3G – Zertifikat für Jugendliche soll das Coronavirus eindämmen
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3GZertifikat für Jugendliche soll das Coronavirus eindämmen

Im Gegensatz zu Nachbarländern gilt das Zertifikat in der Schweiz erst ab 16 Jahren. Manche wollen die Altersgrenze senken. 12- bis 15-Jährige seien nicht mit kleinen Kindern zu vergleichen, so ein Arzt.

von
Bettina Zanni
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Nun kommt eine Debatte um ein Teenie-Zertifikat ins Rollen, denn Jugendliche bewegen sich hierzulande frei, besuchen Restaurants und Freizeiteinrichtungen, auch wenn sich nicht geimpft oder getestet sind.

Nun kommt eine Debatte um ein Teenie-Zertifikat ins Rollen, denn Jugendliche bewegen sich hierzulande frei, besuchen Restaurants und Freizeiteinrichtungen, auch wenn sich nicht geimpft oder getestet sind.

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In Italien und Frankreich können Kinder bereits ab zwölf Jahren nur noch geimpft, genesen oder getestet zum Beispiel ins Restaurant oder Kino gehen. In der Schweiz liegt die Grenze dagegen bei 16 Jahren.

In Italien und Frankreich können Kinder bereits ab zwölf Jahren nur noch geimpft, genesen oder getestet zum Beispiel ins Restaurant oder Kino gehen. In der Schweiz liegt die Grenze dagegen bei 16 Jahren.

20min/Marvin Ancian
«Es gibt keinen Grund, 12- bis 15-Jährige von der Zertifikatspflicht auszunehmen», sagt Philippe Eggimann, Präsident der Westschweizer Ärztegesellschaft.

«Es gibt keinen Grund, 12- bis 15-Jährige von der Zertifikatspflicht auszunehmen», sagt Philippe Eggimann, Präsident der Westschweizer Ärztegesellschaft.

svmed.ch

Darum gehts

Nachbarländer geben Kindern und Jugendlichen bei der Zertifikatspflicht weniger Spielraum: So können in Italien und Frankreich Kinder bereits ab zwölf Jahren nur noch geimpft, genesen oder getestet zum Beispiel ins Restaurant oder Kino gehen. In der Schweiz liegt die Grenze dagegen bei 16 Jahren.

Am Dienstag empfahl der Bund die Covid-19-Impfung für Fünf- bis Elfjährige – damit wird die Impfung mittlerweile für fast alle Altersklassen verfügbar. Nun kommt eine Debatte um ein Teenie-Zertifikat ins Rollen, denn Jugendliche bewegen sich hierzulande relativ frei, besuchen Restaurants und Freizeiteinrichtungen, auch wenn sich nicht geimpft oder getestet sind.

Tiefere Altersgrenze sei problematisch

Es sei problematisch, dass die Schweiz beim Zertifikat eine andere Altersgrenze als ihre Nachbarländer setze, sagt Philippe Eggimann, Präsident der Westschweizer Ärztegesellschaft. «Die Massnahmen müssen der epidemiologischen Realität entsprechen. Diese macht auch an der Schweizer Grenze nicht halt.»

Eggimann bedauert, dass in der Schweiz eine sozioökonomische und politische Debatte statt eine medizinische Debatte geführt wird. «Dabei gibt es keinen Grund, 12- bis 15-Jährige von der Zertifikatspflicht auszunehmen.» Diese Altersgruppe sei selbständig und verkehre mit verschiedenen Leuten. «Sie verbringen ihre Freizeit nicht mehr zuhause im Kinderzimmer und spielen.» Demnach habe auch das Virus in dieser Altersklasse freien Lauf.

«Isolation und Quarantäne sind belastend»

Politikerinnen und Politiker unterstützen eine tiefere Altersgrenze für das Zertifikat. «Auch in der Schweiz sollte eine Zertifikatspflicht bereits ab zwölf Jahren eingeführt werden», sagt SP-Nationalrat Mustafa Atici. Viele Kinder würden wegen der Ansteckungen in den Schulen in Isolation oder Quarantäne geschickt, was für diese belastend sei.

«Wir können mit Massnahmen nicht ständig Reparaturarbeiten leisten, sondern sollten auch Massnahmen einführen, die das Virus gezielt eindämmen», so Atici. Würde die Altersgrenze heruntergesetzt, motiviere dies mehr Kinder zu einer Impfung. «In den Schulen käme es dadurch automatisch zu einem Rückgang der Ansteckungen.»

Auch GLP-Nationalrat Jürg Grossen schliesst ein Zertifikat ab zwölf Jahren «vorderhand nicht komplett aus». Dafür brauche es jedoch genügend Vorlaufzeit. «Man kann die Altersgrenze nicht in einer Hauruckaktion anpassen und Kinder am Ende von Angeboten ausschliessen.» Sie müssten zum einen genügend Zeit haben, um sich die Impfung zu überlegen. «Auch brauchen sie genügend Zeit, sich zweimal impfen zu lassen.» Schliesslich sei das Zertifikat erst nach der zweiten Impfung erhältlich.

«Kinder verlieren Freiheit»

Vehement dagegen wehren sich bürgerliche Amtskolleginnen und -kollegen. Sie habe davor gewarnt, dass das Alter für das Zertifikat nach der Annahme des Covid-10-Gesetzes über kurz oder lang heruntergesetzt werde, sagt SVP-Nationalrätin Martina Bircher. «Das bedeutet einen faktischen Impfzwang für Kinder.»

Mit einer tieferen Altersgrenze würden Kinder auf unhaltbare Weise unter Druck gesetzt, so Bircher. Für Kinder sei der Nutzen einer Impfung gering – schwere Verläufe hätten sie selten. «Es kann ja nicht sein, dass Kinder ihre Freiheit verlieren zum Schutz von älteren Menschen, nur, um eine hohe Impfquote zu erreichen.»

Auch FDP-Nationalrat Matthias Jauslin stellt sich gegen ein Teenie-Zertifikat. Es sei völlig schräg, wenn nun schon Zwölfjährige mittels Smartphone oder Papier ein Zertifikat vorweisen müssten. «Kinder in diesem Alter muss man mit solchen Dingen doch nicht belasten.» Im Kampf gegen die Pandemie seien Massnahmen wie 2G für Erwachsene klüger. «Zudem liegt es in der Verantwortung der ungeimpften Eltern, sich jetzt impfen zu lassen und ihre Kinder zu Impfungen zu begleiten.»

Zertifikatspflicht bei Lager oder Hallenbadbesuch

Neutral reagiert der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Präsidentin Dagmar Rösler macht darauf aufmerksam, dass in einigen Kantonen bereits eine Zertifikatspflicht bestehe, wenn zum Beispiel ein Besuch im Museum oder Hallenbad geplant sei. Auch für Lagerbesuche sei dies der Fall. «Ich kann nicht beurteilen, ob eine tiefere Altersgrenze für eine Zertifikatspflicht etwas bringt.» Dies überlasse sie Fachpersonen.

Schulen mit regelmässigen Routinetestungen sind laut Rösler bereits im 3G Bereich unterwegs – zumindest für die Kinder, die mitmachen. «Die Setzung der Altersgrenze muss ebenfalls von einer Fachperson gemacht werden.»

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