Kind dagegen, Eltern dafür? - Teenie-Impfung sorgt für Zoff in Familien
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Kind dagegen, Eltern dafür?Teenie-Impfung sorgt für Zoff in Familien

Schon Zwölfjährige dürfen sich bald impfen lassen – auch wenn die Eltern dagegen sind. Der Familienstreit sei vorprogrammiert, sagt ein Experte.

von
Leo Hurni
Daniel Graf
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Schon bald können sich in der Schweiz wohl auch Zwölf- bis 15-Jährige impfen lassen. «Wir hoffen, das Gesuch in Kürze bewilligen zu können», sagt Swissmedic-Mediensprecher Lukas Jaggi dazu. 

Schon bald können sich in der Schweiz wohl auch Zwölf- bis 15-Jährige impfen lassen. «Wir hoffen, das Gesuch in Kürze bewilligen zu können», sagt Swissmedic-Mediensprecher Lukas Jaggi dazu.

AFP
Das berge viel Zündstoff für Konflikte, sagt Philipp Ramming, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP).  

Das berge viel Zündstoff für Konflikte, sagt Philipp Ramming, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP).

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Generell führt die Impf-Diskussion zuweilen selbst im engsten Kreis der Familie zu Zoff. «Meine Familie ist geimpft, doch ich werde das nicht machen», erzählt der 20-jährige Oscar. 

Generell führt die Impf-Diskussion zuweilen selbst im engsten Kreis der Familie zu Zoff. «Meine Familie ist geimpft, doch ich werde das nicht machen», erzählt der 20-jährige Oscar.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Die Frage, ob man sich gegen Corona impfen will, oder nicht, sorgt auch in den Familien für viel Diskussionen.

  • Das Thema wird angeheizt, da bald der Impfstoff für Zwölf- bis 15-Jährige zugelassen wird.

  • Es sei deshalb zentral, dass die Kinder frei entscheiden können, ob sie sich impfen wollen, heisst es bei Pro Juventute. Einige Leserinnen und Leser sehen das anders.

  • Ein Experte erklärt, wie in den Familien unnötiger Streit vermieden werden kann.

Wer sich nicht impfen lassen will, hat es oft nicht einfach. Die Impf-Diskussion führt zuweilen selbst im engsten Kreis der Familie zu Zoff: «Meine Familie ist geimpft, doch ich werde das nicht machen», sagt etwa der 20-jährige Oscar. Schon seit Beginn der Pandemie sei es zuhause immer schlimmer geworden. «Jetzt versuchen die Eltern dauernd, mich von der Impfung zu überzeugen, wir diskutieren viel und dabei wird es auch laut.»

Oscars Eltern wollen, dass er sich impfen lässt. «Doch ich finde das unheimlich dumm und naiv. Wieso müssen sich Menschen impfen, für die das Virus keine Gefahr darstellt? Ich verstehe das nicht, scheiss auf die Herdenimmunität!» Für diese Einstellungen unterstellten seine Eltern ihm, er sei «jung und naiv». Mittlerweile sei er zu Hause ausgezogen.

Impfung für Kinder bald bewilligt

Zusätzliche Brisanz könnte das Thema bekommen, weil schon sehr bald die Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Jugendlich im Alter von zwölf bis 15 Jahren erwartet wird: «Wir hoffen, das Gesuch in Kürze bewilligen zu können», sagt Swissmedic-Mediensprecher Lukas Jaggi. Auch Moderna wolle nach eigenen Angaben «Anfang Juni bei Behörden weltweit Anträge für eine Zulassung des Impfstoffs für diese Altersgruppe stellen».

«Die Situation ist völlig ausser Kontrolle geraten, jetzt versuchen wir, sie mit Schutzmassnahmen und Impfungen wieder zu beruhigen», sagt Philipp Ramming, ehemaliger Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie. Es gebe nach wie vor viele Ängste, vor dem Virus, aber auch vor der Impfung. Dass bald auch Zwölfjährige sich impfen lassen können, berge viel Zündstoff für Konflikte (siehe unten).

Sie will sich impfen, die Eltern sind dagegen

Anonym meldeten sich viele Jugendliche bei 20 Minuten. «Ich will mich nicht impfen lassen, aber meine Eltern wollen es unbedingt» sagt etwa der 13-jährige Paul*. Er fürchte sich davor, an der Impfung zu erkranken oder sogar zu sterben.

