Nach komplettem Rückzug aus Afghanistan - Taliban enthaupten Afghanen, die für internationale Truppen arbeiteten
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Nach komplettem Rückzug aus AfghanistanTaliban enthaupten Afghanen, die für internationale Truppen arbeiteten

In Afghanistan erobern die Taliban nach dem Rückzug der ausländischen Truppen immer weitere Gebiete. Einheimische, die für die Amerikaner arbeiteten, werden getötet. Doch die USA und Deutschland tun sich schwer mit der Aufnahme von Afghanen.

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Sohail Pardis arbeitete 16 Monate für die US-Truppen. Ein Visum erhielt er nicht – nun wurde er getötet.

Sohail Pardis arbeitete 16 Monate für die US-Truppen. Ein Visum erhielt er nicht – nun wurde er getötet.

zvg
Auch in der Hauptstadt Kabul patrouilliert die Armee. Raketenangriffe oder Anschläge sind fast alltäglich.

Auch in der Hauptstadt Kabul patrouilliert die Armee. Raketenangriffe oder Anschläge sind fast alltäglich.

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Wie lange sich die afghanischen Streitkräfte nach dem Abzug der ISAF-Truppen halten können ist unklar.

Wie lange sich die afghanischen Streitkräfte nach dem Abzug der ISAF-Truppen halten können ist unklar.

REUTERS

Darum gehts

  • Ende August verlässt der letzte US-Soldat Afghanistan. Viele einheimische Mitarbeiter der internationalen Friedenstruppe ISAF sind damit durch die Taliban an Leib und Leben bedroht.

  • Trotz Versprechen der USA und Deutschland harzt es mit der Aufnahme bedrohter Menschen.

  • Gemäss dem US-Generalstabschef könnten die Taliban die Macht an sich reissen.

Sohail Pardis (32) war im Mai von Kabul in die Provinz Khost unterwegs, um seine Schwester für Feiern zum Ende des Fastenmonats Ramadan abzuholen. Auf einem Strassenabschnitt, der durch die Wüste führte, stoppten Taliban seinen Wagen mit Schüssen, zerrten ihn aus dem Auto und enthaupteten ihn. Wie die «NZZ» berichtete, fanden Mitarbeiter des Roten Kreuzes Pardis Handy und riefen alle Nummern an – auch die seines Bruders Najibullah, der vom Tod seines Bruders berichtete.

Pardis arbeitete 16 Monate lang für die US Army als Übersetzer und wurde deswegen von den Taliban mehrmals direkt mit dem Tod bedroht. «Sie sagten ihm, er sei ein Spion für die Amerikaner, ein Ungläubiger, und sie würden ihn und seine Familie töten», berichtet sein Freund und Mitarbeiter Abdulhaq Ayoubi auf CNN.

Pardis ist kein Einzelfall. Obwohl die Taliban bekanntgaben, sie würden keine Einheimischen töten, die für die US-Truppen oder andere ausländische Einheiten innerhalb der Friedenstruppen ISAF tätig seien, bangen nun Tausende um ihr Leben. Seit 2014 wurden über 300 Übersetzer, umgebracht, die für die Amerikaner tätig waren.

Aufnahme durch USA und Deutschland harzt

Insgesamt 18’000 Personen, die für US-Truppen arbeiteten, haben sich im Rahmen der Operation Allies Refuge um ein Spezialvisum für die USA beworben. Präsident Joe Biden versprach am 8. Juli, Mitarbeiter der US-Truppen in Sicherheit zu bringen. Die Evakuation derer, die einen positiven Bescheid erhielten, soll Ende Monat beginnen. Doch viele haben bereits eine oft nicht nachvollziehbare Ablehnung ihres Gesuches erhalten – unter ihnen auch Pardis – und sind damit direkt vom Tod bedroht. Afghanische Mitarbeiter der US-Truppen empfinden das als reinen Hohn.

Viele sollen nach dem Willen der USA in anderen sicheren Ländern eine neue Heimat finden. Wie das Pentagon am Donnerstag sagte, sei man immer noch daran, Optionen zu prüfen, wo afghanische Mitarbeiter und ihre Familien untergebracht werden können. Konkret wurde aber noch nichts.

Auch Angela Merkel hat am Donnerstag Erleichterungen bei der stockenden Aufnahme afghanischer Ortskräfte der Bundeswehr angedeutet. Das Ziel sei, dass alle, die ab 2013 für Deutschland gearbeitet haben, «auch die Möglichkeit haben, nach Deutschland zu kommen», sagte die Kanzlerin. Doch für Dutzende, die im Fadenkreuz der Taliban sind, gibt es auch in Deutschland wenig Hoffnung. Nicht «alles, was dort oder auch in anderen Ländern passiere, kann Deutschland kompensieren», sagte die Kanzlerin. «Wir können nicht alle dieser Probleme lösen, indem wir die Menschen alle aufnehmen».

«Kein Frieden mit dieser Regierung»

Frieden zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban scheint zudem nicht in Sicht. Letztere machen einen Friedensschluss in Afghanistan vom Rücktritt von Präsident Aschraf Ghani und dessen Regierung abhängig.

Die Taliban würden erst dann ihre Waffen niederlegen, wenn Ghani und seine Regierung abgetreten seien und eine für sie akzeptable neue Regierung gebildet sei. Erst dann werde «kein Krieg sein», sagte Taliban-Sprecher und Mitglied der Verhandlungsdelegation Suhail Schahin in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP.

So bleibt vielen Menschen in Afghanistan nur die Flucht in andere Länder. Am Freitag wurde bekannt, dass sich Tadschiken derzeit auf die Aufnahme von bis zu 100’000 Flüchtlingen vorbereitet.

Die Taliban kontrollieren mittlerweile über die Hälfte der afghanischen Bezirkszentren und haben laut US-Generalstabschef Mark Milley «das Momentum» auf ihrer Seite. Er schliesst nicht mehr aus, dass die Taliban nach dem 31. August, wenn der letzte US-Soldat das Land verlassen hat, die Macht im Land vollständig übernehmen werden.

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(AP/AFP/trx)

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