Wirbel um Coronatests - Taugen PCR-Tests als Grundlage zur Pandemiebekämpfung wirklich nichts? 
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Wirbel um CoronatestsTaugen PCR-Tests als Grundlage zur Pandemiebekämpfung wirklich nichts?

PCR-Tests sind nicht aussagekräftig – das soll laut verschiedenen Medienberichten eine Studie von Forschenden der Universität Duisburg-Essen zeigen. Doch ist das auch so?

von
Fee Anabelle Riebeling
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PCR-Tests gelten als Goldstandard, wenn es um den Nachweis einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 geht.

PCR-Tests gelten als Goldstandard, wenn es um den Nachweis einer Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 geht.

20min/Taddeo Cerletti
Doch eine Studie von Forschenden der Universität Duisburg-Essen soll nun daran rütteln. So berichten es zumindest einige Medien. Doch ganz so, wie dargestellt, ist es nicht. (Im Bild: Universitätsbibliothek auf dem Campus Duisburg)

Doch eine Studie von Forschenden der Universität Duisburg-Essen soll nun daran rütteln. So berichten es zumindest einige Medien. Doch ganz so, wie dargestellt, ist es nicht. (Im Bild: Universitätsbibliothek auf dem Campus Duisburg)

Wikimedia Commons/PD
So handelt es sich bei der vermeintlichen Studie um einen «Letter to the editor» – um eine Art Leserbrief an den Herausgeber des Journals. Darin beziehen sich die Autorinnen und Autoren auf eine Studie, in der Forschende von März bis Dezember 2020 Daten von über 160’000 PCR-Getesteten aus Münster ausgewertet haben.

So handelt es sich bei der vermeintlichen Studie um einen «Letter to the editor» – um eine Art Leserbrief an den Herausgeber des Journals. Darin beziehen sich die Autorinnen und Autoren auf eine Studie, in der Forschende von März bis Dezember 2020 Daten von über 160’000 PCR-Getesteten aus Münster ausgewertet haben.

Screenshot Journal of Infection 2021

Darum gehts

  • PCR-Tests sind kein gutes Mittel, um die Pandemie-Situation richtig einzuschätzen. So fassen manche Medien das vermeintliche Ergebnis einer Studie zusammen.

  • Doch erstens handelt es sich dabei um keine Studie und zweitens kommen die verantwortlichen Forschenden zu einem ganz anderen Schluss.

  • Das steckt hinter dem neuen Wirbel um die PCR-Tests.

Kritiker von PCR-Tests zum Nachweis von Coronavirus-Infektionen fühlten sich durch die Meldungen in den letzten Tagen bestätigt. Schliesslich waren da Aussagen wie «PCR-Tests keine Grundlage für politische Massnahmen», «PCR-Tests als Grundlage zur Pandemiebekämpfung nicht sinnvoll» und «Studie zweifelt an Aussagekraft des PCR-Tests» zu lesen. Das zeige eine im «Journal of Infection» veröffentlichte Studie der Universität Duisburg-Essen. Doch ganz so einfach wie dargestellt, ist es nicht.

Zunächst handelt es sich bei der Veröffentlichung nicht um eine Studie, sondern um einen sogenannter «Letter to the editor» – um eine Art Leserbrief von Experten und Expertinnen aus der Wissenschaft an den Herausgeber des Journals. Darin beziehen sich die Autorinnen und Autoren auf eine Studie, in der Forschende von März bis Dezember 2020 Daten von über 160’000 PCR-Getesteten aus Münster ausgewertet haben.

Von diesen hatten 4164 Personen einen positiven Befund erhalten, welchen die Forschenden auf ihren ct-Wert hin untersuchten. Ein solcher gibt Auskunft darüber, wie hoch die Viruslast beim Getesteten ist (siehe Box).

Was heisst ct-Wert?

Ct steht für «cycle treshold», zu Deutsch Zyklus-Schwelle. Der so bezeichnete Wert gibt an, wie viele Zyklen von Erhitzen und Abkühlen einer Probe eine PCR-Probe durchlaufen muss, bis man eine relevante Menge an Viruserbgut nachweisen kann. Ist der Wert gering – das heisst, das Genmaterial ist schon nach kurzer Zeit nachweisbar –, ist die Viruslast hoch und der Patient infektiöser, als wenn die Probe einen hohen ct-Wert aufweist. Bei Sars-CoV-2 spricht man bei einem ct-Wert von mehr als 30 davon, dass die Infektiosität in der Regel gering bis vernachlässigbar ist. Wird ein niedrigerer ct-Wert angewendet, kann das zu falsch-negativen Ergebnissen führen. Ist der Schwellenwert dagegen zu hoch angesetzt, können falsch-positive Resultate die Folge sein. Richtig angewendet, kommt das nur sehr selten vor, wie Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz von der University of Wollongong in Australien festhält: «Die meisten positiven Coronavirus-Tests sind echte Positive

