Dank Hilfswerk: Telanun ist keine Beschneiderin mehr
Aktualisiert

Dank HilfswerkTelanun ist keine Beschneiderin mehr

Die Äthiopierin Zemenesh Telanun hat elf Jahre lang Mädchen beschnitten. Heute macht sie sich in ihrem Dorf dafür stark, dass die brutale Tradition gestoppt wird.

von
Felix Burch
Addis Abeba

«Würdet ihr eine unbeschnittene Frau heiraten?», fragt Zemenesh Telanun in die Runde. Die Männer nicken. Das sei jetzt in Ordnung, sagen sie. Sie hätten Freunde, die mit unbeschnittenen Frauen verheiratet seien. Es gebe keine Probleme.

Bis vor kurzem war Zemeneshs Dorf Key Afer nur zu Fuss erreichbar. Jetzt führt ein steiler felsiger Weg, auf dem sich Geländewagen nur im Schritttempo fortbewegen können, zum Ort, der in einem Talkessel liegt. Die Landschaft ist karg, es ist heiss und staubig. Das halbe Dorf hat sich in einer dunklen Hütte versammelt. Auf dem Boden sind frische Grashalme verteilt, die Lehmwände sind mit Zeitungen tapeziert, auf den Bänken liegen Ziegenfelle.

«Ich schnitt nie tief, ich hatte eine sichere Hand»

Die hageren Frauen und Männer sitzen getrennt voneinander unter dem Blechdach. Alle Frauen der orthodoxen Kommune, die auf 2200 Meter über Meer liegt, tragen Kopftücher. Eine von ihnen ist Zemenesh Telanun. Die 49-Jährige trägt Tätowierungen im Gesicht und hat eine spezielle Stellung in Key Afer.

Die achtfache Mutter arbeitete elf Jahre als Beschneiderin. Als Werkzeug diente ihr eine Rasierklinge, die sie jeweils über einer Kerze sterilisierte. «Ich schnitt nie tief und hatte eine sichere Hand», versichert sie. Bei Mädchen habe sie nur die Klitorisspitze abgeschnitten.

Genitalverstümmelungen unter katastrophalen hygienischen Bedingungen

Wesentlich brutaler werden die Frauenbeschneidungen oder Genitalverstümmelungen in anderen Teilen Äthiopiens durchgeführt. Im Alter von fünf bis sieben Jahren werden den Mädchen die Augen verbunden, mehrere Personen drücken sie auf den Boden, dann bekommen sie ein Stück Holz zwischen die Zähne gesteckt.

Mit Messern, Rasierklingen oder Glasscherben werden den Minderjährigen die kleinen und Teile der grossen Schamlippen entfernt - all dies ohne Betäubung und oft unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Schliesslich nähen die Beschneiderinnen verbliebene Hautreste bis auf eine winzige Öffnung zusammen.

Die Tradition birgt viele Risiken. Viele Mädchen überleben den Eingriff nicht. Die Gefahr, sich mit HIV zu infizieren und die Muttersterblichkeit bei der Geburt, ist gross.

Die Beschneiderin ist jetzt Aufklärerin

Zemenesh Telanun ist heute keine Beschneiderin mehr. Sie ist eine Art Botschafterin der Schweizer Stiftung «Menschen für Menschen» in ihrer Region und wurde von der Genitalvestümmlerin zur Aufklärerin. Ihre Aufgabe ist es, den Bewohnern des Talkessels zu zeigen, dass die Religion die Frauenbeschneidung nicht vorschreibt, wie viele glauben. Weiter muss sie die Männer davon überzeugen, dass ein unbeschnittenes weibliches Geschlecht nichts Abstossendes ist.

Laut Telanun werden in ihrer Region jetzt keine Beschneidungen mehr durchgeführt. Allerdings geht ihre Arbeit gegen die Beschneidungen weiter, damit es keine Rückfälle gibt.

Drei Millionen Mädchen werden jährlich verstümmelt

Weltweit werden pro Jahr immer noch drei Millionen Babys, Mädchen und Frauen genital verstümmelt. Schätzungsweise 100 bis 140 Millionen Mädchen und Frauen mussten die Prozedur über sich ergehen lassen.

In Äthiopien sind gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO 75 Prozent der Frauen beschnitten.

Stiftung Menschen für Menschen

Am 16. Mai 1981 legte der damalige Schauspieler Karheinz Böhm mit seiner Wette in der Sendung «Wetten, dass...?» die Grundlage für seine Äthiopienhilfe und gründete am 13. November 1981 die Stiftung «Menschen für Menschen». Seitdem leistet die Organisation, die Almaz Böhm heute als Präsidentin leitet, langfristig angelegte Hilfe zur Selbstentwicklung in Äthiopien. Gemeinsam mit der Bevölkerung, die einen hohen Anteil an Engagement und Arbeitseinsatz einbringt, werden verschiedene Massnahmen miteinander verzahnt. Mittlerweile hat «Menschen für Menschen» in elf Regionen Äthiopiens Entwicklungsprojekte für 4,6 Millionen Menschen in den Bereichen Landwirtschaft, Wasser, Bildung, Gesundheit, Soziales und Infrastruktur umgesetzt und sich für die soziale Besserstellung von Frauen engagiert. Die Projektgebiete erstrecken sich über 50 000 Quadratkilometer. Die Stiftung hat soeben eine eigene Facebook-Seite aufgeschaltet.

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