Aktualisiert 08.12.2008 16:47

AfghanistanTaliban «vor den Toren von Kabul»

Die radikalislamischen Taliban haben ihren Einfluss in Afghanistan offenbar erheblich ausgeweitet. Für ihre wachsende Stärke sprechen auch zwei erfolgreiche Angriffe auf NATO-Depots in Pakistan.

Sie leisteten ganze Arbeit: Am frühen Montagmorgen drangen Angreifer in ein Depot der NATO in der nordwestpakistanischen Stadt Peshawar ein und setzten mehr als 50 Lastwagen mitsamt des geladenen Truppennachschubs in Brand. Es war der zweite erfolgreiche Anschlag in zwei Tagen: Erst am Sonntag hatten mehr als 300 Taliban-Kämpfer in Peshawar fast 150 Lastwagen und Container zerstört. Ein Wachmann war dabei getötet worden.

Damit machten die Taliban ihre Drohung wahr, vermehrt die Nachschublinien der NATO- und US-Truppen in Afghanistan zu attackieren. Die wichtigste führt über den berüchtigten Khyber-Pass von Pakistan nach Afghanistan. Die erfolgreichen Angriffe sind ein weiteres Indiz für den wachsenden Einfluss der Taliban, die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 von der Macht vertrieben worden waren.

Wichtige Zufahrtsstrassen kontrolliert

Inzwischen seien sie wieder auf 72 Prozent des afghanischen Territoriums präsent, heisst es in einer am Montag veröffentlichten Studie. Im vergangenen Jahr lag der Vergleichswert bei 54 Prozent. Vor allem im Süden des Landes beherrschen die Taliban dem Bericht der europäischen Expertengruppe International Council on Security and Development (ICOS) zufolge viele Städte und Dörfer.

Gemäss ICOS stehen sie mittlerweile auch «vor den Toren der Hauptstadt»: Es sei den Rebellen gelungen, zahlreiche Stützpunkte in der Nähe von Kabul zu schaffen. Auch drei der vier wichtigen Zufahrtsstrassen nach Kabul werden dem Bericht zufolge von den Taliban kontrolliert. Die Strasse nach Westen führe bereits nach einer halben Stunde durch unsicheres Gebiet, die Strasse nach Osten könne nur eine Stunde lang ohne Probleme befahren werden. Unsicher ist demnach auch die Strasse in die südliche Provinz Logar.

Vertrauen der Bevölkerung zurückgewonnen

Sieben Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes gebe es Anzeichen dafür, dass die Islamisten das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewännen, schreibt ICOS. Mit den NATO-Truppen und der afghanischen Regierung seien die Menschen dagegen zunehmend unzufrieden. Als Hauptgründe werden der Kampf gegen den Opium-Anbau, der Tod von Zivilisten bei Luftangriffen und die hohe Arbeitslosigkeit genannt.

Das afghanische Aussenministerium wies die Darstellung der europäischen Experten zurück. Die problematischen Bereiche beschränkten sich auf wenige Bezirke im Süden und Osten des Landes, teilte das Ministerium in Kabul mit. Für die Studie habe ICOS «sporadische» Aktivitäten der Taliban medienwirksam überbewertet. Die auf Sicherheitsfragen spezialisierte Organisation hatte einen Angriff pro Woche als Hinweis auf eine ständige Präsenz der Taliban in einem Gebiet gewertet.

Die internationalen Truppen scheinen die Bedrohung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Laut einem Bericht der «Times» prüft das US-Verteidigungsministerium eine alternative Versorgungsroute durch Europa, den Kaukasus und Zentralasien. Bereits im April wurde zudem mit Russland die Eröffnung einer neuen Nachschubroute ausgehandelt, doch das Abkommen liegt seit dem Georgien-Krieg im August auf Eis.

(pbl/sda)

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