«78 Prozent könnten nicht mehr ansteckend gewesen sein»

Auf Basis der Daten kam das Team um Andreas Stang, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie des Universitätsklinikums Essen, zu dem Schluss, dass eine Person mit einem ct-Wert von über 25 nicht mehr infektiös sei. «Bei durchschnittlich etwa 60 Prozent der Getesteten mit Covid-19-Symptomen» wurden derartige ct-Werte nachgewiesen, in den Wochen 10 bis 19 des Jahres 2020 waren es «sogar 78 Prozent, die sehr wahrscheinlich nicht mehr ansteckend waren», so die Forschenden in einer Mitteilung.

Dass heisst aber nicht, dass Stang und die anderen Verfasser und Verfasserinnen des Briefes bestreiten, dass der PCR-Test Goldstandard ist, als welchen ihn unter anderem die US-Gesundheitsbehörde CDC bezeichnet. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen sogar selbst darauf hin. Sie sind aber der Meinung, dass ein positiver PCR-Test allein «kein hinreichender Beweis dafür» ist, «dass Getestete das Coronavirus auf Mitmenschen auch übertragen können», so der Hauptautor des Briefes, Andreas Stang. «Die am Ende errechnete Zahl von Sars-CoV-2 positiv Getesteten sollte daher nicht als Grundlage für Pandemiebekämpfungsmassnahmen, wie Quarantäne, Isolation oder Lockdown, benutzt werden.»

Besser wäre es, so die Verfasserinnen und Verfasser weiter, auch andere Zahlen zur Beurteilung der Pandemielage heranzuziehen: Etwa jene zur Intensivbetten-Belegung sowie zur Mortalität. Zudem empfehlen sie, dass der ct-Wert bei den Testergebnissen künftig stärker mit einbezogen werden sollte.

Kritik auch an der Schlussfolgerung selbst

Das Schreiben an den Herausgeber des «Journal of Infection» wird nicht nur von einigen Medien fehlinterpretiert. Die Verfasser und Verfasserinnen selbst lassen Wichtiges ausser Acht: nämlich dass ein PCR-Test immer nur einen Moment abbildet: «Die Personen wurden nur einmal getestet – das heisst es ist überhaupt nicht klar, ob die Personen nur ‹noch nicht› ansteckend waren, also die folgenden Tage ct-Werte unter 25 gezeigt hätten», kritisiert darum auch die österreichische Wissenschaftlerin Sylvia Gruber auf ihrem Instagram-Kanal. So sieht es auch der Virologe Friedemann Weber von der Universität Giessen: «Das Virus, das man sich eingefangen hat, muss sich ja erst mal vermehren bis man ansteckend wird.» Am besten wäre es deshalb, man würde Infizierte mehrmals testen, um genauere Aussagen machen zu können – das sei aber teuer und aufwändig und damit wenig praktikabel, so Weber gegenüber dem ZDF. Aus seiner Sicht sind PCR-Tests nach wie vor das beste Mittel, «um möglichst viele Infizierte (und potenziell Ansteckende) zu identifizieren.»

Forderungen werden in der Schweiz schon umgesetzt

All das ist nicht neu: PCR-Tests können tatsächlich nur zeigen, ob eine Infektion vorliegt oder nicht. Sie machen aber keine Aussage über die Infektiösität, so der Frankfurter Virologe Martin Stürmer zu Zdf.de. Und auch die anderen Punkte, die die Forschenden ansprechen, werden schon so beherzigt – auch hierzulande. So fussten die vom Bundesrat angeordneten Massnahmen schon lange nicht mehr nur auf den PCR-basierten Inzidenzwerten, sondern auch auf der Auslastung der Intensivstationen. So habe man etwa die erste Welle nur dank Lockdown und Aufschieben von OPs so glimpflich überstanden.

Selbst die Empfehlung, den ct-Wert bei Testergebnissen mit einzubeziehen, findet in der Schweiz bereits Anwendung, wie Elsbeth Probst-Müller aus der Klinik für Immunologie am USZ schon im Oktober 2020 auf Nachfrage von 20 Minuten sagte: «Wir melden dem Einsender immer den ct-Wert, sodass er abschätzen kann, wie infektiös der Patient ist.» Allerdings sei bei den meisten Proben das Resultat sowieso eindeutig. «Das heisst: Sie sind entweder klar negativ oder klar positiv, haben also einen tiefen ct-Wert. Nur bei einigen Proben liegt der ct-Wert zwischen 35 und 40, und es ist gut möglich, dass diese, würde man sie mit dem gleichen oder mit einem anderen Test wiederholen, auch negativ sein könnten.»

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