5000 Fälle pro Tag - Taskforce soll wegen ungenauer Modelle schweigen
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5000 Fälle pro TagTaskforce soll wegen ungenauer Modelle schweigen

Wegen falscher Modelle der Taskforce fordern Politiker und Experten, dass sie nicht mehr öffentlich auftreten dürfe. Erneut wird ein Maulkorb zum Thema.

von
Carla Pfister
Leo Hurni
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Die von der Taskforce prognostizierte dritte Welle bleibt bisher aus. «Wir haben sicher Hausaufgaben zu machen», meinte Urs Karrer, Vizepräsident der Covid-Taskforce, am Mittwoch dazu.

Die von der Taskforce prognostizierte dritte Welle bleibt bisher aus. «Wir haben sicher Hausaufgaben zu machen», meinte Urs Karrer, Vizepräsident der Covid-Taskforce, am Mittwoch dazu.

20min/Simon Glauser
Für SVP-Nationalrat Thomas Aeschi ein Zeichen dafür, dass die SVP mit ihren starken Forderungen nach Öffnung im Recht war. Die Modelle der Taskforce seien schlicht widersprüchlich, Empfehlungen ändere die Taskforce regelmässig.

Für SVP-Nationalrat Thomas Aeschi ein Zeichen dafür, dass die SVP mit ihren starken Forderungen nach Öffnung im Recht war. Die Modelle der Taskforce seien schlicht widersprüchlich, Empfehlungen ändere die Taskforce regelmässig.

PARLAMENTSDIENSTE
Und auch für FDP-Nationalrat Marcel Dobler sind die Modelle der Taskforce «sehr fragwürdig». Dobler fordert deshalb, dass die Taskforce sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, jedoch weiter an den Bundesrat und das BAG rapportiert. 

Und auch für FDP-Nationalrat Marcel Dobler sind die Modelle der Taskforce «sehr fragwürdig». Dobler fordert deshalb, dass die Taskforce sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, jedoch weiter an den Bundesrat und das BAG rapportiert.

PARLAMENTSDIENSTE

Darum gehts

  • Die Corona-Taskforce ging in ihren Modellen von einem starken Anstieg der Fallzahlen aus, dieser blieb bisher allerdings aus.

  • Deshalb solle die Taskforce nur noch intern mit dem Bundesrat kommunizieren, fordern Politiker.

  • Der Präsident der Taskforce verteidigt die Modelle und zeigt mögliche Gründe für die sinkenden Zahlen.

Selbst bei 100’000 verimpften Dosen pro Tag erwartet die Schweiz eine dritte Welle – davon ging die Taskforce in ihren Modellen Ende März zu den täglichen Fallzahlen aus. Auch aufgrund dieser Modelle warnte die Taskforce vor Lockerungen. Sie rechnete für Anfang Mai mit 5000 täglichen Fällen, im Juli im schlimmsten Fall gar mit über 10’000 pro Tag.

Screenshot Science Taskforce

Jetzt zeigt sich: Der erwartete Anstieg findet nicht so statt, wie das die Taskforce modelliert hat. Das bestätigt auch die Taskforce selber: «Wir haben sicher Hausaufgaben zu machen», meinte Urs Karrer, Vizepräsident der Covid-Taskforce. Er lasse sich allerdings lieber positiv als negativ überraschen. Auch Ex-Taskforce-Mitglied Marcel Salathé erklärte, man müsse die Kritik an den Modellen ernst nehmen. Faktoren wie Impfung, Wetter und Schutzkonzepte hätten zur aktuellen erfreulichen Entwicklung beigetragen.

Für SVP-Nationalrat Thomas Aeschi ist der frappierende Unterschied zwischen Realität und Modell ein Zeichen dafür, dass die SVP mit ihren starken Forderungen nach Öffnung im Recht war. Die Bevölkerung habe sich verantwortungsvoll verhalten und damit gezeigt, dass die starken einschneidenden Massnahmen des Bundesrates nicht nötig seien. Die Modelle der Taskforce seien schlicht widersprüchlich, Empfehlungen ändere die Taskforce regelmässig. «In der Wirtschaftskommission haben wir uns bereits für ein Zurückbinden der Taskforce eingesetzt, was der Nationalrat aber dann ablehnte», so Aeschi.

Experten sollen nur noch intern informieren

Mit seiner Kritik ist Aeschi nicht alleine. Für FDP-Nationalrat Marcel Dobler sind die Modelle der Taskforce «sehr fragwürdig». «Ich wünsche mir von der Taskforce schon lange, dass sie mit realistischeren Szenarien arbeitet und nicht immer vom schlimmstmöglichen Fall ausgeht. Mit diesen sorgen sie für Angst in der Bevölkerung.» Dobler fordert deshalb, dass die Taskforce sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht, jedoch weiter an den Bundesrat und das BAG rapportiert. «Durch die parallele Kommunikation von Bundesrat und Taskforce schaden sich die beiden Instanzen gegenseitig. Das ist ein Fehler, den man weder in der Privatwirtschaft noch in einem professionellen Krisenstab machen würde», so Dobler.

Gesundheitsexperte Andreas Faller, Ex-Vizedirektor des BAG, versteht die Kritik aus der Politik. Denn die widersprüchlichen Modelle und Äusserungen der Taskforce und der einzelnen Mitglieder glichen einer Kakofonie. «Das verunsichert die Bevölkerung und macht Angst. Im besten Fall berät die Taskforce den Bundesrat intern, gegen aussen kommuniziert sie nur mit dessen Zustimmung. Wer damit nicht klarkommt, kann aus der Taskforce austreten und dann frei kommunizieren.» So könne die Expertengruppe ihre beratende Funktion besser wahrnehmen.

Es gibt aber auch Lob für die Experten des Bundes. Anfang des Jahres sei die Taskforce extrem widersprüchlich gewesen, mittlerweile trete sie disziplinierter auf. «Es ist wichtig, dass sicher der Bundesrat der Kritik der Taskforce zuhört und diese in die Entscheidungsfindung miteinbezieht», so Faller.

Taskforce verteidigt die Modelle

«Warum die Modelle in diesem Fall eher auf eine Zunahme hindeuteten, die Fallzahlen aber jetzt sinken, müssen sich die Experten und Expertinnen in der Taskforce noch detailliert anschauen», sagt Martin Ackermann, Präsident der Taskforce, zu 20 Minuten.

Die aktuelle epidemiologische Lage stimme ihn aber optimistisch. Mögliche Gründe für die tieferen Zahlen könnten saisonale Effekte und die Frühlingsferien sein, vermutet Ackermann. «Und besonders wichtig: Es könnte sein, dass es den Menschen sehr wohl bewusst ist, welches Risiko die Schweiz mit der Strategie und den neuen Freiheiten eingeht und sie sich entsprechend verantwortungsvoll verhalten», so Ackermann.

Rückendeckung bekommt die Taskforce auch von SP-Nationalrätin Barbara Gysi. Es sei «müssig», die Berechnungen der Taskforce im Nachhinein zu zerreden, da es sich dabei immer um Modelle handle. «Die Kommunikation der Taskforce hat sich mittlerweile gut eingependelt. Ich sehe keinen Änderungsbedarf und ein Maulkorb kommt schon gar nicht in Frage.» Ausserdem stehe die Taskforce an den Pressekonferenzen allen Fragen und der Kritik Rede und Antwort: «Ich finde es sehr sinnvoll, dass uns die Taskforce auf diese Weise Auskunft geben kann», so Gysi.

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