Probleme in Europa: Terror treibt Schweizer in die Arme von Sekten

Aktualisiert

Probleme in EuropaTerror treibt Schweizer in die Arme von Sekten

Zurzeit missionieren Sekten in der Schweiz intensiv. Laut Fachleuten spielen die negativen Ereignisse in Europa den Gruppen in die Hände.

von
B. Zanni
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Menschen in einer schwierigen Situation laufen besonders Gefahr, Anhänger einer Sekte zu werden.

Menschen in einer schwierigen Situation laufen besonders Gefahr, Anhänger einer Sekte zu werden.

Für viele Sekten sei eine besonders «aufgeregte Zeit» angebrochen, stellt Sektenexperte Hugo Stamm fest. «Die Zeugen Jehovas befinden sich in einem regelrechten Apokalypse-Fieber.»

Für viele Sekten sei eine besonders «aufgeregte Zeit» angebrochen, stellt Sektenexperte Hugo Stamm fest. «Die Zeugen Jehovas befinden sich in einem regelrechten Apokalypse-Fieber.»

Sabina Bobst
Evangelikale Gruppen verbuchten vor allem bei Migranten Erfolge, sagt Regina Spiess, Mitarbeiterin der Fachstelle Infosekta. «Interessierte können sich schnell aufgehoben fühlen, weil sie gut integriert und unterstützt werden.»

Evangelikale Gruppen verbuchten vor allem bei Migranten Erfolge, sagt Regina Spiess, Mitarbeiterin der Fachstelle Infosekta. «Interessierte können sich schnell aufgehoben fühlen, weil sie gut integriert und unterstützt werden.»

zvg

Terroranschläge, Flüchtlinge, Bürgerkriege, Rechtspopulisten und der Brexit haben Europa ins Wanken gebracht. Die aktuelle Lage löst bei vielen Menschen Ängste und Unsicherheiten aus. Die Stunde der Sekten hat geschlagen. Zurzeit missionieren solche wie die Zeugen Jehovas (siehe Boxen) in der Schweiz intensiv.

Für viele Sekten sei eine besonders «aufgeregte Zeit» angebrochen, stellt Sektenexperte Hugo Stamm fest. «Die Zeugen Jehovas befinden sich in einem regelrechten Apokalypse-Fieber.» Sobald sich die Weltlage verschlechtere, nutzten Sekten die Gunst der Stunde, um ihre Endzeit-Theorien verstärkt zu propagieren. «Die Erfahrung zeigt, dass der Missionserfolg in solchen Zeiten ohne Zweifel grösser ist.»

«Zeichen, dass Satan die Welt regiert»

Auch die Fachstelle Infosekta berichtet von verstärkter Missionstätigkeit der Zeugen Jehovas. Vom 22. bis 24. Juli findet in Zürich der jährliche Sommerkongress statt. «Die Missionare wollen im Vorfeld möglichst viele Mitglieder gewinnen», sagt Mitarbeiterin Regina Spiess. Sie pflegten die Haustürmission; in letzter Zeit missionierten sie auch vermehrt auf der Strasse. Grundsätzlich spielten Katastrophen und Kriege sektenhaften Gruppen in die Hände. «Für manche Gruppen mit christlichem Hintergrund sind die Probleme auf der Welt deutliche Zeichen dafür, dass Satan die Welt regiert und die Endzeit naht.»

Laut Sektenexperte Georg Otto Schmid laufen Menschen in vulnerabler Lebenssituation besonders Gefahr, Anhänger zu werden. «Die problematische Weltlage kann eine subjektive Krise verstärken.» Jehova-Bücher mit Titeln wie «Das Geheimnis des Familienglücks» oder «Fragen junger Leute» könnten Rat versprechen.

«Missionare knüpfen an Ängste an

Reinhard Schmid, Präsident der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft gegen destruktive Kulte, sagt, dass es zurzeit viele «Suchende» gebe, die sich nach einer besseren Welt sehnten. «Je mehr Probleme es auf der Welt gibt, desto mehr Argumente haben die Missionare, um Lösungen für die schrecklichen Zustände auf der Welt vorzutäuschen.»

Regina Spiess sagt, evangelikale Gruppen verbuchten vor allem bei Migranten Erfolge.«Interessierte können sich schnell aufgehoben fühlen, weil sie gut integriert und unterstützt werden.»

«Viele Abgänge»

Die Zeugen Jehovas sind zurzeit aber auch intensiv am Missionieren, weil sie sich in einer finanziellen und personellen Krise befinden.«Sie verzeichnen in westlichen Ländern viele Abgänge», sagt Georg Otto Schmid.

Laut Hugo Stamm haben die grossen Sekten zudem einen schweren Stand. «Die grossen Gruppen schrumpfen und die kleinen boomen, weil sich die Menschen lieber möglichst individuell betreuen lassen.»

Getarnte Sekten

Laut Schmid tarnen zwielichtige religiöse Gruppen ihre Aktivitäten oft als Seminare oder Info-Wochenenden im Zusammenhang mit Wellness, Partnersuche, Sport oder Esoterik. Wer erstmals teilnehme, werde als Held gefeiert. «In der sonst kalten Gesellschaft kann man so schnell in den Sog einer Sekte geraten.»

Allerdings könne die grosse soziale Zuwendung aber auch zur sozialen Kontrolle werden, warnt Spiess. Mitglieder sektenhafter Gruppen entfremdeten sich oft von ihrem sozialen Umfeld. Auch kann eine Mitgliedschaft ins Geld gehen. Reinhard Schmids Frau verschrieb sich der St.-Michaels-Vereinigung. «Sie gab ihr ganzes Vermögen der Sekte ab.»

Waren Sie Mitglied einer Sekte oder wollen Sie aus einer Sekte aussteigen? Dann melden Sie sich und erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen hier:

Zeugen Jehovas glauben an Endschlacht

Die Zeugen Jehovas glauben an den «allmächtigen und ewigen Gott» Jehova. Ihre Lehre geht davon aus, dass Satan und seine Dämonen die Welt derzeit beherrschen. Jeder, der kein Zeuge Jehovas ist, soll unter dem Einfluss Satans stehen. Die Zeugen Jehovas rechnen damit, dass die apokalyptische Endschlacht «Harmagedon» bald bevorsteht. Überleben werden nur Jehovas Zeugen. Nach Harmagedon folgt das Paradies auf Erden.

Wie man Missionare abwimmeln kann

Wie soll man vorgehen, wenn Sektierer an der Türe klingeln? Die Fachleute raten, höflich und bestimmt sein Desinteresse mitzuteilen. «Wird insistiert, sollte man wortlos die Tür schliessen», sagt Georg Otto Schmid. Zu sagen, man habe keine Zeit, helfe nur für den Moment. «Denn die Zeugen Jehovas nehmen das wörtlich und kommen dann zu einem anderen Zeitpunkt wieder vorbei.» Laut Regina Spiess kann es als Interesse interpretiert werden und einen weiteren Besuch zur Folge haben, wenn man von Zeugen Jehovas an der Haustür ein Traktat entgegennimmt. «Will man keinen Besuch mehr, sollte man das ausdrücklich sagen.»

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