Japan: Tagebuch einer Katastrophe
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JapanTagebuch einer Katastrophe

Sein Vater starb am 11. März im Tsunami. In den folgenden Wochen führte Yuta, 12, ein erschütterndes Tagebuch, in dem vom Schmerz seiner Familie und der Verzweiflung seiner Mutter erzählt.

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Am Tag, an dem in Japan die Erde bebte und eine zehn Meter hohe Tsunami-Welle die Küste im Nordosten des Landes verwüstete, sah der zwölfjährige Yuta Hakoishi seinen Vater zum letzten Mal lebendig. Der Primarschüler war am frühen Nachmittag, kurz nach dem Beben der Stärke 9.0, von seinen Eltern an der Osawa-Grundschule abgeholt worden. Die Familie hatte es nach Hause geschafft und glaubte sich in Sicherheit. Doch trotz Tsunami-Warnung fuhr sein Vater mit seinem Lastwagen davon.

Im ersten Eintrag eines Tagebuchs, das Yuta seit der Katastrophe führte und vor wenigen Tagen der japanischen Tageszeitung «The Mainichi Daily News» zu Verfügung stellte, schreibt er, wie er zunächst keine Angst vor dem Tsunami gehabt habe. «Ich dachte, die Welle würde höchstens zehn Zentimeter hoch sein», schrieb er. Aber er hatte sich geirrt. In den nächsten Stunden sollten riesige Wassermassen ganze Siedlungen über die Nationalstrasse 45 wegspülen. Von seinem Vater fehlte seither jede Spur. Yuta begann zu beten.

Die Verzweiflung der Mutter - Tag für Tag

Die Auszüge des Tagesbuchs wurden am Dienstag veröffentlicht. Yutas nächster Eintrag kommt genau eine Woche nach dem Beben. Dabei erzählt der Junge von der Verzweiflung der Mutter. «Mama verlor jegliche Hoffnung. Sie sagt, Papa wurde in all diesen Tagen nicht gefunden», notiert er. Sein Grossvater weint. «Er will das Haus wieder aufbauen» und sagt zu uns: ‚Auch wenn dein Vater es nicht schafft, werden wir unser Bestes geben und sicherstellen, dass ihr weiterhin zur Schule geht.'»

Fünf Tage später ist Yutas letzter Schultag. Im Chor singt er mit seinen Schulkameraden das Lied «Arigato» («Danke») und weiss, dass er den Schulabschluss seinem Vater zu verdanken hat. «Ich begann zu weinen», schreibt er an jenem 23. März.

Leiche des Vaters taucht auf

Zwei Tage später erhält ein Verwandter einen Anruf. Feuerwehrleute hätten die Leiche eines Mannes gefunden, der dem Vater des Jungen ähnele. «Wir sind dorthin geeilt. Ich sah meinen Vater auf dem Boden liegen. Sein Mund war offen. Meine ältere Schwester begann zu weinen, meine Mutter sagte nichts und mein jüngerer Bruder blieb in der Nähe meiner übrigen Verwandten. Ich berührte das Gesicht meines Vaters. Es war kälter als Wasser», ist der bedrückende Eintrag am 25. März.

Der Junge macht sich zum Tod seines Vaters grosse Vorwürfe: «Wieso bist du nur zurück ins Freie gegangen?», geht ihm ständig durch den Kopf. Und dann meint er, es bringe ja nichts, darüber nachzudenken. Doch je mehr er sich dies einredet, umso mehr muss er weinen. «Ich sah den Talisman aus Titan, den mein Vater an seinem Fussgelenk getragen hat, seinen Ehering und sein Handy. Was mich überraschte, war, dass seine Uhr immer noch funktionierte.» Seither trägt der Junge die Uhr des Vaters. «Ich denke nicht, dass ich sie jemals in meinem Leben verlieren werde.»

Tagelange Trauerarbeit

In der Woche vom 27. März beginnt der Zwölfjährige den Schmerz zu verarbeiten. An manchen Tagen wünsche er sich, niemals das Gesicht seines toten Vaters gesehen zu haben, schreibt er. Doch dass man die Leiche entdeckt habe, sei trotz allem etwas Positives: «Wir können ihn nun einäschern. Und ich konnte ihn berühren. Es ist gut, dass er entdeckt wurde.»

Am 28. März findet die Feuerbestattung statt. «Meine Schwester, meine Mutter und mein Bruder haben Briefe geschrieben, die wir neben meinen Vater legten. Während wir uns nach vorne beugten, um zu beten, versprach ich: 'Die Hakoishi-Familie wird ihr Bestes geben, um ohne dich weiterzumachen.' Sie liessen mich die sterblichen Überreste halten, bis wir sie in die Grabkammer legten. Ich fühlte mich erleichtert, nachdem wir sie begraben hatten.»

Am 7. April schreibt Yuta seinen letzten Eintrag: «Mein Vater war bewundernswert. Heute bin ich wirklich dankbar.»

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