Aktualisiert 20.04.2010 15:56

«Ehrlicher Dialog»Taliban-Chef auf Friedenskurs?

Der berüchtigte afghanische Taliban-Anführer Mullah Omar ist angeblich bereit zu Friedensgesprächen mit dem Westen. Er will dafür auf die Macht verzichten.

von
pbl
Zwei der wenigen Fotos von Mullah Mohammed Omar, abgedruckt 2003 im Magazin «Vanity Fair».

Zwei der wenigen Fotos von Mullah Mohammed Omar, abgedruckt 2003 im Magazin «Vanity Fair».

Während der fünfjährigen Taliban-Herrschaft in Afghanistan von 1996 bis 2001, die vielen als Zeit des Schreckens in Erinnerung bleibt, war der einäugige Mullah Mohammed Omar, von dem es kaum Fotos gibt, der Anführer der islamischen Extremisten. Nach der US-Invasion im Oktober 2001 konnte er nach Pakistan fliehen. Heute befindet sich die Führung der Taliban vermutlich in der Stadt Quetta im Grenzgebiet zu Afghanistan.

Bislang galt Mullah Omar als kompromissloser Feind des Westens. Nun sind neue Töne zu vernehmen: Zwei Islam-Gelehrte, die zum inneren Kreis der Taliban-Führung gehören sollen, erklärten in einem Interview mit der «Sunday Times», dass Mullah Omar nicht länger die Herrschaft über Afghanistan anstrebe und zu «ernsthaften und ehrlichen» Gesprächen bereit sei. Laut dem von einem afghanischen Reporter tief im von den Taliban kontrollierten Gebiet geführten Gespräch verfolgen die Islamisten nur drei Ziele: die Rückkehr zur Scharia, die Vertreibung der Ausländer und die Wiederherstellung der Sicherheit.

Kritik an eigener Herrschaft

«Wir sind nicht daran interessiert, das Land zu führen, sofern diese Ziele erreicht werden», sagte einer der beiden Taliban-Anführer, der unter dem Pseudonym Abdul Rashid auftrat. Über die fünfjährige Taliban-Regentschaft äusserte er sich überraschend selbstkritisch: «Wir waren nicht fähig, das Land zu regieren. Uns fehlten Leute mit Erfahrung oder Sachverstand.» Sobald die Invasoren vertrieben seien, werde man die Politik der Zivilgesellschaft überlassen und sich in die Madrassas, die religiösen Schulen, zurückziehen.

Vorbedingungen nannten die Anführer nicht, es gehe ihnen nur um einen «ehrlichen Dialog». Man sei zu direkten Gesprächen mit «glaubwürdigen» westlichen Politikern bereit, auch mit Amerikanern, nicht aber mit Geheimdiensten wie der CIA. Dabei hätten die Taliban-Vertreter keineswegs den Eindruck hinterlassen, sie seien kriegsmüde, so der «Sunday Times»- Reporter. Sie seien vielmehr überzeugt, dass sie den Krieg gegen die NATO-Truppen gewinnen würden und aus einer Position der Stärke verhandeln könnten.

Direkte Gespräche mit USA?

Eine hochrangige Quelle im US-Militär sprach gegenüber der «Sunday Times» von einem möglichen Durchbruch: «Es gibt Hinweise von zahlreichen Geheimdienstquellen, wonach die Taliban zu einer Art Friedensprozess bereit sind.» In Washington werde zudem darüber diskutiert, ob Präsident Barack Obama von der bisherigen Politik der USA abrücken und direkte Gespräche mit den Taliban zulassen soll. Ein möglicher Verzicht der Taliban auf die Macht in Afghanistan wäre «ein grosser und wichtiger Fortschritt», so der US-Militär.

Neue Afghanistan-Konferenz im Juli

Nach der Londoner Afghanistan-Konferenz im Januar soll es nach US-Angaben im Sommer in Kabul zu einem Nachfolgetreffen kommen. Als Termin sei der 20. Juli geplant, sagte der US-Sondergesandte für Afghanistan, Richard Holbrooke. Die Konferenz solle dazu dienen, die internationale Unterstützung für die Regierung zu festigen. Vorgesehen sei unter anderem die Teilnahme von US-Aussenministerin Hillary Clinton. Bei der Londoner Konferenz war Ende Januar vereinbart worden, dass mit mehr afghanischen Sicherheitskräften und einem Aussteigerprogramm für die radikalislamischen Taliban der langfristige Abzug der internationalen Truppen vom Hindukusch eingeläutet werden soll. (sda)

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