Kampfsportler von hinten erschossen – «Tat liegt nahe bei Mord» – Jeton G. muss 16,5 Jahre ins Gefängnis
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Kampfsportler von hinten erschossen«Tat liegt nahe bei Mord» – Jeton G. muss 16,5 Jahre ins Gefängnis

Jeton G. wurde am Mittwoch wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 16,5 Jahren verurteilt. Auf eine Verwahrung wurde verzichtet.

von
Stefan Hohler
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Der Beschuldigte Jeton G. soll schon als Jugendlicher immer wieder straffällig geworden sein.

Der Beschuldigte Jeton G. soll schon als Jugendlicher immer wieder straffällig geworden sein.

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Im März 2015 wurde der Kampfsportler Boris R. in Zürich-Affoltern erschossen.

Im März 2015 wurde der Kampfsportler Boris R. in Zürich-Affoltern erschossen.

20 Minuten
Eine Woche später verhaftete die Polizei Jeton G.

Eine Woche später verhaftete die Polizei Jeton G.

Kapo ZH

Darum gehts

Jeton G.* hatte im März 2015 an einer Tankstelle in Zürich-Affoltern einen Mann einer verfeindeten Gruppe erschossen. Am Mittwoch verurteilte das Zürcher Obergericht den 37-Jährigen wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 16,5 Jahren und bestätigte damit das Strafmass der Vorinstanz. «Für das Gericht gibt es keine Hinweise auf einen anderen Täter», sagte der Vorsitzende.

Jeton G. habe in der Untersuchung zudem wörtlich gesagt: «Ich bin es zu 100 Prozent gewesen.» Es gebe für das Gericht keinen Zweifel, dass Jeton G. den Kampfsportler erschossen hat, eine Notwehrsituation wird verneint. «Die Tat liegt nahe bei einem Mord», sagte der Richter. Auf eine Verwahrung wird verzichtet, dies habe auch der Psychiater verneint. Zudem seien die rechtlichen Voraussetzungen dazu nicht gegeben.

Der Verteidiger hatte hingegen auf Notwehr plädiert und einen Freispruch für das Tötungsdelikt verlangt. Für den Anwalt war die Initiative für das verhängnisvolle Treffen vom März 2015 vom späteren Opfer Boris R.* ausgegangen. «Er hat einige Tage zuvor Jeton angerufen und dessen Familie bedroht und beleidigt», sagte er am Mittwoch.

Verteidiger forderte Freispruch

Der Bodybuilder und MMA-Kämpfer habe seinem Mandanten eine Abreibung verabreichen und zeigen wollen, wer Chef auf der Strasse sei. Beim Treffen hätte ein Komplize von Boris R. Pfefferspray in die Augen seines Mandanten gesprüht, zusammen mit der insgesamt bedrohlichen Situation sei Jeton G. in Panik geraten und habe sich in einer Notwehrsituation geglaubt.

«Es ist auch nicht auszuschliessen, dass noch ein Dritter einen Schuss abgegeben hat, der Anklagesachverhalt ist nur eine mögliche Version», sagte der Anwalt. Es seien insgesamt vier Schüsse abgegeben worden und nicht nur drei gezielte Schüsse, wie in der Anklageschrift steht. Der Verteidiger begründete den geforderten Freispruch mit dem Grundsatz «in dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten).

Er verlangte für die anderen angeklagten Delikte wie Angriff, falsche Anschuldigung, Behinderung von Amtshandlungen und Verstoss gegen das Waffengesetz eine Freiheitsstrafe von maximal vier Jahren.

«Er muss sein Leben von Grund auf ändern»

Für den Staatsanwalt war hingegen klar: «Wer in einem hochkriminellen und gewaltaffinen Umfeld eine tödliche Waffe mitnimmt, muss damit rechnen, dass sie eingesetzt wird.» Er verlangte deshalb für Jeton G. wegen Mordes eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und erwähnte als «Kronzeugen» den Begleiter und ehemaligen Freund von Jeton G., den ebenfalls angeklagten Türken. «Dieser sagte, dass Jeton ihm den Revolver entriss, mehrere Schüsse abgab und sah, wie das Opfer zusammenbrach.»

Von einem dritten unbekannten Täter könne deshalb keine Rede sein. «Jeton G. ist der Schütze gewesen.» Der Staatsanwalt forderte ebenfalls die Verwahrung. «Er muss sein Leben von Grund auf ändern.» Wegen seiner grossen Gefährlichkeit sei eine Verwahrung nötig. «Über seine Delinquenz kann man stundenlang reden, sie reicht bis ins Kindesalter zurück.»

Der zweite Beschuldigte wurde am Mittwoch wegen Gehilfenschaft zur vorsätzlichen Tötung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von vier Jahren und vier Monaten verurteilt. Die Vorinstanz hatte ihm noch zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt, wovon er die Hälfte absitzen soll.

Machtprobe zwischen zwei verfeindeten Gruppen

Es war ein eigentlicher Showdown, eine Machtprobe zwischen zwei verfeindeten Gruppen, die sich am frühen Morgen des 1. März 2015 bei der Shell-Tankstelle auf der Wehntalerstrasse in Zürich-Affoltern gegenüberstanden. Auf der einen Seite stand der heute 37-jährige Jeton G.* mit zwei Begleitern, auf der anderen Seite der Kampfsportler, das spätere Opfer Boris R.*, und drei Kollegen.

Die beiden Männer waren schon lang verfeindet und hatten sich in jener Nacht zu einem Treffen vereinbart. Doch schon nach kurzer Zeit eskalierte die Situation, verbal und tätlich. Ein Pfefferspray wurde eingesetzt, dann folgten die Fäuste und am Ende zückte Jeton G. einen Revolver und schoss laut Anklage dreimal auf den wehrlosen, flüchtenden Boris R. Der 30-Jährige erlitt einen Rumpfdurchschuss, verblutete und starb noch am Tatort.

*Name der Redaktion bekannt

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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