Istanbul: Tagsüber herrscht Alltag, nachts wird gefeiert

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IstanbulTagsüber herrscht Alltag, nachts wird gefeiert

Noch hat sich die Lage in Istanbul nicht völlig entspannt. Eine Woche lang gehen die Menschen auf die Strasse, um zu feiern und zu beobachten. Ein Schweizer erzählt.

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vro
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Als ihr Stützpunkt von Bürgern und Polizisten beschossen worden sei, hätten sie um ihr Leben gefürchtet und seien geflohen, gaben die acht geflohenen Türken zu Protokoll: Ein türkischer Offizier (mit verhülltem Gesicht) wird zum Gericht in Alexandroupolis geführt. (21. Juli 2016)

Als ihr Stützpunkt von Bürgern und Polizisten beschossen worden sei, hätten sie um ihr Leben gefürchtet und seien geflohen, gaben die acht geflohenen Türken zu Protokoll: Ein türkischer Offizier (mit verhülltem Gesicht) wird zum Gericht in Alexandroupolis geführt. (21. Juli 2016)

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Asylgesuch an Griechenland: Einer der türkischen Offiziere (M.), der nach dem Putschversuch nach Griechenland flüchtete (27. Juli 2016).

Asylgesuch an Griechenland: Einer der türkischen Offiziere (M.), der nach dem Putschversuch nach Griechenland flüchtete (27. Juli 2016).

Keystone/Yorgos Karahalis
Die Justiz hatte schon kurz nach der Flucht ein erstes Urteil gefällt: Ein Polizist führt einen der geflohenen Soldaten ins Gericht in Alexandroupolis.

Die Justiz hatte schon kurz nach der Flucht ein erstes Urteil gefällt: Ein Polizist führt einen der geflohenen Soldaten ins Gericht in Alexandroupolis.

AFP/Sakis Mitrolidis

Tausende Menschen gingen nach dem Putschversuch vom Freitagabend auf die Strassen Ankaras und Istanbuls, um die Machtergreifung durch das Militär zu verhindern. So konnten sie Soldaten etwa daran hindern, den Flughafen Atatürk in Istanbul in Beschlag zu nehmen. Auch H.K.*, der im Aargau lebt, ist derzeit bei Verwandten in Istanbul zu Besuch. Der Putschversuch sei völlig überraschend gekommen, sagt er. «Ich war mit meinem Bruder am Freitagabend in einem Café. Da war alles normal. Als wir nach Hause kamen, erfuhren wir vom Putschversuch. Das war beängstigend.»

Die Behörden hätten der Bevölkerung der Türkei – darunter etwa K.s Schwester – ein SMS geschickt, sie sollten alle auf die Strasse gehen. Mit seinen Geschwistern sei K. dem Aufruf gefolgt. «In der Nähe befindet sich eine Polizeistation. Wir gingen dorthin, es standen zwei Militärpanzer davor.» Die Soldaten seien schliesslich verhaftet worden. Trotzdem sei es auch zu Gewalt gekommen, die vom Militär ausgegangen sei, berichtet K. «Ich habe Schüsse gehört, eine Person wurde dabei getötet. Ausserdem habe ich einen Verletzten in einem blutgetränkten Hemd gesehen.»

Ein Video von K. aus den Strassen Istanbuls:

«Es spielt keine Rolle, wie man denkt»

Kurz darauf hätten die Demonstranten erfahren, dass das Militär den Istanbuler Flughafen Atatürk belagerte. «Mehrere Tausend Menschen gingen dann zur U-Bahn und fuhren hin. Eigentlich ist die Metro um diese Zeit nicht mehr in Betrieb, aber am Freitag fuhr sie und war für uns gratis.» Als sie am Flughafen ankamen, seien die Soldaten bereits verhaftet worden. «Wir haben dann mit den Leuten gefeiert», erzählt K.

K. hat die Stimmung in der U-Bahn und am Flughafen festgehalten:

Der junge Aargauer ist froh, dass der Putsch abgewendet werden konnte. «Jeder, der so etwas erlebt hat, weiss, wie schlimm es wäre, wenn die Armee die Macht übernehmen würde. Auch die jungen Türken wissen das, weil es ihnen ihre Eltern erzählt haben.» Bei den Protesten gehe es nicht darum, ob man Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdogan sei oder nicht, sondern um die Demokratie.

«Man will einfach nicht zulassen, dass so etwas nochmals passiert»

Die Proteste auf den Strassen hätten dem türkischen Volk auch gutgetan. «In der jüngsten Vergangenheit bekam die Gesellschaft Risse. Jetzt gehen Kurden und Türken gemeinsam auf die Strasse, es spielt keine Rolle, welcher Partei man angehört, wie religiös man ist oder wie man über Erdogan denkt.» Gemeinsames Ziel sei es, einen Putsch nicht Realität werden zu lassen.

Mittlerweile wurde im Land auch durchgegriffen. Knapp 3000 Putschisten wurden festgenommen und 2745 Richter suspendiert. Erst am Montag wurde bekannt, dass zudem 8777 Staatsbedienstete entlassen worden sind. Dies als «Hexenjagd» zu bezeichnen, sei übertrieben, findet K. «Man will einfach nicht zulassen, dass so etwas nochmals passiert.»

«Momentan sind alle froh, dass der Putschversuch gescheitert ist»

Deshalb sei das türkische Volk dazu aufgerufen worden, während einer Woche täglich auf die Strassen zu gehen, den Triumph zu feiern und auf weitere mögliche Putschisten-Gruppierungen zu achten. Laut K. ist tagsüber in Istanbul wieder der Alltag eingekehrt. Läden seien geöffnet, das Leben sei wie immer.

Ab 22 Uhr versammelten sich jedoch Menschen auf den Strassen. «Mittlerweile sind es sogar noch mehr Leute als am Freitag», sagt K. Sie seien hupend und mit Flaggen unterwegs. Der Aargauer wird sich ihnen noch das eine oder andere Mal anschliessen, wie er sagt. «Momentan sind einfach alle froh, dass der Putschversuch gescheitert ist.»

*Name bekannt

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