Überfüllte Ampullen: Tausende Corona-Impfungen landen im Abfall
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Überfüllte AmpullenTausende Corona-Impfungen landen im Abfall

Geübtes Personal könnte aus einem Impfstoff-Fläschchen mehr Dosen ziehen, als offiziell vorgesehen. Aus rechtlichen Gründen werden die Extra-Dosen in der Schweiz aber oft weggeworfen.

von
Daniel Waldmeier
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Die Impfkampagne könnte beschleunigt werden, würde der Impfstoff in den Ampullen überall optimal genutzt werden.

Die Impfkampagne könnte beschleunigt werden, würde der Impfstoff in den Ampullen überall optimal genutzt werden.

20min/Taddeo Cerletti
Die Impfkampagne läuft in der Schweiz im Vergleich mit Grossbritannien, den USA oder Israel schleppend.

Die Impfkampagne läuft in der Schweiz im Vergleich mit Grossbritannien, den USA oder Israel schleppend.

20min/Taddeo Cerletti
Nun schaffen es Ärzte mit spezieller Technik und langen Nadeln, aus einer Pfizer/BioNTech-Ampulle sieben statt sechs und aus einer Moderna-Ampulle bis zu zwölf statt zehn Impfdosen zu gewinnen.

Nun schaffen es Ärzte mit spezieller Technik und langen Nadeln, aus einer Pfizer/BioNTech-Ampulle sieben statt sechs und aus einer Moderna-Ampulle bis zu zwölf statt zehn Impfdosen zu gewinnen.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Die Impfstoffe werden in Mehrfach-Ampullen angeliefert.

  • Mit Geschick und dem richtigen Equipment lassen sich rund 15 Prozent mehr Dosen aus einem Fläschchen ziehen, als in der Zulassung vorgesehen.

  • Aus Angst vor Klagen verzichten viele Ärzte jedoch auf die Extra-Dosen.

  • Der Kanton Bern will nun aber weniger kostbaren Impfstoff wegwerfen.

Die Impfkampagne läuft in der Schweiz im Vergleich mit Grossbritannien, den USA oder Israel schleppend. Entsprechend käme jede zusätzliche Dosis wie gerufen.

Nun schaffen es Ärzte mit spezieller Technik und langen Nadeln, aus einer Pfizer/BioNTech-Ampulle sieben statt sechs und aus einer Moderna-Ampulle bis zu zwölf statt zehn Impfdosen zu gewinnen. Sie nutzen dabei, dass die Hersteller eine Marge einberechnen, damit sich auch bei nicht idealer Handhabung sechs Dosen ziehen lassen.

Ärzte könnten Probleme kriegen

«Die Möglichkeit, unter Umständen solche zusätzlichen Dosen zu ziehen, ist bekannt», sagt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, zu 20 Minuten. Eine Umfrage bei der Kantonsärzteschaft habe ergeben, dass auch das entsprechende Material verfügbar wäre.

Trotzdem werden die Zusatzdosen in der Schweiz in der Regel nicht verabreicht. Der Grund: Die Ärzte fürchten sich vor Klagen, halten sie sich nicht genau an die Zulassung (Off-Label). Diese sieht nach wie vor sechs beziehungsweise zehn Dosen vor. «Deshalb kann man nicht einfach frei entscheiden, wie viele Impfdosen man aus einem Fläschchen gewinnen will. Letztlich muss sichergestellt sein, dass die zusätzlich entnommenen Dosen auch genau den eigentlich zugelassenen Dosen entsprechen», sagt Hauri.

Laut Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi hat die Zulassungsbehörde keine gesetzliche Grundlage, von sich aus in den Arzneimittelinformationen mehr als die beantragte und geprüfte Anzahl Dosen festzulegen. Auch das Bundesamt für Gesundheit sieht die Verantwortung bei den Kantonen und den Fachpersonen (siehe Box).

«Jede Impfung ist Gold wert»

Davon nicht abschrecken lässt sich der Kanton Bern. Dieser hat in Impfzentren bereits die optimale Entnahme geübt: «Da Covid-19-Impfstoffe knapp sind, soll der verfügbare Impfstoff optimal ausgenutzt werden», heisst es in einer Anleitung des Kantons für Impfende. Darin wird detailliert beschrieben, wie zusätzliche Dosen aus den Fläschchen gezogen werden können.

Für GLP-Nationalrat Martin Bäumle sollten weitere Kantone nachziehen: «Jede Impfung ist derzeit Gold wert. Gelingt es dem Fachpersonal, mehr Impfungen zu ziehen, ist das sehr erwünscht. Sie sollten diese auch verabreichen.» Dies liege allein in der Kompetenz des Gesundheitspersonals. Es dürfe aber nicht passieren, dass die Dosierung zu knapp ausfalle: «Aus einer Pfizer-Ampulle sieben Dosen rauszukriegen, ist gemäss Fachleuten anspruchsvoll.» Darum darf auch keine Vorgabe für mehr Dosen erfolgen.

US-Arzneimittelbehörde findet Extra-Dosen «akzeptabel»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt eine Entnahme der Impfdosen gemäss Zulassung. Entnehme man einer Ampulle zusätzliche Dosen, sei das zwar kein Verstoss gegen das Heilmittelgesetz, schreibt das Bundesamt. Aber: «Die Verantwortung liegt alleine bei der impfenden Fachperson.» Im Schadensfall könne dies bedeutend sein für die Beurteilung der Frage, ob die Impfstelle oder die impfende Fachperson haftet.

Im Ausland hat man das Problem mancherorts unbürokratisch gelöst: So twitterte die US-Arzneimittelbehörde FDA schon im Dezember, angesichts des Notstandes sei es akzeptabel, jede einzelne Dosis zu verabreichen, solange nicht Impfstoff aus mehreren Fläschchen gemischt werden. Auch im österreichischen Bundesland Steiermark oder im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen werden Extra-Dosen verimpft – in Österreich muss die impfwillige Person aber eine Einverständniserklärung unterzeichnen, dass man sich ausserhalb der Zulassung impfen lässt.

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