Selbstbedienung im Lockdown: Take-away-Regal kostet Floristin 1320 Franken
Aktualisiert

Selbstbedienung im LockdownTake-away-Regal kostet Floristin 1320 Franken

Wegen eines offenen Selbstbedienungsregals werden einer Floristin eine Busse und ein Strafbefehl ausgestellt. Für die Betroffene ist das unverhältnismässig.

von
Lena Stadler
1 / 7
Dieses Selbstbedienungsregal kostete die Floristin Manuela Achermann 1320 Franken.

Dieses Selbstbedienungsregal kostete die Floristin Manuela Achermann 1320 Franken.

Privat
Der Grund: «Die Beschuldigte hat vorsätzlich eine öffentlich zugängliche Einrichtung (Selbstbedienungsladen) nicht für das Publikum geschlossen gehalten», wie es im Strafbefehl heisst.

Der Grund: «Die Beschuldigte hat vorsätzlich eine öffentlich zugängliche Einrichtung (Selbstbedienungsladen) nicht für das Publikum geschlossen gehalten», wie es im Strafbefehl heisst.

Privat
Für Achermann ist das unverständlich: «Weder Bund, Kanton noch Gemeinde hat meine Anfrage klar beantworten können, ob ein Selbstbedienungsregal verboten ist.»

Für Achermann ist das unverständlich: «Weder Bund, Kanton noch Gemeinde hat meine Anfrage klar beantworten können, ob ein Selbstbedienungsregal verboten ist.»

Privat

Darum gehts

  • Die Floristin Manuela Achermann liess ihr Selbstbedienungsregal während des Lockdown offen.
  • Dafür werden ihr eine Busse und ein Strafbefehl ausgestellt – gesamthaft kostet das 1320 Franken.
  • Für Achermann ist das unverständlich – die Regeln seien nicht klar gewesen.
  • Laut der Kantonspolizei Aargau war den Floristen längst bekannt, dass sie den Selbstbedienungsbereich schliessen mussten.
  • Die Staatsanwaltschaft Aargau stellte 14 Strafbefehle wegen Offenhaltens von Läden aus.

Ein paar Blumen und ein bisschen Deko zu verkaufen, kann im Lockdown teuer werden. Diese Erfahrung musste Manuela Achermann (39) machen. Die Floristin besitzt das kleine Atelier Shabby Home in Schmiedrued AG. Während des Lockdown hatte sie ihr Geschäft geschlossen, wie es die Covid-19-Verordnung des Bundes vorsieht. Das Selbstbedienungsregal mit Blumen und Dekoartikeln vor dem Laden blieb aber weiterhin offen. Am 3. April stand die Polizei vor der Tür von Shabby Home und forderte die Frau auf, das Regal zu schliessen. «Das habe ich auch sofort gemacht, als die Polizei noch vor Ort war», so Achermann.

Trotzdem wird es für die Floristin jetzt teuer: Diese Woche flatterte ein Strafbefehl der Aargauer Staatsanwaltschaft ins Haus. Neben einer Busse von 500 Franken muss sie eine Strafbefehlsgebühr von 800 Franken und 20 Franken Polizeikosten begleichen. Ihr droht jetzt ein Eintrag im Strafregistersie wird zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 70 Franken verurteilt. Der Grund: «Die Beschuldigte hat vorsätzlich, das heisst mit Wissen und Willen, eine öffentlich zugängliche Einrichtung (Selbstbedienungsladen) nicht für das Publikum geschlossen gehalten», wie es im Strafbefehl heisst. Für Achermann ist das unverständlich: «Weder Bund, Kanton noch Gemeinde hat meine Anfrage klar beantworten können, ob ein Selbstbedienungsregal verboten ist.»

«Mehr Hobby als Einnahmequelle»

Kurz nach Erhalt des Strafbefehls schrieb Ackermann auf Facebook einen emotionalen Post: «Ich bin gerade am Zittern und Heulen. Als kleiner Laden, der nur zweimal in der Woche offen hat, muss ich eine Busse von 1320 Franken zahlen. Es kann doch echt nicht sein, dass man die kleinen Läden so fertigmacht.» Achermann sagt zu 20 Minuten, sie sei unter Schock gestanden: «Es heisst immer, dass man das Kleingewerbe in dieser Krise unterstützen will, aber das ist nicht so: Die Kosten stehen in keinem Verhältnis zu den Einnahmen während des Lockdown.»

Die 1320 Franken sind für die dreifache Mutter ein unglaublich hoher Betrag: «Mein Atelier ist nur zwei Tage die Woche geöffnet und ist mehr ein Hobby als eine Einnahmequelle. Ich kann den Betrag nur in Raten abzahlen.» Achermann findet den Strafbefehl übertrieben: «Eine Busse ginge ja noch, aber so fühlt es sich an, als wäre ich eine Schwerverbrecherin.»

Achermann kritisiert das uneinheitliche Vorgehen der Polizei: «Eine Kollegin aus dem Nachbardorf hat auch eine Anzeige bekommen, während die Polizei bei einem anderen Dekoladen in meiner Gegend nur eine Verwarnung ausgesprochen hat.»

Noch nicht rechtskräftig

Laut der Kantonspolizei Aargau war die Weisung klar: «Es war den Besitzern der Blumenläden längst bekannt, dass sie auch den Selbstbedienungsbereich geschlossen haben müssen», so Sprecherin Aline Rey. Die Kontrolle sei aufgrund der Meldung einer Drittperson am 3. April durchgeführt worden, dass sich nicht alle Läden an die Regeln halten würden. Laut Rey wurden noch am gleichen Tag mehrere Betreiber angezeigt.

Die Aargauer Staatsanwaltschaft hält am Strafbefehl fest. Sprecherin Fiona Strebel sagt auf Anfrage von 20 Minuten: «Am 3. April galt gestützt auf die Covid-19-Verordnung, dass sämtliche öffentlich zugänglichen Einrichtungen, die für die Deckung des alltäglichen Lebensbedarfs nicht zwingend notwendig sind, geschlossen waren. Darunter fielen auch unbediente Selbstbedienungsläden wie zum Beispiel solche für Blumen und Dekorationsartikel.» Wer sich dieser Massnahme vorsätzlich widersetze, werde mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe bestraft.

Laut Strebel ist der Strafbefehl noch nicht rechtskräftig. Wenn die Floristin den Sachverhalt oder eine vorsätzliche Handlung bestreite, könne sie gegen den Strafbefehl und das Strafmass innerhalb von zehn Tagen Einsprache erheben.

Wenn Achermann die Busse nicht bezahlt, wandert sie für acht Tage ins Gefängnis. Einen Anwalt kann sie sich nicht leisten, um das Urteil weiterzuziehen. Achermann: «Ich habe aber viel Solidarität auf Facebook bekommen. Eine Anwältin hat mit mir Kontakt aufgenommen und schaut sich das Ganze jetzt an.»

Offene Läden

So bestraft der Kanton Aargau

Manuela Achermann ist nicht die Einzige, die im Kanton Aargau gegen die Covid-19-Verordnung verstossen hat. Bis zum 14. Mai hat die Staatsanwaltschaft vierzehn Strafbefehle ausgestellt, weil öffentlich zugängliche Einrichtungen fürs Publikum vorsätzlich offen gehalten wurden – die allermeisten davon sind noch nicht rechtskräftig. Wegen Offenhaltens von Selbstbedienungsläden wurden zwei Strafbefehle erlassen. Für das Strafmass ist unbedeutend, ob der ganze Laden oder nur der Selbstbedienungsteil offen gelassen wird.

Deine Meinung