Eitan (5) nach Seilbahnunglück wach - «Tante, wo bin ich, wo sind Mama und Papa?»
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Eitan (5) nach Seilbahnunglück wach «Tante, wo bin ich, wo sind Mama und Papa?»

Der kleine Eitan erwachte aus dem Koma und fragte als Erstes, wo seine Eltern seien. Eine Kinderpsychologin erklärt, wie man ihm mitteilt, dass alle tot sind.

von
Karin Leuthold
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Unter den Toten des Seilbahnunglücks am Lago Maggiore ist auch eine israelische Familie, die in Italien lebte. Die beiden Eltern, ihr jüngster Sohn (2) sowie zwei Urgrosseltern starben. Der fünfjährige Eitan überlebte.

Unter den Toten des Seilbahnunglücks am Lago Maggiore ist auch eine israelische Familie, die in Italien lebte. Die beiden Eltern, ihr jüngster Sohn (2) sowie zwei Urgrosseltern starben. Der fünfjährige Eitan überlebte.

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Vater Amit hat dem fünfjährigen Sohn das Leben gerettet, indem er ihn umarmte.

Vater Amit hat dem fünfjährigen Sohn das Leben gerettet, indem er ihn umarmte.

Quelle: Screenshot TGcom 24
Am 23. Mai löste sich eine Gondel der Seilbahn am Monte Mottarone, 14 Menschen starben.

Am 23. Mai löste sich eine Gondel der Seilbahn am Monte Mottarone, 14 Menschen starben.

AFP

Darum gehts

  • Der einzige Überlebende des Seilbahnunglücks am Monte Mottarone ist aus dem Koma erwacht.

  • Seine Tante Aya rührt sich nicht von seiner Seite.

  • Sie ist es, die dem Kind wohl mitteilen wird, dass seine Eltern und sein kleiner Bruder tot sind.

Der fünf Jahre alte Eitan Moshe Biran, einziger Überlebender des Seilbahnunglücks von Stresa in Norditalien, erwachte am Freitag aus dem Koma. Neben ihm sass seine Tante Aya und die Kinderpsychologin Marina Bertolotti. «Ich habe Halsschmerzen», waren laut «La Stampa» Eitans erste Worte. Dann richtete der Bub seinen Blick auf die Tante. Er erkannte sie sofort. «Hallo Tante», sagte er. Als Nächstes fragte er: «Wo bin ich? Wo sind Mama und Papa?»

Eitan liegt immer noch auf der Intensivstation des Kinderspitals Regina Margherita von Turin. Sein Gesundheitszustand sei zwar stabil, aber er müsse noch aufgrund seiner Brust- und Bauchverletzungen über eine Sonde ernährt werden.

Soll man Eitan alles erzählen?

Seine Tante verlässt Eitans Seite nicht. Sie ist die einzige Verwandte, die das Kind in Italien hat. Wer soll ihm nun erklären, dass sein Vater Amit, Mutter Tal, sein kleiner Bruder Tom und seine Urgrosseltern Itshak und Barbara, die aus Israel auf Besuch waren, beim Absturz der Gondel starben? «Am besten ist es immer, wenn jemand aus der Familie, dem das Kind vertraut, so etwas mitteilt», erklärt die Psychologin Anna Oliverio Ferraris gegenüber «La Stampa». Wichtig sei, dass die Tante auch von Psychologinnen und Psychologen begleitet wird, weil das eine sehr schmerzhafte Aufgabe sei.

Der Dialog müsse mit Sorgfalt geführt werden, so Oliverio Ferraris. «Es sollte nicht alles beim ersten Gespräch mitgeteilt werden», ist ihre Meinung. Vielleicht müsse man zunächst hervorheben, dass sein Vater ihn im Moment des Absturzes mit seiner Umarmung beschützte, sagt die Psychologin. «Mama und Papa wissen, was für ein mutiges Kind du bist. Sie sind nicht mehr da, aber sie werden dich weiterhin beschützen», ist ihr Vorschlag.

Wie geht man mit den Erinnerungen um?

In diesem konkreten Fall spiele der religiöse Glauben der Familie eine wichtige Rolle: «Mama und Papa sind jetzt woanders, aber sie freuen sich sehr, dass du hier bist und wünschen sich, dass du bleibst.» Man solle Eitan dabei umarmen und mit ihm in einer sanften Stimme reden, damit das Kind sich geborgen fühlt. Zu einem späteren Zeitpunkt könne man mit Spielen das Trauma behandeln, sagt Oliverio Ferraris.

Klar werde es Phasen haben, in denen Eitan sehr traurig oder sogar wütend werden kann. Solange er aber das Gefühl bekomme, dass sein Umfeld ihn bei der Verarbeitung seiner Erinnerungen begleitet, wird sich das beruhigend auswirken.

Die Erinnerungen werde er in Zukunft auch über Fotos seiner Eltern und seines kleinen Bruders abspeichern, erklärt die Spezialistin. Vielleicht nicht sofort, aber irgendwann dürfe man ein Familienfoto auf seinem Nachttisch stellen. Das spare ihm die Anstrengung, die Bilder seiner Eltern im Kopf behalten zu müssen. Allgemein sei ein Trauerprozess lang, auch bei Kindern.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Trauerst du oder trauert jemand, den du kennst?

Hier findest du Hilfe:

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Lifewith.ch, für betroffene Geschwister

Verein Regenbogen Schweiz, Hilfe für trauernde Familien

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen

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