10'000 in Bern: «Tanz dich frei» ohne grössere Zwischenfälle
Aktualisiert

10'000 in Bern«Tanz dich frei» ohne grössere Zwischenfälle

An der grössten Jugendkundgebung seit den 1980er Jahren, zogen tausende Menschen lautstark durch Bern. Sie demonstrierten gegen eine zu starke Reglementierung des Nachtlebens.

Mindestens 10 000 junge Menschen haben am Samstagabend die Berner Innenstadt in eine Party-Meile verwandelt und zugleich für mehr Freiräume protestiert. Der lautstarke Umzug verlief bis spätnachts ohne grösseren Zwischenfälle.

Viele Teilnehmer der Kundgebung unter dem Motto «Tanz dich frei» schienen allerdings gewillt, die Nacht zum Tag zu machen - in der Innenstadt herrschte morgens um 1.30 Uhr immer noch reges Treiben. Gefordert war insbesondere die Sanitätspolizei - je später die Stunde, desto grösser die Zahl der stark alkoholisierten Menschen.

Die «Tanz-Demo» richtete sich in erster Linie gegen die behördliche Reglementierungswut des Berner Nachtlebens. Die anonymen Organisatoren hatten sich nicht um eine Bewilligung bemüht und stattdessen via Facebook und andere Plattformen zur Strassenparty aufgerufen.

Der Aufruf wurde bei bestem Frühsommer-Wetter rege befolgt. Beobachter gingen von mindestens 10 000 Menschen aus, die den Sound- Mobiles folgten. Damit handelt es sich um Berns grösste Jugendkundgebung seit November 1987, als die junge Generation für die alternative Hüttensiedlung Zaffaraya auf die Strasse gegangen war.

Die Polizei hatte im Vorfeld signalisiert, sie werde den Umzug tolerieren. Die vielen im Einsatz stehenden Polizisten beschränkten sich im wesentlichen darauf, Präsenz zu zeigen, bei Problemen bereit zu stehen und den Verkehr zu regeln.

«Retourkutsche» mit Discosound

Die Demo-Teilnehmer hatten sich am Abend vor dem Kulturzentrum Reitschule versammelt und waren um 21.15 Uhr zum Tanz durch die Innenstadt aufgebrochen. Transparente waren nur vereinzelt zu sehen. Eines der Sound-Mobiles trug den Namen «Retourkutsche» - eine Anspielung darauf, dass der Umzug auch eine Reaktion auf kürzlich verschärfte Betriebsauflagen für die Reitschule war.

Die Umzugsroute führte von der Schützenmatte via Bollwerk an den Bahnhof, dann weiter zum Zytglogge in der Altstadt. Von dort zogen die Demo-Teilnehmer auf den Bundesplatz. Ein offizielles Ende der Kundgebung gab es nicht - spätnachts wurde an mehreren Brennpunkten in der Stadt weiterhin getanzt, getrunken und gefeiert.

Knallpetarden und Abfallberge

Während des Umzugs waren regelmässig Knallpetarden gezündet worden. Vor dem Hotel «Schweizerhof» flogen zudem Feuerwerkskörper gegen die Fassade. Mehrere Demo-Teilnehmer brachten sich in Gefahr, als sie den Baldachin - die Überdachung beim Bahnhof - bestiegen und sich in der Nähe der Fahrleitungen aufhielten.

Etliche Gebäude wurden mit Sprayereien versehen, darunter auch das Bundeshaus. Dort erklomm spätabends ein Aktivist die Bundeshaus- Terrasse und schwenkte eine Fahne. In den Strassen zwischen Bahnhof und Zytglogge türmte sich der Abfall. Am Rande der Demo kam es gemäss Polizei zudem zu Schlägereien und Tätlichkeiten.

Anonyme Organisatoren

Die Organisatoren der Strassenparty gaben sich offiziell nicht zu erkennen. Ihrem Aufruf angeschlossen hatten sich unter anderen die Betreiber der Reitschule, mehrere Gastrobetriebe und Nachtklubs, aber auch Linksparteien und verschiedene Interessensorganisationen.

Mit der Tanz-Demo verknüpften sie eine Vielzahl von Anliegen. Im Zentrum stand zwar der Protest gegen das von vielen Jungen als trist empfundene Berner Nachtleben, doch für manche Teilnehmer ging es auch um Kapitalismuskritik, und viele nahmen wohl einfach wegen des Happenings an sich am Umzug teil.

(Video: Leser-Reporter) (sda)

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