Auch Pascale* berichtet von einer angespannten Stimmung. Die 27-Jährige ist Risikopatientin und wollte sich für die Impfung anmelden, sobald das für sie möglich war. «Meine gesamte Familie war dagegen. Obwohl meine Mutter und meine Schwester beide im Gesundheitswesen arbeiten, wollten sie beide nicht, dass ich mich impfen lasse.» Ihr Arzt habe ihre Mutter anrufen müssen, um das Problem zu klären. «Als er meiner Mutter seine Meinung dazu sagte, hat sie endlich ihre Meinung geändert», erzählt Pascale.

«Ein zehnjähriges Kind kann die Folgen nicht abschätzen»

Auch die Stiftung Pro Juventute unterstützt die Impfkampagne des BAG: «Wir sind der Meinung, dass sich impfen zu lassen auch ein solidarischer Beitrag gegenüber den Kindern und Jugendlichen ist, die in dieser Pandemie sehr stark gelitten haben», sagt Pressesprecherin Lulzana Musliu. Zentral sei, dass auch Kinder und Jugendliche frei entscheiden könnten, ob sie sich impfen lassen wollen oder nicht.

Einige 20-Minuten-Leser und -Leserinnen sehen das anders: «Ein zehnjähriges Kind ist von der Reife her nicht in der Lage, langfristige Folgen einer Tat, in dem Fall einer Impfung, abschätzen zu können», kommentierte ein Leser den entsprechenden Beitrag. «Komisch, sonst heisst es immer, Kinder seien in diesem Alter noch nicht reif und urteilsfähig. Beim Thema Impfungen hält man sie jedoch für intelligenter als deren Eltern», wunderte sich jemand anderes.

BAG: «In unserem Interesse, dass Kinder nicht erkranken»

«Die Uno-Kinderrechtskonvention hält klar fest, dass Kinder das Recht haben, in Belangen, die sie betreffen, angehört zu werden und ihre Meinung äussern zu dürfen», sagt Musliu. «Auch die Eltern sollten sich immer wieder vor Augen führen, dass ihre Kinder dieses Recht haben und frei äussern dürfen, was sie wollen, und was nicht.» Musliu empfiehlt, dass die Impffrage in der Familie ausdiskutiert wird und jeder sich informiert und danach frei entscheidet.

Sobald die gekauften Impfstoffe auch für Jugendliche ab zwölf Jahren in der Schweiz zugelassen sind, werde man über weitere Schritte informieren, sagte das BAG auf Anfrage gegenüber 20 Minuten. Die Schweiz habe im Jahr 2021 genügend Impfstoffe, um auch Kindern und Jugendlichen eine Impfung zu ermöglichen. «Selbstverständlich ist es im Interesse des BAG, dass sobald wie möglich keine Kinder und Jugendliche mehr an Covid-19 erkranken», so BAG Mediensprecherin Masha Foursova.

«Jugendliche wollen sich nichts vorschreiben lassen»

Philipp Ramming war bis Ende März Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP).

Herr Ramming, bald sollen sich auch Jugendliche gegen Corona impfen können. Hat das einen Einfluss auf den Familienzusammenhalt?

Ramming: Jugendliche sind per se kritischer gegenüber erzieherischen Massnahmen und wollen eigene Erfahrungen machen. Sie wollen sich also auch nicht von den Eltern vorschreiben lassen, wie sie mit der Impfung umzugehen haben. Das ist eine explosive Mischung, die sicher zu vielen Diskussionen in den Familien führen wird.

Was können Eltern machen, damit der Umgang mit den Kinder diesbezüglich leichter fällt?

Ramming: Wichtig ist, dass man das Gespräch sucht und die andere Person nicht entwertet, sondern auch bei anderer Meinung respektiert. Gerade während Corona wird das deutlich zu wenig gemacht. Speziell bei Jugendlichen ist das extrem wichtig, da sie es speziell schätzen, wenn ihre Meinung respektiert wird.

Welchen Einfluss haben die Eltern auf ihre Kinder, wenn es um die Akzeptanz der Massnahmen oder der Impfung geht?

Ramming: Bei Jugendlichen haben die Eltern sicher einen Einfluss, doch Jugendliche orientieren sich mehrheitlich an anderen Jugendlichen. Man sieht ja auch, dass Jugendliche sich teilweise viel strenger an die Massnahmen halten als deren Eltern oder dass sie sich impfen lassen wollen, ihre Eltern aber skeptisch sind. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Die Jugendliche haben noch ein ganzes Leben vor sich, die Eltern andererseits haben Lebenserfahrung.

Philipp Ramming war bis Ende März Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP).

Philipp Ramming war bis Ende März Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP).

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