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Keine lebenslängliche Verwahrung: Das Genfer Kriminalgericht hat Fabrice Anthamatten (hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2013) ordentlich verwahrt. Die Bedingungen für eine lebenslange Verwahrung sahen die Richter nicht als gegeben an.

Keine lebenslängliche Verwahrung: Das Genfer Kriminalgericht hat Fabrice Anthamatten (hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2013) ordentlich verwahrt. Die Bedingungen für eine lebenslange Verwahrung sahen die Richter nicht als gegeben an.

epa/Marci Bielecki
Anfang der Diskussion: Im Oktober 1993 misshandelt und ermordet ein mehrfach vorbestrafter Sexualstraftäter die 20-jährige Pasquale Brumann während eines Hafturlaubs.

Anfang der Diskussion: Im Oktober 1993 misshandelt und ermordet ein mehrfach vorbestrafter Sexualstraftäter die 20-jährige Pasquale Brumann während eines Hafturlaubs.

Keystone/str
Drei Jahre später wird die 13-jährige Katja von einem Wiederholungstäter entführt, vergewaltigt und in einen Kanal geworfen. Ihre Patin Anita Chaaban (r.) und ihre Mutter Doris Vetsch lancieren die Verwahrungsinitiative, die 2004 angenommen wird.

Drei Jahre später wird die 13-jährige Katja von einem Wiederholungstäter entführt, vergewaltigt und in einen Kanal geworfen. Ihre Patin Anita Chaaban (r.) und ihre Mutter Doris Vetsch lancieren die Verwahrungsinitiative, die 2004 angenommen wird.

Keystone/Arno Balzarini

Herr Knecht, Fabrice Anthamatten wird nicht lebenslänglich verwahrt. Hat Sie das Urteil überrascht?

Ich habe es erwartet. Die Schwierigkeit, eine lebenslange Unbehandelbarkeit zu prognostizieren, ist bekannt.

Sie haben schon zweimal Gutachten erstellt, nach denen kantonale Gerichte eine lebenslängliche Verwahrung aussprachen. Was ist nun anders?

Ich habe die Gutachten im Fall Anthamatten nicht gelesen. Es gibt nicht das eine Kriterium, das alle anderen schlägt. Es gibt sehr viele Merkmale, die gegen Therapierbarkeit sprechen. Wenn man keines findet, das gegen eine lebenslange Verwahrung spricht, ist man so nahe daran wie nur möglich. Eine absolute Wahrheit gibt es in Bezug auf Prognosen aber nie.

Schon drei Mal hat das Bundesgericht eine lebenslängliche Verwahrung kassiert. Wie gross ist der Spielraum der Richter?

Richter haben immer das letzte Wort. Aber man kann ein Gutachten mit mehr oder weniger Gewissheit formulieren. Wenn ich schreibe «letztlich wird man es nie wissen», wird es für Richter schwierig, eine lebenslange Verwahrung auszusprechen. Wenn ich schreibe, dass man zum jetzigen Zeitpunkt keine Therapierbarkeit auf absehbare Zeit erkennen kann, ist das etwas anderes.

Haben Gutachter Angst, eine Untherapierbarkeit zu diagnostizieren?

Ängste sind im Spiel, aber in beide Richtungen. Es braucht Überwindung, zu empfehlen, einen Menschen nie mehr in Freiheit zu lassen und sozusagen lebendig zu begraben. Andererseits besteht bei einer milden Beurteilung die Gefahr, dass eine Entlassung möglich wird.

Wird deshalb so häufig auf die ordentliche Verwahrung zurückgegriffen?

Sie ist eine Möglichkeit, allen Standpunkten Rechnung zu tragen. Bei einer ordentlichen Verwahrung ist nicht gesagt, dass ein Täter jemals wieder frei kommt. Zudem müssen das dann andere Gutachter entscheiden.

Täter könnten die Psychiater manipulieren.

Ein Täter wird auf jeden Fall versuchen, den Gutachter zu täuschen. Täter wissen häufig, was Gutachter hören wollen und reden ihnen nach dem Mund. Dieses Wissen eignen sich viele an.

Wie viele Gutachter in der Schweiz gibt es, die überhaupt fähig sind, Gutachten für solche Verbrecher zu erstellen?

In der Deutschschweiz etwa ein Dutzend Leute. Die werden von den Gerichten auch gefragt.

Wen, wenn nicht Anthamatten, soll die lebenslange Verwahrung treffen? Wird es je einen Fall geben?

Solche Fälle gibt es sicher. Es gibt auch Serienkiller, die 50 oder mehr Leute umgebracht haben. Dass sich ein solcher Mensch vor dem 51. Mal ändert, ist schon sehr unwahrscheinlich.

Wird Anthamatten jemals wieder freigelassen?

Mittelfristig sicher nicht. So einen blauäugigen Gutachter gibt es in der Schweiz nicht mehr, dafür ist der Wissensstand zu hoch. Es gibt keine Wunderheilung.

Die Bilanz der Verwahrungsinitative ist ernüchternd.

Was bisher herausgeschaut hat, ist sicher nicht beeindruckend. Aber alleine die Tatsache, dass man die lebenslängliche Verwahrung prüft, hat die Justiz gestärkt. Das Instrument hat auch präventiven Charakter. Die lebenslange Verwahrung macht Eindruck. Die Justiz hat wieder ein bisschen mehr Zähne, nachdem sie ihr jahrelang gezogen wurden. Die Rechtsprechung muss sich noch einspielen. Damit habe ich gerechnet.

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