Aktualisiert 20.07.2014 19:27

Gazastreifen

Tausende fliehen vor israelischer Offensive

Das israelische Militär rückt in ein dicht besiedeltes Viertel von Gaza-Stadt ein. Zehntausende Palästinenser verlassen ihre Häuser. Gegen hundert Menschen starben am Wochenende.

Israelische Soldaten haben sich bei ihrer Bodenoffensive am Sonntag in Gaza-Stadt heftige Gefechte mit Kämpfern der radikalislamischen Hamas geliefert. Panzer und Flugzeuge beschossen das Viertel Schidschaija, während die Bodentruppen vorrückten. Nach Angaben von Ärzten wurden mindestens 87 Palästinenser getötet worden. Allein im dicht besiedelten Gaza-Stadtteil Sadschaija kamen 62 Menschen ums Leben. Auf israelischer Seite fielen 13 Soldaten.

Die Rettungsdienste zählten unter den Opfern im Stadtteil Sadschaija 14 Frauen und 17 Kinder. Augenzeugen sprachen von Dutzenden Leichen, die auf den Strassen gelegen hätten. Hunderte Menschen wurden verletzt.

Seit Beginn des Militäreinsatzes im Gazastreifen am 8. Juli sind damit nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums mindestens 425 Palästinenser getötet worden. Israel meldete insgesamt 20 Tote, darunter zwei Zivilisten.

Die internationale Gemeinschaft drang weiter auf eine Waffenruhe. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon war in Katar, wo er sich unter anderem mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Hamas-Führer Chaled Maschaal treffen sollte. Die Hamas hatte ein von Ägypten vermitteltes Angebot einer Waffenruhe abgelehnt und hofft stattdessen auf einen Alternativplan Katars und der Türkei, denen sie mehr vertraut als Ägypten, das im eigenen Land hart gegen die Muslimbruderschaft vorgeht.

Tausende Soldaten im Einsatz

US-Aussenminister John Kerry erwähnte die katarischen und türkischen Bemühungen nicht, er rief die Hamas am Sonntag aber auf, Vernunft zu zeigen und dem Plan Ägyptens zu folgen. Eine Einigung über eine Waffenruhe dürfe keine «Belohnungen für terroristisches Verhalten» beinhalten, fügte er hinzu. Die Hamas will Garantien, dass die Gaza-Blockade gelockert wird, bevor sie die Waffen niederlegt. Kerry kündigte an, vermutlich in den kommenden Tagen in die Region zu reisen.

Die Kämpfe in Schidschaija waren die blutigsten, seit das israelische Militär zusätzlich zu ihren Luftangriffen in der Nacht zum Freitag eine Bodenoffensive mit Tausenden Soldaten und Panzern gestartet hatte. Erklärtes Ziel ist die Zerstörung von Tunneln und Arsenalen der Hamas.

Die Armee sei in Schidschaija auf erbitterten Widerstand von Extremisten gestossen, die von Hausdächern aus mit Panzerabwehrraketen, Granatenwerfer und Maschinengewehren gefeuert hätten, sagte Militärsprecher Peter Lerner. Die Zivilbevölkerung sei schon zuvor gewarnt und zur Evakuierung aufgefordert worden. Aus dem Viertel seien in den vergangenen Wochen besonders viele Raketen auf Israel abgefeuert worden.

Über 80'000 Palästinenser in Notunterkünften

Insgesamt 35'000 Menschen flohen nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza vor den Kämpfen am Sonntag. Viele von ihnen suchten Zuflucht in den Unterkünften der Vereinten Nationen. Dort seien bereits 81'000 Palästinenser untergebracht, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk für Palästina mit.

Bei dem Angriff auf Schidschaija wurden nach Angaben Lerners zehn Schächte gefunden, die zum Tunnelnetzwerk der Hamas gehören, das bis nach Israel reicht. Gezielt nahm Israel ranghohe Funktionäre der Palästinenserorganisation unter Beschuss. In Schidschaija wurden nach palästinensischen Angaben der Sohn, die Schwiegertochter und zwei Enkel des Hamas-Führers Chalil al-Haja getötet. Al-Haja gelobte Vergeltung. «Das Blut meines Sohnes und der Märtyrer wird nicht vergeudet sein und der Widerstand wird weitergehen», sagte er einem örtlichen Radiosender der Hamas.

(sda)

Netanjahu kündigt Ausweitung von Bodenoffensive an

Ungeachtet der zahlreichen Toten auf beiden Seiten hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine Ausweitung der Bodenoffensive im Gazastreifen angekündigt. «Wir werden nicht aufhören, bis alle Ziele erreicht sind», sagte Netanjahu in Tel Aviv.

Die radikal-islamische Hamas sei selbst für die vielen Toten unter den Zivilisten in dem Palästinensergebiet verantwortlich. «Israel hat diesen Kampf nicht selbst gewählt, er ist uns aufgezwungen worden», sagte der Regierungschef.

Das Vorgehen gegen die Tunnel und Raketen der Hamas sei lebensnotwendig für die Sicherheit der Bürger Israels. Es könnten noch «schwere Tage» bevorstehen, sagte Netanjahu.

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