Aktualisiert 15.12.2010 16:24

LuftverschmutzungTeheran erstickt an den Folgen der Sanktionen

Die iranische Haupstadt keucht unter einer gewaltigen Dunstglocke. Schuld ist einheimisches Benzin, das sanktionsbedingte Ausfälle kompensieren soll.

von
kri

Die Luftqualität der iranischen Hauptstadt ist notorisch schlecht. Auf ihren verstopften Strassen drängen sich Millionen von Autos, deren Abgase gerne am nahen Alborsgebirge hängen bleiben. Doch was die Teheraner in den vergangenen Wochen erleben mussten, stellt alles Bisherige buchstäblich in den Schatten.

Zu Beginn dieser Woche sagte ein Berater des Teheraner Bürgermeisters, die Bewohner der Stadt würden «Gift» einatmen und dass Regierungsvertreter die Umweltbehörden gebeten hatten, die Luftverschmutzung nicht in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Aus einem einfachen Grund: Sie passt nicht in die offizielle Sprachregelung, die Wirtschaftssanktionen würden dem Land nicht schaden.

Der Smog soll seinen Ursprung nämlich in minderwertigem, einheimisch prodziertem Benzin haben, das von der Regierung eingesetzt wurde, nachdem internationale Anbieter auf Druck der USA ihre Treibstofflieferungen an Iran eingestellt hatten. Iran ist der viertgrösste Erdöproduzent der Welt aber auch der zweitgrösste Importeur von Benzin (nach den USA), da das Land über zuwenig eigene Raffineriekapazitäten verfügt.

Einheimisch produziertes Benzin setzt hohe Mengen an Schadstoffen frei, sagte Hossein-Ali Schahriari, der Vorsitzende der Gesundheitskommission des iranischen Parlaments. Iranisches Benzin soll im Vergleich zehnmal mehr Schadstoffe enthalten als importiertes.

Alles nur Vorwand?

Die iranische Regierung versucht unterdessen, der Krise Herr zu werden. Sie lässt mit Flugzeugen Kondensationskerne in die Atmosphäre abwerfen, die Wolken und Regen erzeugen. Gleichzeitig liess sie in den vergangenen Wochen an mehreren Tagen Ämter, Universitäten und Schulen schliessen sowie Sportveranstaltungen und Ausstellungen verschieben.

Die Schliessung der Universitäten wurde zunächst als Versuch interpretiert, Proteste am nationalen Studententag zu verhindern. Doch diese Theorie wurde rasch verworfen, als immer mehr Teheraner unter Kopfschmerzen und Atemschwierigkeiten litten. Spitäler meldeten 40 Prozent mehr Patienten mit Atemschwierigkeiten.

Behrus Mohammadi, ein 35-jähriger IT-Spezialist, sagte gegenüber dem «Guardian», dass der Smog diese Woche so schlimm war, dass der Milad-Turm, das sechsthöchste Gebäude der Welt, aus der Nähe nicht sichtbar war. «Die Menschen in Teheran sind sich Luftverschmutzung gewohnt, aber diese Woche war aussergewöhnlich. Ich konnte kaum atmen, hatte schwere Kopfschmerzen und meine Augen juckten so sehr, dass Tränen herauskamen, als ob ich weinte», sagte er.

Die Leute von der Strasse leiden

Mortesa Farahmand, ein 24-jähriger Student sagte: «Die Leute von der Strasse leiden unter den Sanktionen, nicht die Regierung. So viele Menschen sind in den vergangenen Jahren in Flugzeugabstürzen gestorben, weil wegen den Sanktionen keine Flugzeugersatzteile an Iran verkauft werden. Und jetzt erleben wir dasselbe wegen der Luftverschmutzung durch iranisches Benzin.»

Laut Fathollah Emami, dem Direktor des Teheraner Projekts zur Reduzierung der Luftverschmutzung, sterben jeden Tag 27 Teheraner an Folgen des Smogs.

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