Arbeitsmarkt: Tausende Arbeitslose ohne Taggeld

Aktualisiert

ArbeitsmarktTausende Arbeitslose ohne Taggeld

Der April bringt für Tausende Arbeitslose neue Sorgen. Sie verlieren den Anspruch auf Taggelder. Die Behörden erwarten total 5000 neue Sozialhilfebezüger.

von
B. Bruppacher
Per 1. April werden bis zu 16 000 Personen ausgesteuert. Statt aufs Arbeitsamt wartet auf sie der Weg zur Sozialhilfe.

Per 1. April werden bis zu 16 000 Personen ausgesteuert. Statt aufs Arbeitsamt wartet auf sie der Weg zur Sozialhilfe.

Die Arbeitslosenquote dürfte im April deutlich sinken. Nicht bloss wegen saisonaler Faktoren und der stabilen Konjunktur, die manchem Arbeitslosen wieder zu einem Job verhelfen. Vielmehr werden auf einen Schlag bis zu 16 000 Arbeitslose aus der Statistik verschwinden. Der Grund: Sie erhalten keine Taggelder mehr aus der Arbeitslosenversicherung. Am 1. April treten die Leistungskürzungen in Kraft, welche die Stimmberechtigten im vergangenen September abgesegnet hatten.

Im Durchschnitt des letzten Jahres haben monatlich rund 2300 Arbeitslose ihre Bezugsberechtigung auf Gelder aus der Arbeitslosenversicherung verloren. Im April wird die Zahl auf Grund der Gesetzesänderung nach Schätzungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO)auf 14 000 bis 16 000 sogenannte Ausgesteuerte explodieren. Wie viele von ihnen noch vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes eine Stelle gefunden haben, wird man erst im Juni abschätzen können, wenn die Statistik über die Aussteuerungen für den Monat April vorliegt. «Ermutigend ist, dass die Zahl der Arbeitslosen im Februar und im März deutlich stärker zurückgegangen ist als erwartet», sagte der Leiter der SECO-Direktion Arbeit, Serge Gaillard, gegenüber 20 Minuten Online.

Vom RAV zur Sozialhilfe

Noch ungewisser ist, wie die Betroffenen auf die neue Situation reagieren. Denn etwa vier Fünftel der Ausgesteuerten melden sich nach dem Verlust der Bezugsberechtigung nicht mehr bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), bei denen sie zuvor als Arbeitslose registriert waren. Das SECO geht davon aus, dass 11 bis 15 Prozent der Ausgesteuerten zu Sozialhilfeempfängern werden. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) erwartet hingegen, dass rund 30 Prozent der Ausgesteuerten Sozialhilfe benötigen werden.

SKOS-Geschäftsführerin Dorothee Guggisberg fühlt sich in dieser Befürchtung durch neueste Schätzungen aus den Kantonen bestätigt. So rechne der Kanton Waadt mit 3400 neuen Ausgesteuerten und mit 1100 Sozialhilfebeziehenden. Im Wallis würden wegen der Leistungskürzungen 700 Ausgesteuerte und 300 Sozialhilfebeziehende erwartet. Für den Kanton Bern werde damit gerechnet, dass 350 der 1500 Ausgesteuerten auf Unterstützung der Sozialhilfe angewiesen seien, im Kanton Freiburg 80 bis 100 von 250 Ausgesteuerten.

Interview mit Serge Gaillard

Wie schnell sich die Betroffenen an die Sozialhilfe wenden, ist gemäss Guggisberg ungewiss. Einzelne Gemeinden meldeten schon jetzt eine Zunahme der Gesuche. «Wichtig ist, dass die Beratung durch die RAV auch für die Ausgesteuerten sichergestellt bleibt», fordert die SKOS-Geschäftsführerin. Wünschenswert wäre zudem ein genaues Monitoring, was mit den Ausgesteuerten passiere.

Was ändert sich für junge Leute?

Die Leistungskürzungen für junge Erwachsene setzen bei der Erfahrung an, dass die 15- bis 24-Jährigen zwar schneller arbeitslos werden als die Älteren, sie aber rascher einen neuen Job finden. Die Höhe der Taggelder wird deshalb nicht gekürzt, jedoch die Bezugsdauer. Bis zu 25 Jahre alte Arbeitslose ohne Unterstützungspflichten für Kinder erhalten maximal noch 200 Taggelder. Wer von der Beitragszeit befreit ist, zum Beispiel wegen einer Ausbildung, erhält höchstens noch 90 Taggelder. Für alle Schul- und Studienabgänger gilt sodann eine Wartefrist von 120 Tagen; die bisherigen Ausnahmen für über 25-Jährige mit Unterhaltspflicht oder Berufsabschluss entfallen.

Wenig Langzeitarbeitslose unter den Jugendlichen

Der Arbeitsmarkt hat die jungen Menschen im Aufschwung gut aufgenommen. Ende Februar waren noch 21 280 15- bis 24-Jährige als Arbeitslose registriert. Das waren 26% weniger als ein Jahr zuvor. Die Zahl aller Arbeitslosen ging im gleichen Zeitraum nur um 17% zurück. Auch der Anteil der Langzeitarbeitslosen macht die bessere Integration junger Leute in den Arbeitsmarkt deutlich. Ende Februar waren knapp acht Prozent der 15- bis 24-Jährigen länger als ein Jahr ohne Job. Insgesamt betrug der Anteil der Langzeitarbeitslosen aber 22%.

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