«Terroristen-Uni»: Terrormiliz IS stammt aus diesem US-Lager

Publiziert

«Terroristen-Uni»Terrormiliz IS stammt aus diesem US-Lager

Islamisten und Saddam-Hussein-Anhänger lernten sich im Camp Bucca im Irak kennen. Hier legten Abu Bakr al-Baghdadi und seine Topleute den Grundstein für den IS.

von
cfr

Das amerikanische Gefängnis im Irak wird als «Lager des explosiven Extremismus» bezeichnet: Camp Bucca. Neuen Erkenntnissen zufolge sassen mehrere spätere Topkommandeure der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hier ein. Unter ihnen: der IS-Gründer und selbsternannte Kalif, Abu Bakr al-Baghdadi, berichtet «CBS News».

Das Gefängnis galt als das grösste und brutalste im Irak. Viele führenden Personen des IS sollen sich im Camp Bucca (siehe Karte unten) kennengelernt und weiter radikalisiert haben. Unter ihnen auch die Nummer zwei nach Baghdadi, Abu Muslim al-Turkmani, der oberste Militärführer Haji Bakr und der Führer der ausländischen Kämpfer, Abu Qasim.

Viel Zeit, um eine Terrormiliz zu planen

«Camp Bucca war quasi eine Terroristen-Universität», schreibt die «Washington Post». «Die abgehärteten Radikalen waren die Professoren, andere Gefangene die Studenten und Gefängniswächter die Aufpasser.» Schon vor ihrer Verhaftung feilten Terroristen wie al-Baghdadi, der fünf Jahre in Camp Bucca sass, an Anschlagsplänen auf die USA. Im Gefängnis hätten sie Zeit gehabt, ihren Extremismus auszubauen, sagt der Veteran Andrew Thompson der «New York Times».

«Ich denke, es ist unumstritten, dass Camp Bucca einer der Hauptgründe für das explosive Wachstum des IS nach 2010 ist. Dort trafen sie sich und planten», sagt auch Patrick Skinner, vormals CIA-Offizier im Irak. «Viele von uns im Camp Bucca waren besorgt, dass wir, anstatt Gefangene festzuhalten, einen ‹Hochdruckkocher für Extremisten› geschaffen hatten», sagt James Skylar Gerrond, früherer Gefängnis-Kommandeur im Camp Bucca.

Camp Bucca lag nahe der Hafenstadt Umm Qasr im Süden des Iraks.

Islamisten und Baathisten mit gemeinsamem Feind

Beunruhigend war vor allem die Verbindung zwischen Saddam Husseins Baathisten und islamischen Fundamentalisten, die sich im Camp Bucca etablierte. «Man fügt diese zusammen und erhält eine Mischung aus organisierter militärischer Disziplin auf der einen Seite und hochmotiviertem, äusserst aktivem und ideologischem Eifer auf der anderen. Das Resultat sehen wir heute. Und es ist die giftige Brühe aus Bucca, die uns die heutige Situation beschert hat», sagt Skinner.

Um der fortschreitenden Radikalisierung der Insassen entgegenzuwirken, lancierten die USA im Camp Bucca ein Rehabilitationsprogramm für Extremisten – mit geringem Erfolg. Laut Militärs, die im Camp mitgearbeitet hatten, waren die Programme nicht effektiv umgesetzt worden. Zudem versank der Irak während dieser Jahre in absolutem Chaos. Die Amerikaner dachten nicht an die Zukunft – ein Fehler, den sie jetzt bereuen könnten.

Hunderte Extremisten auf freien Fuss gesetzt

2009 wurden Hunderte Gefangene aus Camp Bucca freigelassen. 90 Prozent von ihnen würden bald wieder kämpfen, prophezeite damals Saad Abbas Mahmoud, der Polizeichef des Gefängnisses, gegenüber der «Washington Post». «Das Problem ist gross und gefährlich.» Denn viele der Freigelassenen sprachen nur von einem: Rache.

Auch von Abu Bakr al-Baghdadi liegen «CBS News» Insassenfotos in gelber Uniform vor. Wenige sahen zu dieser Zeit voraus, dass er einer der gefährlichsten Terroristen weltweit werden würde.

Was ist Camp Bucca?

Die USA betrieben das Gefangenenlager von 2003 bis 2009 in der Nähe der Hafenstadt Umm Qasr im Süden des Irak. Eingerichtet wurde das Camp Bucca 2003 von britischen Invasionstruppen als provisorisches Kriegsgefangenenlager und innerhalb weniger Tage für eine Kapazität von 8000 Kriegsgefangenen ausgebaut.

Nach Ende der Hauptkampfhandlungen wurde das Lager von der 800th Military Police Brigade der US Army übernommen. Neben Camp Cropper in Abu Ghuraib war es zu eines der grössten Gefangenenlager des Irak.

Mehrere Initiativen, das Lager zu schliessen, scheiterten am kontinuierlichen Zustrom von neuen Gefangenen. Im September 2009 schloss das Lager endgültig seine Tore.

Deine Meinung