Tausende Schweizer Hallen einsturzgefährdet?
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Tausende Schweizer Hallen einsturzgefährdet?

Nach dem tödlichen Unglück in Gretzenbach befürchten Bauexperten, dass noch Tausende ähnlich konstruierter Einstellhallen in der Schweiz ein grosses Gefahrenpotenzial aufweisen. Ingenieure und Architekten wollen handeln.

Ausgangspunkt ist das Drama in Gretzenbach, wo im November 2004 eine Einstellhalle nach einem Brand einstürzte und sieben Feuerwehrleute unter sich begrub. Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA) gleiste darauf das Projekt «Einstellhallen» auf, wie der Verband zu einem Bericht der Zeitung «Sonntag» bestätigte.

Ein Expertenbericht unter dem Patronat der SIA kam nun zum Schluss, dass «ähnlich konstruierte Einstellhallen dasselbe grosse Gefahrenpotenzial aufweisen» wie Gretzenbach. Diese Fragestellung beschäftige die Fachwelt umso mehr, als grob geschätzt Tausende solcher Bauwerke in der Schweiz vorhanden sein müssten.

Systematische Überprüfung gefordert

Mitautor Martin Grether betonte auf Anfrage, dass die Lage nicht dramatisiert werden müsse und dass auch nicht bei Tausenden von Hallen akute Lebensgefahr bestehe. Gerade der Fall Gretzenbach sei durch viele Faktoren ausgelöst worden. Da die gerichtlichen Verfahren noch liefen, werde aber auf eine Aufzählung und Bewertung verzichtet. Hauptanliegen ist es laut Grether, dass die fraglichen Bauwerke in den kommenden Jahren systematisch überprüft werden.

Das Projekt «Einstellhallen» soll durch Sensibilisierung und Wissensvermittlung weitere Schadenfälle vermeiden helfen. Dazu gehören laut SIA geeignete technische Dokumentationen, die sich an das bestehende SIA-Normenprojekt 269 über die «Erhaltung von Tragwerken» anlehnen. Die SIA-Vorschriften sollen bei Bedarf ergänzt werden. Architekten, Ersteller, Werkseigentümer oder Versicherer sollen zudem mit leicht verständlichen Flyern sensibilisiert werden.

Nicht zwingend sichtbare Defekte

Nicht zuletzt sollen die Werkseigentümer auf ihre Pflicht aufmerksam gemacht werden, ihre Bauten periodisch zu überprüfen. Bei Flachdecken genügt laut SIA eine kurze visuelle Besichtigung nicht. Denn gerade Sprödbrüche wie im Fall Gretzenbach passierten von einer Sekunde auf die andere und kündigten sich nicht durch Risse oder Verformungen an.

Besonderer Aufmerksamkeit bedarf laut SIA auch die Krafteinleitung von der Decke in die Stützen. Leiteten früher bei unterzugslosen Decken Pilzköpfe die Lasten sanft in die Stützen ein und verhinderten ein Durchstanzen, so übernahmen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unsichtbar in die Decke eingebaute Stahlträger diese Verstärkungsaufgabe.

20 Zentimeter mehr Erde können tödlich sein

Die neue Bauart mit unterzugs- und pilzlosen Decken gestattet eine optimale Raumnutzung mit freier Durchsicht. Gerade in Gretzenbach aber löste laut SIA ein Durchstanzversagen den Einsturz aus, wobei verschiedene Faktoren zusammenwirkten, darunter auch die Hitze. Vorschriften zur Vermeidung des Durchstanzens, also wenn die Träger durch die Decke durchbrechen, gibt es in der Schweiz erst seit der Normenausgabe von 1968.

Einstellhallen nehmen auch unter einem anderen Sicherheitsapsekt eine Sonderstellung ein, sind sie doch oft erdüberdeckt. Bezüglich Erdlast gilt zwar ein Sicherheitsfaktor von 1,4. Der Spielraum ist aber bereits aufgebraucht, wenn statt 60 Zentimetern Erde versehentlich deren 80 aufgeschüttet werden. (dapd)

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