Wikileaks: Tausche Schatz gegen Nazi-Raubkunst

Aktualisiert

WikileaksTausche Schatz gegen Nazi-Raubkunst

Das neuste Wikileaks-Kapitel bietet Stoff für einen Thriller: Es geht um ein Schiffswrack, ein Gemälde und einen Deal zwischen Spanien und den USA.

von
Peter Blunschi
Odyssey-Mitbegründer Greg Stemm (l.) begutachtet einen Teil des riesigen Schatzes. (Bild: Odyssey)

Odyssey-Mitbegründer Greg Stemm (l.) begutachtet einen Teil des riesigen Schatzes. (Bild: Odyssey)

Vor vier Jahren entdeckte das US-Unternehmen Odyssey Marine Exploration, das auf die Jagd nach Schätzen von gesunkenen Schiffen spezialisiert ist, im Atlantik eine gewaltige Menge an Silber- und Goldmünzen. Mit einem geschätzten Wert von 500 Millionen Dollar wäre es der grösste Schatz der Geschichte. Odyssey behauptete, die Münzen im Wrack eines britischen Handelsschiff entdeckt zu haben – den genauen Fundort wollte das in Tampa (Florida) ansässige Unternehmen «aus Sicherheitsgründen» nicht bekannt geben.

Die spanische Regierung aber wurde misstrauisch. Sie war überzeugt, dass der Schatz in Wirklichkeit von der Fregatte «Nuestra Señora de las Mercedes» stammt, die während der napoleonischen Kriege 1804 von der britischen Marine vor der Küste Portugals versenkt wurde. Sie hatte bekanntermassen eine grosse Menge Silber an Bord. Als Kriegsschiff wäre die «Mercedes» durch staatliche Immunität geschützt, der Schatz würde Spanien gehören.

Bild unter Zwang verkauft?

Die Regierung in Madrid klagte vor einem Gericht in Tampa gegen Odyssey und erhielt 2009 in erster Instanz Recht, auch weil sie von Washington unterstützt wurde. Odyssey legte Berufung ein – und erhielt nun unerwartete Unterstützung durch die diplomatischen Dokumente, die von Wikileaks veröffentlicht wurden. Ein von den Zeitungen «Guardian» und «El País» publiziertes Papier fasst ein Gespräch zwischen dem spanischen Kulturminister und dem US-Botschafter in Madrid zusammen und lässt auf einen Deal schliessen.

Demnach soll Spanien im Gegenzug für die Schatzhilfe ein Stück angebliche Nazi-Raubkunst zurückgeben. Es geht um das Bild «Rue St. Honoré am Nachmittag im Regen», das der spanische Impressionist Camille Pissarro 1897 in Paris gemalt hat und das heute Teil der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid ist. Der im letzten Oktober verstorbene Claude Cassirer, der als Klaus Cassirer in Berlin geboren wurde und dessen Familie in Kalifornien lebt, behauptete, seine jüdische Grossmutter habe das Bild 1939 unter Zwang verkaufen müssen, um Nazi-Deutschland verlassen zu können.

Erklärung von Clinton verlangt

In dem Wikileaks-Papier heisst es, es handle sich zwar um zwei unterschiedliche Fälle, dennoch sei es im Interesse beider Regierungen, dass «beide Angelegenheiten in einer Weise gelöst werden, die den bilateralen Beziehungen dient». Greg Stemm, Mitbegründer von Odyssey Marine Exploration, zeigte sich alarmiert: «Offenbar hat das Aussenministerium angeboten, Odyssey, seine tausenden von Aktionären und die vielen Jobs, die das Unternehmen geschaffen hat, für die Rückgabe eines Bildes an einen US-Bürger zu opfern.»

In einem Brief verlangte Odyssey von Aussenministerin Hillary Clinton «eine vollständige Erklärung». Weil eine Antwort bislang ausblieb, beantragten die Schatzsucher am Mittwoch vor dem Berufungsgericht in Atlanta, das den Rechtsstreit mit Spanien behandelt, die Stellungnahme der US-Regierung zurückzuweisen und die Offenlegung ihrer Interessen in diesem Fall zu verlangen. Auch republikanische Politiker im US-Kongress forderten die Regierung auf, sich auf die Seite von Odyssey zu stellen.

Ein Sprecher des Aussenministeriums wollte sich gegenüber der «New York Times» nicht äussern. William Barron, ein New Yorker Anwalt, der die spanische Seite im Streit um das Pissarro-Gemälde vertritt, bestritt jedoch, dass es ein geheimes Abkommen zwischen den beiden Regierungen gibt. «Es handelt sich um zwei vollkommen unterschiedliche Fälle. Jemand versucht daraus einen Kuhhandel zu konstruieren, doch die Dokumente belegen dies nicht.» Die Fortsetzung dieses Schatz-und-Raubkunst-Krimis ist garantiert.

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