27.07.2020 22:23

«Der Sommer ist ruiniert»

Tausende Briten sagen ihre Spanien-Ferien ab

Die überraschende Quarantäne-Pflicht für Urlaubsrückkehrer aus Spanien bringt die Briten in Rage. Viele haben kein Verständnis dafür, denn sie fühlten sich in Spanien sicherer als Zuhause.

von
Karin Leuthold
1 / 8
Am 28. Juli 2020 weitete Grossbritannien seine Reisewarnung für Spanien auf die Balearen und die kanarischen Inseln aus. Erst zwei Tage zuvor hatte die britische Regierung eine 14-tägige Quarantäne für Spanien-Rückkehrer in Kraft gesetzt.

Am 28. Juli 2020 weitete Grossbritannien seine Reisewarnung für Spanien auf die Balearen und die kanarischen Inseln aus. Erst zwei Tage zuvor hatte die britische Regierung eine 14-tägige Quarantäne für Spanien-Rückkehrer in Kraft gesetzt.

KEYSTONE
Der Grund dafür sei die derzeitige Corona-Lage in dem Land, teilt das Aussenministerium mit.

Der Grund dafür sei die derzeitige Corona-Lage in dem Land, teilt das Aussenministerium mit.

KEYSTONE
Grossbritannien hatte am 25. Juli 2020 wegen steigender Corona-Zahlen abrupt eine Zwei-Wochen-Quarantäne für alle Reisenden aus Spanien angeordnet

Grossbritannien hatte am 25. Juli 2020 wegen steigender Corona-Zahlen abrupt eine Zwei-Wochen-Quarantäne für alle Reisenden aus Spanien angeordnet

KEYSTONE

Die Quarantänepflicht für Reisende, die aus den Spanien-Ferien zurückkehren, sorgt in Grossbritannien für viel Ärger: Nachdem die Regierung in London am Samstagabend - auf dem Höhepunkt der Sommersaison - eine 14-tägige Quarantäne für Spanien-Rückkehrer in Kraft setzte, entschieden Tausende Briten am Montag, ihre Reisepläne abzusagen – auch wenn das für sie heisst, dass sie bei Stornierungen oder Buchungsänderungen keine Rückerstattung erhalten.

Für viele Menschen sei nun damit «der Sommer ruiniert», wie sie der «Sun» sagen. Andere fürchten gar um ihr Lebensunterhalt: Denn wer nach den Ferien nicht an seinem Arbeitsplatz zurückkehrt, dem droht eine Lohnkürzung.

Die 49-jährige Krankenpflegerin Joanne Jackson muss nach zwei Wochen im südspanischen Nerja damit rechnen, dass ihr 2000 Pfund (umgerechnet etwa 2400 Franken) weniger Lohn ausbezahlt werden, wie sie der «Daily Mail» erzählt. «Die Reisewarnung hätte die Regierung im Voraus aussprechen sollen», findet Jackson. «Nicht nur einige Stunden vorher. Wer wird jetzt meinen Lohn bezahlen? Wer wird meine Hypothek und die Rechnungen bezahlen?» Tatsächlich sind Arbeitgeber nicht dazu verpflichtet, den Angestellten einen Salär zu zahlen, wenn sich diese in Quarantäne befinden.

Wo ist die Lage gefährlicher: In Spanien oder in Grossbritannien?

Nicht nur das Timing, sondern die Massnahme der Behörden überhaupt wird in Frage gestellt. Der 66-jährige Chris Lacey und seine Maria waren kürzlich nach Málaga gereist: Weit und breit habe es keine Corona-Fälle gegeben, sagen beide. «Ich fühlte mich viel sicherer in Spanien als hier», meint der Brite. Rentner Chris Holroyde ist ähnlicher Meinung: «Wir waren in Andalusien, wo die Infektionsrate viel niedriger ist als irgendwo in Grossbritannien.»

Die britische Regierung rät Spanien-Rückkehrern, die aufgrund der neu verhängten Quarantänezeit ihre Jobs nicht nachgehen können, einen Antrag auf Beschäftigungsbeihilfe zu stellen. Dieser beträgt 74.35 Pfund pro Woche – umgerechnet 88.50 Franken.

Am Montag weitete das britische Aussenministerium seine Reisewarnung für Spanien sogar auf die Balearen und die kanarischen Inseln aus.

Spanische Tourismusbranche hat neue Regeln umgesetzt

Auch in Spanien zeigen Tourismusanbieter wenig Verständnis für die drastische Massnahme aus der Downing Street: Wie Leser T. S. gegenüber 20 Minuten behauptet, habe man an den Küstenorten die restriktive Handhabung für Touristen mit Mindestabstand und einem Maximum an Personen umgesetzt. «Wir sehen tagtäglich disziplinierte Feriengäste, die sich an die sehr strengen Regeln halten», so S.

Quarantäne-Erlass bringt Airlines in Rage

Der überraschende Quarantäne-Erlass bringt die krisengebeutelte Luftfahrt-Branche weiter unter Druck. Der Weltluftfahrt-Verband IATA kritisierte die Entscheidung der britischen Regierung als unverhältnismässig und schädlich für die Wirtschaft: «Dies ist ein grosser Rückschlag für das Verbrauchervertrauen, das für eine Erholung unerlässlich ist», teilte der Verband am Montag mit. Eine einseitig beschlossene, pauschale Quarantäneanordnung für alle, die aus Spanien nach Grossbritannien zurückkehrten, sei überzogen als Reaktion auf einen regionalen Anstieg der Ansteckungsfälle in einem Teil des Landes.

Die Aktien der an der Londoner Börse notierten Airlines und Touristikkonzerne verloren am Montag teils kräftig an Wert. Betroffen waren der Reiseveranstalter TUI, die British-Airway-Eignerin IAG sowie die Airlines Easyjet, Wizz Air und Ryanair. Analysten gehen davon aus, dass sich die schwer gebeutelte Reisebranche erst im Frühjahr erholen wird.

Ryanair kritisierte die Quarantäne-Entscheidung Grossbritanniens scharf. Er halte diese «für bedauerlich, sehr enttäuschend», sagte Finanzchef Neil Sorahan. Er machte zugleich klar, dass Europas grösste Billigfluggesellschaft seine Spanien-Flüge trotz der Quarantäne-Bestimmungen nicht verringern werde. «Wir haben keine Pläne, die Kapazitäten mittelfristig zu reduzieren», antwortete Sorahan auf eine entsprechende Frage der Nachrichtenagentur Reuters. Ryanair gehe davon aus, das es in den nächsten Wochen und Monaten weitere lokale Ausbrüche des Coronavirus geben werde und man flexibel damit umgehen müsse.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.