Frauendelinquenz: «Täterinnen erhalten mehr Beachtung»

Aktualisiert

Frauendelinquenz«Täterinnen erhalten mehr Beachtung»

Frauen werden selten straffällig, wie die aktuelle Basler Urteilsstatistik zeigt. Psychologe Udo Rauchfleisch im Gespräch über geschlechterspezifische Unterschiede bei Straftaten.

von
Lukas Hausendorf

Von 3'186 Strafurteilen, die im Jahr 2012 in Basel ausgesprochen wurden, entfielen 85 Prozent auf Männer. Erstaunt Sie diese Zahl?

Nein, das erstaunt mich nicht. Vor allem schwerere Delikte, insbesondere Gewalttaten, sind eine Männerdomäne.

Warum delinquieren Frauen denn viel weniger als Männer?

Frauen delinquieren auch. Aber meist sind die von ihnen verübten Straftaten weniger gravierend als die von Männern.

Trotzdem: Schlagzeilen von pöbelnden Mädchen oder Prozesse wie der gegen die mutmassliche Mörderin Amanda Knox erregen sehr viel Aufmerksamkeit. Sind kriminelle Frauen auf dem Vormarsch oder wird hier ein mediales Zerrbild vermittelt?

Da Frauen seltener Gewalttaten verüben, erregen sie – gerade weil es Ausnahmen sind – mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Ausserdem erhalten weibliche Täter mehr Beachtung, weil in unserer Gesellschaft weithin die Vorstellung besteht, Frauen seien nicht aggressiv. Und nun tritt plötzlich eine als Gewalttäterin in Erscheinung.

In der Literatur stösst man auf verschiedene Erklärungsansätze: Da wird dem weiblichen Geschlecht mangelnde Aggressivität attestiert, mehr Risikoscheue oder behauptet, dass sie sehr viel mehr Straftaten begehen als bekannt, diese aber besser verschleiern. Praktisch keiner ist empirisch erhärtet. Wovon geht man heute aus?

Es gibt nicht einen einzelnen Grund, mit dem sich die Geschlechtsunterschiede erklären lassen. Ein gewisser Einfluss geht von der Biologie aus: das männliche Hormon Testosteron macht aggressiver und führt bei Männern zu grösserer Körperstärke. Die Hauptursachen liegen aber in der Sozialisation: Während Frauen Spannungen und Frustrationen eher innerlich abmachen – das heisst beispielsweise, Aggression gegen sich selbst richten – neigen Männer dazu, ihren Frust draussen abzulassen, also ihre Aggression gegen andere Menschen zu richten. Auch wenn es klischeeartig klingt: Nach wie vor wird Mädchen gesagt «Sei still! Sei nicht so wild!», und Tränen werden bei ihnen toleriert, während Buben oft geradezu ermuntert werden: «Wehr Dich doch wie ein Mann» und Tränen bei ihnen verpönt sind.

Häufig wird auf geschlechterspezifische Unterschiede bei den Tatmotiven hingewiesen. Töten Männer aus Gier und Frauen aus Leidenschaft?

Tendenziell stimmt das. Aber so pauschal kann man das eigentlich nicht sagen. Bei Frauen scheint der Beziehungsaspekt und damit die Emotionalität eine grössere Rolle zu spielen, während es bei Männern vielfach um Machtdemonstrationen geht.

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