Mord im Alterszentrum: Täterinnen zu 13 und 10,5 Jahren Haft verurteilt
Aktualisiert

Mord im AlterszentrumTäterinnen zu 13 und 10,5 Jahren Haft verurteilt

Eine 30-jährige Pflegerin und eine 26-jährige Kioskverkäuferin sind für den Mord an einer Seniorin schuldig gesprochen worden. Sie hatten die Frau in ihrer Alterswohnung erstickt und beraubt.

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Das Bezirksgericht Horgen: Hier müssen sich ab Dienstag, 10. November 2015, eine 30-jährige Fachfrau Gesundheit und eine 26-jährige Verkäuferin verantworten.

Das Bezirksgericht Horgen: Hier müssen sich ab Dienstag, 10. November 2015, eine 30-jährige Fachfrau Gesundheit und eine 26-jährige Verkäuferin verantworten.

Keystone/Walter Bieri
Sie sollen vor fast zwei Jahren im Alterszentrum Hochweid in Kilchberg die 88-jährige Iris J. getötet haben.

Sie sollen vor fast zwei Jahren im Alterszentrum Hochweid in Kilchberg die 88-jährige Iris J. getötet haben.

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Die Seniorin aus Kilchberg lebte seit 1999 in einer Wohnung im Block B der dazugehörigen Alterssiedlung.

Die Seniorin aus Kilchberg lebte seit 1999 in einer Wohnung im Block B der dazugehörigen Alterssiedlung.

Hannes von Wyl

13 und 10,5 Jahre Freiheitsentzug wegen Raubmords: Das Bezirksgericht Horgen ZH hat milde Strafen verhängt gegen die beiden Frauen, die im November 2013 in Kilchberg ZH eine 88-jährige Frau in deren Wohnung getötet und beraubt haben.

Die 30-jährige Gesundheits-Fachfrau wurde zusätzlich wegen gewerbsmässigen Diebstahls schuldig gesprochen. Als Angestellte des Alterszentrums hatte sie mehrere Bewohnerinnen bestohlen und die Beute verkauft. Sie muss für 13 Jahre in Gefängnis. Laut Gericht bleibt sie vorderhand in Sicherheitshaft.

Die 26-jährige mitbeschuldigte Kioskverkäuferin hat eine 10,5-jährige Freiheitsstrafe zu verbüssen. Sie befindet sich bereits im vorzeitigen Strafvollzug. Laut ihrem Rechtsvertreter akzeptiert sie das Urteil. Es sei gerecht und das Gericht habe die «Hintergründe richtig gewertet», sagte der Anwalt zur Nachrichtenagentur SDA.

Das Urteil wurde am Freitag eröffnet. Es ist noch nicht rechtskräftig. Der Staatsanwalt und der Verteidiger der Hauptbeschuldigten konnten noch nicht sagen, ob sie es weiterziehen. Die 30-Jährige hatte einen Freispruch beantragt, der Staatsanwalt deutlich höhere Freiheitsstrafen von 18 beziehungsweise 15 Jahren verlangt.

Erhebliches Verschulden

Das Verschulden beider Frauen stufte das Gericht als erheblich ein. Eine Verminderung der Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt habe es nicht gegeben. Allerdings sei nicht der Tod der betagten Frau geplant gewesen – «das glauben wir Ihnen» –, sondern nur deren Betäubung und der Raub.

Die beiden Beschuldigten hätten den Tod aber in Kauf genommen. Damit liege eine eventualvorsätzliche Tötung vor. Zusammen mit dem Motiv Habgier und dem heimtückischen Vorgehen gegen eine schlafende alte Frau sei die Tatqualifikation als Mord gegeben.

Der jüngeren Beschuldigten hielt das Gericht ihre schwere Kindheit und Jugend zugute. Strafreduzierend wirkte sich zudem vor allem ihr weitgehendes Geständnis aus, ihre echte Reue und die grosse Einsicht in das Unrecht ihrer Tat.

Zu Gunsten der Hauptbeschuldigten wertete das Gericht deren anfängliches Geständnis. Auch wenn sie dieses nach vier Monaten widerrufen habe, sei es doch für die Aufklärung der Tat wichtig gewesen. Der Schuldspruch stützte sich auf zahlreiche objektive Hinweise, die in Einklang standen mit dem ursprünglichen Geständnis.

«Nicht wie im Film»

Die Tat sei offensichtlich nicht nach Plan abgelaufen, sagte der Gerichtspräsident. «Die Realität war nicht wie im Film.» Kurz vor Mitternacht am 9. November 2013 drangen die beiden Frauen mithilfe eines Passepartouts in die Wohnung der betagten Frau ein. Sie tränkten ein Tüchlein mit Salmiakgeist und traten ans Bett der Schlafenden.

Die Jüngere hielt das Tüchlein dem Opfer gegen das Gesicht. Dann aber lief alles anders als geplant: Statt in Tiefschlaf zu sinken, sobald das mit Salmiak getränkte Tüchlein auf ihrem Gesicht lag, schreckte die Frau auf und wehrte sich, so gut es ging. Daraufhin drückte die 26-Jährige stärker und die Ältere hielt das Opfer fest. Nach rund dreiminütigem Todeskampf starb die 88-Jährige.

Die 30-Jährige hatte laut Gericht klar die Führungsrolle. Sie habe das Ganze organisiert, die nötigen Utensilien wie Schlüssel und Salmiakgeist beschafft und die Aufgaben verteilt. Die Tötungshandlung selbst nahm sie allerdings nicht vor. Sie gab den mit Salmiak getränkten Lappen ihrer Komplizin. Sie habe «die Dreckarbeit delegiert», so der Gerichtspräsident.

«Positive Einstellung»

Die Hauptbeschuldigte folgte den Ausführungen des Gerichtspräsidenten aufmerksam, aber mit unbewegtem Gesicht. Die jüngere Mitbeschuldigte weinte leise und nickte hin und wieder zu dessen Worten.

Es sei tragisch, dass ein unschuldiger Mensch wegen ein paar tausend Franken habe sterben müssen, sagte der Richter. Das Leid und das Leiden gingen jetzt weiter – bei den Angehörigen und den Beschuldigten. Er wünsche allen «eine positive Einstellung bei der Bewältigung» der Geschehnisse, schloss er. (sda)

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