Tausche Tochter gegen Schafe
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Tausche Tochter gegen Schafe

Nasir Ahmad konnte eine Rate von umgerechnet 120 Euro nicht aufbringen, um seine Schafe abzubezahlen. Daher verkaufte der Afghane seine Tochter an den Sohn seines Kreditgebers.

«Er gab mir neun Schafe», sagt Ahmad. Die 16 Jahre alte Malia sitzt neben ihm, Tränen steigen ihr in die Augen. Fälle wie dieser sind keine Seltenheit in Afghanistan. Mancherorts werden Mädchen noch immer wie eine Währung gehandhabt.

Dabei hat die afghanische Regierung einiges getan, um die Situation der Frauen zu verbessern. Obwohl Gewalt gegen Frauen noch immer weit verbreitet ist, haben sie in den vergangenen Jahren zumindest auf dem Papier mehr Rechte bekommen. Während der Herrschaft der Taliban waren Frauen quasi Gefangene, sie durften nicht arbeiten, keine Schulen besuchen und ihr Zuhause nur in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen. Heute gehen Millionen Mädchen zum Unterricht. Frauen arbeiten für die Regierung oder die Medien.

Doch erzwungene Ehen und Tauschgeschäfte, in denen Mädchen als Währung eingesetzt werden, konnten noch nicht unterbunden werden. «Es ist wirklich traurig, dass dies heute noch möglich ist - Frauen zu tauschen», sagt Manisha Naderi, Leiterin der Hilfsorganisation «Women for Afghan Women». «Mit ihnen wird gehandelt wie mit einer Ware.» Auch Zwangsehen sind an der Tagesordnung. Nach einer Schätzung des afghanischen Frauenministeriums sind zwei von fünf Ehen in Afghanistan durch Gewalt zustande gekommen.

Doch es scheint Hoffnung zu geben: Den Anfang machte in diesem Jahr der grösste Stamm im Osten des Landes, die als besonders konservativ geltenden Schinwaris. Rund 600 Älteste aus mehreren Regionen unterzeichneten mit ihrem Daumenabdruck eine handgeschriebene Erklärung. Der Beschluss verbietet es unter anderem, Mädchen zur Beendigung sogenannter Blutfehden zu missbrauchen. Wenn ein Mann einen Mord beging, war es zuvor gängige Praxis, dass er eine seiner Töchter oder Schwestern an die Familie des Getöteten übergab. Eine Heirat mit einem Mann aus der Familie des Opfers sollte «das Blut mischen, um das Blutvergiessen zu beenden». Geschah dies nicht, gingen Racheakte zwischen den beiden Familien oft über Generationen weiter. Genaue Statistiken, wie viele solcher Heiraten stattfanden, gibt es nicht, da die Familien versuchen, dies geheim zu halten.

«Sie lassen das an ihr aus»

Viele Stammesälteste sind der Meinung, dass die Frauen, die weggegeben wurden, um eine Blutfehde zu beenden, in ihren neuen Familien gut behandelt werden. Für Afghaninnen sind solche Behauptungen dagegen vollkommen realitätsfern. «Indem wir eine Verwandtschaftsbeziehung aufbauen, wollen wir Frieden schaffen. Aber in der Realität ist dies nicht der Fall», sagt Hangama Anwari, Gründerin der «Women and Children Legal Research Foundation». Die Organisation untersuchte die Fälle von 500 Mädchen, die zwangsverheiratet wurden, um Blutfehden zu beenden. Nur vier oder fünf der jungen Frauen bezeichneten sich als glücklich. Anwari sagt, viele Mädchen litten unter den Verbrechen, die ihre männlichen Verwandten begangen hätten. Sie würden oft geschlagen und manchmal sogar getötet, da die neuen Familien in ihnen den Mörder sähen. «Weil sie jemanden verloren haben, lassen sie das an ihr aus», sagt Naderi.

Beispiele dafür gibt es viele. Nach Angaben des «Afghan Women's Network» fuhr vor einigen Jahren ein Taxifahrer in der Nähe von Dschalalabad einen Jungen an, der daraufhin starb. Die Familie des Kindes verlangte ein Mädchen als Wiedergutmachung. Also kaufte der Taxifahrer die 11-jährige Fausia für umgerechnet 6.550 Euro und übergab sie an die Familie des Getöteten. Vor drei Jahren wurde Fausia erschossen. (dapd)

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