Höhere Bussen gefordert: Telefonieren am Steuer bald doppelt so teuer?
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Höhere Bussen gefordertTelefonieren am Steuer bald doppelt so teuer?

Wer beim Autofahren mit dem Handy am Ohr erwischt wird, zahlt 100 Franken Busse. Zu wenig, findet Nationalrätin Maja Ingold (EVP). Ihr Vorstoss für höhere Bussen sorgt für rote Köpfe.

von
Jessica Pfister

Eigentlich ist es verboten - doch fast jeder machts: Telefonieren im Auto mit dem Handy am Ohr. Gemäss einer Bevölkerungsumfrage im Jahr 2006 nimmt jeder zweite Autofahrer pro Tag einen Anfruf entgegen. Jeder dritte wählt selbst eine Nummer. Dies, obwohl internationale Studien belegen, dass die Benützung eines Handys während der Fahrt das Risiko für einen Unfall mit Verletzungsfolge um fast das Fünffache erhöht. Die düstere Bilanz der Schweizer Verkehrsstatistik im Jahr 2010 bestätigt die Studien: Bei Unfällen, verursacht durch die Benutzung eines Handys, wurden 16 Personen schwer verletzt, 2 Personen kamen ums Leben. «Die tatsächlichen Zahlen werden deutlich höher sein, da die Handybenutzung bei einem Unfall oft verschwiegen wird», sagt Daniel Menna von der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) gegenüber 20 Minuten Online.

Für den unvorsichtigen Umgang mit dem Handy am Steuer sieht EVP-Nationalrätin Maja Ingold vor allem einen Grund: die geringen Bussen. «100 Franken für das Telefonieren im Auto, das wirkt überhaupt nicht abschreckend», sagt Ingold. Während die Polizei Geschwindigkeitsübertretungen mit deutlich höheren Ordnungsbussen ahnden und zu hohe Alkoholwerte oft den Ausweisentzug nach sich ziehen würden, sei man beim Handy am Steuer vergleichsweise nachsichtig. Ingold fordert in einem Vorstoss deshalb vom Bundesrat, die Bussen deutlich anzuheben - mindestens auf das Doppelte. «Richtig wehtun würde es wohl erst bei 500 Franken, aber im Vergleich zu anderen Verkehrsbussen wäre das wohl nicht zu rechtfertigen», sagt die Zürcher Nationalrätin.

«Aufhören, Autofahrer zu kriminalisieren»

Bürgerliche Verkehrspolitiker können mit Ingolds Forderung nichts anfangen. Für SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner sind 100 Franken Busse völlig ausreichend. «Wir müssen endlich aufhören, die Autofahrer zu kriminalisieren», fordert der Aargauer. Telefonieren mit dem Handy am Ohr ist laut Giezendanner sowieso zur Seltenheit geworden. «Die meisten Fahrer haben doch heutzutage eine Freisprechanlage installiert.»

Einer davon ist CVP-Nationalrat Martin Candinas. Er glaubt nicht, dass eine höhere Busse die Lenker davon abhält, mit dem Handy am Ohr zu telefonieren. «Wer 100 Franken Busse riskiert, schreckt auch vor 200 Franken Strafe nicht zurück.» Ausserdem müsse man bedenken, dass die Ordnungsbussenliste des Bundes 500 verschiedene Bussen beinhalte. «Es kann nicht die Aufgabe der Politiker sein, mit Aufträgen diese Bussenliste zu ändern», sagt Candinas. Dies sei Sache der Bundesämter.

«Verkehrskontrollen sind entscheidend»

Selbst bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung zweifelt man am präventiven Nutzen einer höheren Busse. «Entscheidend ist nicht die Höhe der Busse, sondern die Zahl von Polizeikontrollen», sagt Sprecher Daniel Menna. Das BfU halte deshalb vermehrte Verkehrskontrollen im Rahmen von Präventionskampagnen wie beispielsweise «Blindflug» für die geeignetere Lösung.

Für SP-Verkehrspolitikerin Edith Graf-Litscher sind Verkehrskontrollen genauso wichtig wie höhere Bussen. Deshalb unterstützt sie auch das Anliegen von Ingold. «Mich ärgert es, wenn die Höhe der Busse wegen Telefonieren am Steuer einem guten Mittagessen für zwei Personen mit Kaffee entspricht», sagt Graf-Litscher. Eine Erhöhung auf 200 Franken halte sie deshalb für angemessen - gerade auch im Vergleich zum Ausland.

Tatsächlich muss man in vielen europäischen Ländern fürs Telefonieren im Auto ohne Freisprecheinrichtung tiefer in die Taschen greifen (siehe Statistik). In Spanien und Italien zahlen Autofahrer mindestens 240 beziehungsweise 180 Franken Busse. Weil die Polizei einen Ermessensspielraum hat, kann diese auch weit höher ausfallen. In Italien sind dies bis zu 720 Franken. Aufgrund der tieferen Kaufkraft im Vergleich zur Schweiz schmerzen solche Bussen umso mehr.

Was ist verboten, was erlaubt?

Verboten während der Fahrt: Das Führen eines Telefongesprächs ohne Freisprecheinrichtung, SMS schreiben, Eingabe ins Navi, Telefonnummern heraussuchen, das Führen von ablenkenden Gesprächen.

Nicht generell verboten: Abnehmen und Aufhängen an einem gut fixierten Handy. Das Führen von nicht ablenkenden Gesprächen mit einer Freisprecheinrichtung.

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