Knigge: Taxifahrt, Coiffeur, Essen im Restaurant – so viel Trinkgeld ist angebracht

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KniggeTaxifahrt, Coiffeur, Essen im Restaurant – so viel Trinkgeld ist angebracht

Ist ein Trinkgeld angebracht, wenn du bei McDonald’s Fast Food bestellst? Oder einen Cocktail an der Bar? Einen Latte Macchiato To Go? Eine Knigge-Expertin nimmt Stellung.

von
Marcel Urech
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Trinkgeld geben oder nicht? Darüber gibt es in der Schweiz oft hitzige Diskussionen.

Trinkgeld geben oder nicht? Darüber gibt es in der Schweiz oft hitzige Diskussionen.

20min/Simon Glauser
Sicher ist: Ein Trinkgeld zu geben, ist in der Schweiz freiwillig.

Sicher ist: Ein Trinkgeld zu geben, ist in der Schweiz freiwillig.

20min/Simon Glauser
Es sei aber ein Ausdruck der Wertschätzung und eine nette Geste, sagt eine Knigge-Expertin.

Es sei aber ein Ausdruck der Wertschätzung und eine nette Geste, sagt eine Knigge-Expertin.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Das Trinkgeld muss in der Schweiz inbegriffen sein oder als Zuschlag bekannt gegeben werden.

  • Eine Pflicht, Trinkgeld zu geben, gibt es nicht.

  • Es sei aber ein Ausdruck der Wertschätzung und eine nette Geste, sagt eine Knigge-Expertin.

«Sie haben für über 400 Franken gegessen und keinen Rappen Trinkgeld gegeben» – diese Aussage einer Mitarbeitenden eines Restaurants in Davos sorgt für Wirbel. Zum Artikel gab es über 760 Kommentare, von «Trinkgeld ist optional» über «vielleicht war der Service schlecht» bis zu «das geht gar nicht» war alles dabei.

Eine Davoser Bar hat ihre eigene Lösung für die Thematik gefunden: «Wir schlagen während des WEF auf jede Kartenzahlung zehn Prozent drauf», sagt die Geschäftsführerin. Das kenne man so aus dem Ausland, man mache es zum ersten Mal, und man informiere die Gäste darüber. «Bis jetzt fahren wir damit ganz gut.»

Trinkgeld automatisch draufschlagen – ist das erlaubt?

Das Trinkgeld müsse in allen Preisen inbegriffen sein oder als bezifferter Zuschlag bekannt gegeben werden, sagt der Rechtsanwalt Daniel S. Weber von der Anwaltskanzlei Wenger Vieli. Ankündigungen wie «Trinkgeld inbegriffen» oder «Trinkgeld 15% zusätzlich» seien zulässig. Nicht zulässig sei es aber, Trinkgelder über den bekanntgegebenen Preis oder das ziffern­mässig bekanntgegebene Mass hinaus zu verlangen.

Firmen im Gast- und Unterhaltungsgewerbe und der Hotellerie seien verpflichtet, die zu bezahlenden Preise in Schweizerfranken inklusive Mehrwertsteuer und sonstiger Abgaben bekannt zu geben. In gastgewerblichen Betrieben müssten gut lesbare Speise- und Getränkekarten in genügender Zahl an einem leicht zugänglichen Ort aufliegen und dem Gast unaufgefordert oder auf Wunsch hin gebracht werden.

Für den Fall in Davos bedeute das, dass die Wirte deutlich schreiben müssen «Trinkgeld 10% zusätzlich». Unterlasse es das Restaurant, verstosse es gegen die Preisbekanntgabeverordnung. Im Zivilrecht könne das unlauteren Wettbewerb darstellen, im Strafrecht seien Bussen von bis zu 20’000 Franken möglich.

Doch wann ist Trinkgeld in der Schweiz angebracht, wann nicht? Und wie hoch sollte es sein? Die Knigge-Expertin Katrin Künzle schätzt die Lage anhand von sieben Beispielen aus dem Alltag ein.

Situation 1 - Essen in noblem Restaurant

Eine Gruppe von Geschäftsleuten trinkt und isst in einem noblen Restaurant für 500 Franken.

«In der Regel ist ein Trinkgeld von fünf bis zehn Prozent angebracht», sagt Künzle. Gruppen mit mehreren Personen äusserten aber manchmal Sonderwünsche, was Mehraufwand generieren könne. «War der Service sehr aufmerksam und freundlich, wäre hier ein Trinkgeld von 30 bis 50 Franken angebracht.»

Situation 2 - Cocktail an der Bar

Du hast fertig gearbeitet und gönnst dir an einer Bar einen Manhatten-Cocktail für 15 Franken.

«Wenn man an der Bar den feinen Cocktail geniesst, dazu noch Chips oder Nüssli serviert bekommt, und die Person hinter der Bar aufmerksam und freundlich ist, kann ich dies mit einem kleinen Trinkgeld honorieren», sagt die Knigge-Expertin zu diesem Beispiel. «Man ist aber nicht verpflichtet, ein Trinkgeld zu geben.»

Situation 3 - Fast Food bei McDonald’s

Du kaufst ein Big-Mac-Menu bei McDonald’s für 13,60 Franken.

Bei McDonald’s bestelle man meistens am Automaten und werde dann aufgerufen, sagt Künzle. «Wenn man an der Theke das Essen bar bezahlt, kann man jedoch auch auf 14 Franken aufrunden und das 20-Rappen-Stück ins Kässli werfen.» Im McDonald’s Trinkgeld zu geben, sei nicht üblich.

Gibst du Trinkgeld?

Situation 4 - Latte Macchiato To Go

Du holst dir beim Barista einen Latte Macchiato To Go für sechs Franken.

«Gehe ich oft hin, ist der Service sehr freundlich, kenne ich das Personal?», fragt Künzle. Dann könne man ab und zu ein Trinkgeld geben – «allerdings nicht bei jedem Besuch.»

Situation 5 - Taxifahrt nach Bern

Du fährst mit einem Uber-Taxi von Winterthur nach Bern und bezahlst dafür 511 Franken.

«Hier ist entscheidend, wie angenehm die Fahrt für den Gast war, und wie sich der Fahrer verhalten hat», sagt die Knigge-Expertin. «Nicht jeder Gast möchte Smalltalk halten.» Relevant sei auch der Fahrstil, und ob die Fahrerin oder der Fahrer beim Ein- und Aussteigen mit dem Gepäck behilflich gewesen sei. «Wenn alles perfekt war, würde ich den Betrag auf 530 Franken aufrunden.»

Situation 6 - Hilfe im Hotel

Du kommst im Hotel an, ein Angestellter trägt dein Gepäck in den fünften Stock hoch.

«Trägt der Angestellte die Koffer in den fünften Stock, ist ein Trinkgeld sicher angebracht», sagt Künzle. Sei der Koffer sehr schwer, dürfe es auch mal etwas mehr sein. «Ich würde in dieser Situation zwei bis drei Franken  Trinkgeld empfehlen.»

Situation 7 - Besuch beim Coiffeur

Du holst dir bei deinem Lieblings-Coiffeur einen neuen Haarschnitt, der 50 Franken kostet.

Beim Lieblings-Coiffeur sei man mit der Dienstleistung wohl zufrieden, sagt die Knigge-Expertin. «Wenn die Person im Salon angestellt sei, würde ich drei bis fünf Franken Trinkgeld geben.» 

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